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Hand hält Türe

Freier Eintritt in die Geisteswissenschaft

Seit zehn Jahren gibt es die "Public Library of Science": frei zugängliche Zeitschriften im Internet zu Naturwissenschaften und Medizin. Eine davon - "PLOS ONE" - ist mittlerweile in Sachen veröffentlichter Studien pro Jahr die größte Zeitschrift der Welt. An diesen Erfolg will nun ein Projekt in den Geistes- und Kulturwissenschaften anschließen.

Publikationen 19.08.2013

Über Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen "PLOS" und der neuen "Open Library of Humanities" erzählen die beiden Projektleiter und Literaturwissenschaftler Martin Paul Eve und Caroline Edwards im Interview. So soll die Finanzierung anders verlaufen und auch Bücher Open Access erscheinen können.

science.ORF.at: Was ist die Hauptidee der "Open Library of Humanities"?

Porträtfotos von Caroline Edwards und Martin Eve

Martin Eve, Caroline Edwards

Martin Paul Eve ist Lecturer für Englische Literatur an der Universität Lincoln, Caroline Edwards ist ebenda Lecturer für Literatur im 21. Jahrhundert.

Ö1 Sendungshinweis:

Dimensionen: "Offene Wissenschaft für alle. Open Access in den Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften" am 19. August 2013, 19.05 Uhr.

Links:

Martin Eve: Es gibt eine ernste Krise bei Wissenschaftsveröffentlichungen, die unsere Bibliotheken vor den ökonomischen Bankrott stellt. Der Zugang zu unseren eigenen Forschungsresultaten und denen unserer Kollegen wird immer schwieriger, ganz einfach weil die Verlage zu teuer sind. Die Preise haben sich jenseits der Inflationsrate seit 1986 verdreifacht. Zugleich gibt es neue technologische Möglichkeiten, Forschungsresultate zu verbreiten, und das viel günstiger. Wir wollen deshalb ein interdisziplinäres Open-Access-Megajournal für die Humanities im Internet schaffen, das sicher digital archiviert wird und hohes wissenschaftliches Renommee hat. Es soll sowohl die wirtschaftlichen Probleme lindern als auch den Zugang zur Forschung für alle zu öffnen.

Caroline Edwards: Es gibt auch einen persönlichen Zugang zu der Geschichte. Martin und ich sind beide junge Wissenschaftler am Beginn unserer Karrieren. Wir haben gesehen, wie unsere Bibliotheken mit den hohen Kosten der Forschungsliteratur kämpfen, wie unsere Studenten und Studentinnen ihre wissenschaftliche Neugier nicht mehr befriedigen können. Das verstößt gegen alles, woran wir glauben. Speziell für außeruniversitäre Forscher wird es immer schwieriger, Zugang zur relevanten Literatur zu bekommen.

Was ist der aktuelle Stand des Projekts?

Martin Eve: Wir könnten das Journal heute schon starten, und man könnte sofort die ersten Artikel abliefern. Es würde aber nicht funktionieren, weil wir noch nicht das Prestige haben, das die Forscher zurecht verlangen. Sie würden ihre Zeit nicht investieren, und das würde die Nachhaltigkeit des Projekts gefährden. Ich will mich deshalb nicht auf einen konkreten Zeitplan festlegen. Sicher ist, dass wir nächstes Jahr die Plattform installieren und aktivieren werden. Und wir hoffen, 2015 die ersten Artikel veröffentlichen zu können. Bis dahin arbeiten wir am Netzwerk der Menschen, die dahinter stehen, die das Projekt unterstützen und Beiträge schreiben oder in Bibliotheken arbeiten. In gewisser Weise hat das Projekt also auch schon begonnen.

Caroline Edwards: Wir arbeiten hart daran, das gewünschte Prestige für das Projekt zu erreichen - wie es in anderen Disziplinen bereits gelungen ist.

Sie spielen vermutlich auf die "Public Library of Science" an - wie stark ist die naturwissenschaftliche und medizinische Open-Access-Plattform ein Vorbild für Ihr Projekt?

Martin Eve: Speziell "PLOS One" hat gezeigt, dass die Idee eines Megajournals funktionieren kann, das hat alle in der Open-Access-Bewegung begeistert. Es gibt aber einen großen Unterschied zu dem, was wir machen wollen. Bei PLOS gibt es "Article Processing Charges" - also Gebühren, die Autoren bzw. ihre Forschungsförderer für die Veröffentlichung der Artikel zahlen müssen. Das muss bei uns nicht so sein. Viel mehr Arbeiten in den Humanities werden nicht so wie in den Naturwissenschaften gefördert, sondern über Institutionen bezahlt. Hier Gebühren von 2.000 Pfund zu bezahlen, ist nicht machbar. Wir versuchen deshalb ein anderes Modell umzusetzen: Bibliotheken leisten dabei einen kleinen Beitrag. Das Geld fließt in einen gemeinsamen Topf und kommt für die Arbeit auf, die wir machen. Im Gegensatz zum Subskriptionsmodell, wo Bibliotheken große Geldmengen brauchen. Es geht also um eine kollektive Finanzierung, wo nicht der Autor mit den Kosten belastet wird.

Caroline Edwards: Das ist ganz wichtig: Open Access bedeutet nicht, dass immer der Autor oder die Autorin für die Veröffentlichung zahlen muss. Genau das wollen wir nicht, denn sonst würden sich wieder starke Hierarchien zwischen Universitäten und Institutionen ergeben: die einen, die es sich leisten, und die anderen, die es sich nicht leisten können. Wir wünschen uns ein System, in dem die Bibliotheken mehr Macht haben. Sie könnten sich zu Konsortien zusammenschließen und gemeinsam darüber entscheiden, welche Publikationen sie unterstützen. Wenn sie alle bereit sind, relativ kleine Geldbeiträge zu leisten, können alle gemeinsam das Material kostenfrei lesen. Sie kaufen kein Produkt mehr, sondern unterstützen nur noch die Wissenschaft, und zwar im Interesse von jedermann.

Ist es wie bei PLOS geplant, dass es mehrere Journals zu verschiedenen Disziplinen gibt?

Martin Eve: Wirklich aufregend finden wir die Idee von "overlay journals". Forscher und Forscherinnen senden dabei ihre Artikel ein, und diese kommen erst einmal in einen großen "Megajournal-Kübel". Ein angesehener und prominenter Wissenschaftler wählt aus diesen alle paar Monate die besten Arbeiten in einem bestimmten Feld aus und präsentiert sie - das ist ein "overlay journal".

Caroline Edwards: Die Idee ist nicht neu, wurde bisher aber noch nicht wirklich erfolgreich in einem Megajournal umgesetzt. Im Gespräch mit vielen Geisteswissenschaftlern hat sich ein gewisser Stolz auf eine Nischenmentalität gezeigt. Wir mögen diese Mentalität. Genauso mögen wir aber auch die Möglichkeiten eines Megajournals, wo man alle Arten von Suchfunktionen einbauen und die disziplinären Mauern überwinden kann. Das "overlay journal" kennzeichnet sehr gut, was wir versuchen zu erreichen.

Gibt es bereits Reaktionen aus der Verlagswelt auf Ihre Pläne?

Martin Eve: Das ist interessant. Einige bestehende Journals sind an uns herangetreten und haben gesagt: "Wir sind angefressen auf das bestehende Verlagssystem und würden auf euer System umsteigen, wenn es einmal funktioniert." Das hat uns einigermaßen schockiert, wir haben sie ursprünglich für Gegner der Idee gehalten. Aber sie interessieren sich im Gegenteil dafür, wie das funktionieren könnte.

Caroline Edwards: Es gibt eine Reihe von Gründen, warum das so ist. Bei einigen Journals geht es um die Urheberrechtsbestimmungen, andere sorgen sich um die Sicherheit der digitalen Speicherung auf lange Sicht. Und weil beides bei uns sehr streng und seriös sein wird, haben sie sich an uns gewandt.

Warum glauben Sie, dass gerade jetzt der Zeitpunkt reif ist für so ein Produkt in den Geistes- und Kulturwissenschaften - es gibt auch Beispiele für ähnliche Initiativen, die nicht funktioniert haben?

Caroline Edwards: Wir haben noch gar nicht über die Politik gesprochen. In Großbritannien wie auch anderswo gibt es die ausdrückliche Ansage, in Zukunft öffentliche Forschung Open Access zu publizieren. Dazu gesellt sich eine Bewegung aus den Wissenschaften selbst, die immer stärker wird. Der Trend in Richtung Open Access betrifft auch die Humanities. Timing ist dabei sehr wichtig, es gibt ganz unterschiedliche Initiativen von Verlagen, Wissenschaftlern und Plattformen. Wir hoffen und glauben, dass der Zeitpunkt jetzt ideal ist.

Martin Eve: Natürlich haben alle Projekte das Risiko, anfangs zu boomen und dann abzusacken. Aber wir haben schon jetzt eine Zusage für ungefähr 100 Artikel, die wir in unserem ersten Jahr veröffentlichen können, und Aussicht auf weitere 100 von den besten Leuten ihres Fachs.

Caroline Edwards: Ganz wichtig bei uns ist Kommunikation. Unser Projekt ist anders als andere, es hat als öffentliche Diskussion aller Interessierter begonnen. Wir bauen nicht nur etwas und stellen es dann als Online-Journal zur Verfügung, sondern es ging uns von Beginn an um Kommunikation.

Martin Eve: Wenn man etwas plant, das offen sein soll, dann müssen die Leute von Beginn an offen miteinander reden können: die Verleger, die Bibliothekare, die Software-Programmierer und die Wissenschaftler.

Humanities und Science unterscheiden sich nicht zuletzt in ihrer Publikationskultur - in den Geisteswissenschaften sind Bücher viel wichtiger - macht das den Open-Access-Gedanken nicht viel schwieriger?

Martin Eve: Ja, es gibt Unterschiede und wir sollten sie anerkennen und uns darüber freuen. Sie sollten aber nicht als Entschuldigung herangezogen werden, um Forschung in geschlossenen Bibliotheken zu horten. Ziel muss es sein, dass die Menschen unser Material lesen. Bücher, v.a. Monografien sind in den Geistes- und Kulturwissenschaften viel wichtiger, da haben Sie Recht. Sie sind das entscheidende Kriterium, um Positionen im akademischen Betrieb zu bekommen. Deshalb arbeiten wir mit drei großen und renommierten Uni-Verlagen zusammen, um sicherzustellen, dass wir auch Monografien Open Access anbieten können.

Wie soll das finanziert werden?

Martin Eve: Uns schwebt eine Art Quersubventionierung vor. Erst wird es nur eine beschränkte Anzahl von freien Monografien geben, dann mehr, die von diesen Verlagen verlegt werden sollen. Wir wollen abwarten, ob die Open-Access-Bücher dem Print-Buchverkauf schaden - erste Resultate zeigen, dass das nicht der Fall ist. Damit wollen wir die Grundlagen liefern für ein Open-Access-Modell, das auch mit Büchern funktioniert.

Caroline Edwards: Noch zu den Unterschieden - Naturwissenschaftler sind derzeit noch mehr bereit, Preprints oder Studien im Internet frei zu veröffentlichen. Aber es gibt auch eine sehr alte Tradition in den Geisteswissenschaften, Wissen frei zu verbreiten. Auf dieser Tradition sollten wir in der digitalen Umgebung aufbauen.

Ein weiterer Unterschied betrifft die Sprache, die in den Geistes- und Kulturwissenschaften wichtiger ist als in den Naturwissenschaften. Wird die "Open Library of Humanities" englische Muttersprachler bevorzugen?

Caroline Edwards: Das glaube ich nicht, genau wegen dieser Frage haben wir ein internationales Komitee gegründet. Es sind einige Herausgeber von Zeitschriften auf der Suche nach einer größeren Verbreitungsmöglichkeit ihrer Artikel zu uns gekommen, die nicht auf Englisch publizieren. Sie waren sehr besorgt darüber, dass Englisch die lingua franca auch in den Humanities wird, ähnlich wie in den Naturwissenschaften. Wir suchen nun nach Möglichkeiten, wie wir diesen Zeitschriften einen Platz bieten können. Vielleicht gibt es Möglichkeiten Artikel zu übersetzen, Abstracts, Titel etc. werden natürlich auf Englisch sein.

Ich persönlich arbeite mit deutscher Philosophie, und denke mir: Wenn etwas auf Deutsch erscheint, möchte ich das wissen. Auch wenn mein Deutsch nicht so gut sein sollte, will ich darauf zugreifen können, es vielleicht selbst übersetzen oder von jemand anderem übersetzen lassen. Deshalb ist es essenziell, dass wir Artikel in einer Vielzahl an Sprachen veröffentlichen. Wir arbeiten hart daran, unsere Netzwerke in Lateinamerika, Asien, Afrika etc. zu entwickeln. Das ist nicht ganz leicht, weil es natürlich eine Hegemonie von Nordamerika und Europa gibt.

Das könnte also ein großer Unterschied zu PLOS sein?

Martin Eve: Ich denke ja. Durch die Dominanz der angloamerikanischen Verlage interessieren sich viele gar nicht für die anderen Länder und Kulturen. Sie denken, dass das, was etwa wir Briten schreiben, alle lesen sollten. Und wenn sie mit uns kommunizieren wollen, dann in unserer Sprache. Ich finde das falsch und auch ethisch inakzeptabel, v.a. für Fächer wie den Postcolonial Studies. Deshalb schätzen wir die Unterschiede der Kulturen und wollen zugleich die Möglichkeiten für kulturübergreifende Kommunikation nutzen. Damit könnten wir Humanities schaffen, die sich wirklich mit der menschlichen Art beschäftigen und nicht nur mit einer bestimmten Unterart der nord-westlichen Hemisphäre.

Abschließende Frage: Warum sollte eine junge Wissenschaftlerin oder ein junger Wissenschaftler in den Geistes- oder Kulturwissenschaften bei Ihnen oder generell Open Access publizieren?

Caroline Edwards: Es gibt dabei zwei springende Punkte. Erstens: Die Art, wie Forschungsresultate verbreitet werden, wirkt sich direkt darauf aus, wie man von Kollegen wahrgenommen wird, ob sie einen zitieren, ob man auf Konferenzen eingeladen wird usw. Wir wissen von der "Public Library of Science", dass Artikel sehr viel häufiger zitiert werden, wenn sie online frei zugänglich sind.

Zweitens und das ist ganz grundlegend: Wir wissen, wie wichtig es gerade für junge Forscher ist, im richtigen Journal mit dem nötigen Prestige zu schreiben. Wenn wir mit unserer Zeitschrift beginnen und die ersten Artikel erhalten, werden wir das Renommee haben, viele angesehene und prominente Wissenschaftler werden mitmachen.

Wie z.B.?

Caroline Edwards: Einen, den man jetzt schon nennen kann, ist der Literaturwissenschaftler Adam Roberts. Er ist Experte für Britische Literatur des 19. Jahrhunderts und schreibt nebenbei erfolgreich Science-Fiction-Romane. Dazu kommen viele andere, die wir jetzt noch nicht nennen wollen. Generell denke ich, sollten sich junge Akademiker und Akademikerinnen sicher sein, dass unser Projekt eine gute Sache für ihre Wissenschaft ist und ihrem Lebenslauf nicht schaden wird.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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