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Dysphania pumilio, Australien-Drüsengänsefuß in den Pflasterritzen am Schwarzenbergplatz, daneben Zigarettenstummel

"Der Kampf gegen die Natur liegt uns im Blut"

Wie wichtig Pflanzen in der Stadt sind, haben in einem Sommer wie diesem selbst die naturfernsten Stadtbewohner bemerkt. Bäume, Wiesen und Sträucher sorgten zumindest für ein kleines bisschen Abkühlung in der Betonwüste. Warum es die Natur in der Stadt trotzdem nicht leicht hat, erklärt der Botaniker Manfred A. Fischer.

Pflanzen 27.08.2013

Im Gespräch mit science.ORF.at erläutert der streitbare Kämpfer für wildwachsende Stadtpflänzchen und gegen den "gärtnerischen Reinheitsfimmel", dass es die Natur so gar nicht gibt - weder in der Stadt noch am Land. Sie befinde sich im engen Wechselspiel mit dem Menschen, obwohl uns der Kampf gegen sie gewissermaßen im Blut liege.

Manfred A. Fischer

Manfred A. Fischer

Manfred A. Fischer ist Univ.-Prof. für Systematische Botanik an der Universität Wien, seit 2007 i. R. Forschung: Biosystematik (Taxonomie), botanische Evolutionsforschung, Flora Österreichs und Europas; Lehre: Pflanzensystematik, Pflanzenmorphologie, Vegetationsökologie, Nutzpflanzen, Flora Europas und Österreichs; Herausgeber und Mitautor der "Exkursionsflora von Österreich, Liechtenstein und Südtirol" und der taxonomisch-floristischen Zeitschrift "Neilreichia". Leiter botanischer Exkursionen, Tätigkeit in Volksbildung und Naturschutz, Mitarbeit an populärwissenschaftlichen Büchern über die Natur, insbesondere die Pflanzenwelt Österreichs.

Literaturtipps:

  • "Ökosystem Wien. Die Naturgeschichte einer Stadt." Hrsg. von Roland Berger und Friedrich Ehrendorfer, Böhlau Verlag (2011), ISBN: 978-3-205-77420-4
  • "Umwelt Stadt. Geschichte des Natur- und Lebensraumes Wien." Hrsg. von Karl Brunner und Petra Schneider, Böhlau Verlag (2005), ISBN: 978-3-205-77400-6
  • Exkursionsflora für Österreich, Liechtenstein und Südtirol (3. Auflage, 2008) von Manfred A. Fischer, Karl Oswald, Wolfgang Adler; hrsg. Biologiezentrum der Oberösterreichischen Landesmuseen, ISBN: 978-3-85474-187-9

Ö1 Sendungshinweis:

Dimensionen: "Stadtgrün. Pflanzliches Leben im Häusermeer" am 27. August 2013 um 19:05.

science.ORF.at: Kann es in der Stadt überhaupt Natur geben?

Manfred A. Fischer: Da muss man sich zuerst die Frage stellen: Was ist Natur? Gerade in der Stadt wird es besonders augenfällig, dass man verschiedene Naturbegriffe haben muss. Die Natur befindet sich - eigentlich scheinbar entgegen dem Begriff - in so engem Kontakt und Wechselspiel mit dem Menschen, dass die Natur ohne den Menschen gar nicht zu denken ist. Das bedeutet, dass wir dauernd dafür sorgen müssen, dass diese Natur Natur bleibt, auch wenn das widersprüchlich klingt.

Selbst die sehr naturnahen Bereiche, die es in Wien mit dem Wiener Wald und den Donau-Auen glücklicherweise noch gibt, sind keineswegs so intakt oder unberührt , wie das gern in der Umweltpolitik behauptet wird, sondern es handelt sich dabei immer um Kulturlandschaften, die über Jahrtausende vom Menschen beeinflusst und verändert worden sind. Aus Sicht des Naturschutzes geht es also heute darum, eine bestimmte Natur, die uns aus bestimmten Gründen wertvoll ist, zu erhalten.

Was halten Sie für schützenswert?

Als Botaniker und Naturschützer wollen wir natürlich die möglichst naturnahen Bereiche erhalten, weil wir glauben, dass diese für den Menschen als Erlebnisraum und nicht zuletzt auch für uns als Wissenschaftler wichtig sind - das braucht man nicht zu verschweigen: Wenn man die Natur zerstört, können wir auch nicht weiter forschen. Selbstverständlich braucht man die Naturforschung aber genauso für viele angewandte Disziplinen wie Medizin oder Pharmazie.

Auf der anderen Seite ist auch der ästhetische Wert der Natur wichtig und wird immer wichtiger, da ja gerade der moderne Zivilisationsmensch vielfach psychische Defekte hat. Und - da sind sich doch alle einig: Das Erleben einer möglichst wenig vom Menschen veränderten Natur ist für unsere psychische Gesundheit gut.

Welche Natur gibt es nun in der Stadt?

Wenn man an Natur in der Stadt denkt, fällt einem zuerst die eher "künstliche" Natur ein, nämlich das wenig naturnahe Grün von Rasenflächen, Parkanlagen und Alleebäumen. Natürlich sind diese für die Bewohner wichtig und niemand würde darauf verzichten wollen.

Es gibt aber auch eine weitaus natürlichere Natur im verbauten Gebiet, auf die viele offenbar sehr wohl lieber verzichten würden: die sogenannte Ruderalflora. Das sind Pflanzen, die nicht vom Gärtner gesetzt sind. Das ist alles, was auf Verkehrsflächen, zwischen Pflasterritzen, an den Mauerfüßen, zwischen den Straßenbahngleisen und vor allem auf den sogenannten "Gstätten", also auf unverbauten Flächen und Industriebrachen wächst. In der Stadt gibt es da erstaunlich viele verschiedene Pflanzenarten. Das ist eine fantastische Lebenswelt an Pflanzen und auch an Tieren, die eigentlich sehr natürlich ist, insofern als sie nicht vom Menschen geplant und gestaltet ist.

Leider wird das von vielen negativ gesehen, als Schandfleck. Auch wenn die Pflanzen noch so harmlos sind, werden sie als Unkraut verteufelt und mit allen Mitteln zerstört. Mir als Botaniker und meinen Kolleginnen und Kollegen, die gerade darauf ein Auge haben, tut dabei das Herz weh. Eigentlich benötigt diese Ruderalflora viel mehr Schutz als Alleebäume, die natürlich auch schützenswert sind, da sie besonders heute vielen Gefahren - von der winterlichen Salzstreuung bis zu Baumaßnahmen - ausgesetzt sind.

Wieso ist die Ruderalflora so verhasst?

Das hängt mit einer gestörten Haltung zu pflanzlichem Leben zusammen. Es gibt kein Bewusstsein, dass Pflanzen Organismen, also Lebewesen sind. Analoges gilt für Tiere - jenseits der uns verwandten Säugetiere, die als Ungeziefer verleumdet werden.

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?

Am Schwarzenbergplatz wächst z.B. zwischen den Pflasterritzen eine sehr seltene Ruderalart, die für Botaniker interessant ist: Dysphania pumilio, der Australien-Drüsengänsefuß. Das ist keine sehr auffällige Pflanze. Sie kann dort leider nicht zur Blüte kommen, weil sie von der MA 48 zerstört wird - obwohl nicht einzusehen ist, warum es dort nicht grün sein darf.

Dysphania pumilio wächst auch in Pflasterritzen entlang der Linie 5, Nähe Westbahnhof

Manfred A. Fischer

An anderen Stellen - hier in der Nähe des Westbahnhofs bei der Straßenbahnlinie 5 - wächst der aus Australien eingewanderte Drüsengänsefuß Dysphania pumilio im Gegensatz zum Schwarzenbergplatz (siehe Titelbild) sogar aufrecht.

Die harmlose kleine Pflanze stört nicht und bringt auch die Straßenbahn nicht zum Entgleisen. Man könnte sie einfach wachsen lassen. Man müsste nur ein Herz für Pflanzen haben und das ist in Wien leider spärlich, hier liebt man nur Gärten.

Soll oder kann man die Wildnis gezielt fördern?

Man muss sie nicht fördern, man muss sie nur lassen. Aber natürlich brauchen auch die naturnahen genauso wie die naturfernen Bereiche eine bestimmte Betreuung. Dafür braucht man allerdings ökologisches Wissen. Dann könnte man mit geringem Aufwand z.B. dafür sorgen, dass Wiesenflächen bunter werden, als sie es in der Regel sind.

Aber auch das scheitert zum Teil an der Einstellung, viele Menschen wollen einfach einen rein grünen Rasen, schon jeder Löwenzahn und jedes Gänseblümchen gilt als Unkraut. Das ist ein fehlgeleiteter Reinheitsfimmel. Ich frag immer die Leute: Warum legen Sie sich keinen Plastikrasen hin, der ist auch grün.

Gibt es überhaupt Unkraut?

Das bedeutet eigentlich nur, dass eine Pflanze nicht verwendbar ist. Der Begriff steht im Gegensatz zum Kraut, das heißt für den Menschen "nutzbares Gewächs". Man kann es als Arzneipflanze, als Nahrungsmittel oder als Futter für die Haustiere verwenden, Unkraut nicht. Im Acker meint man damit alles, was nicht gesät wurde.

Dass Unkräuter dennoch eine ökologische Rolle haben und das absolute Wegspritzen problematisch ist, wissen wir inzwischen. In der Alltagssprache wird das Wort auch für die Ruderalpflanzen verwendet, aber die sind ja eigentlich kein Unkraut. Sie stören ja nichts, wie im Acker, und nehmen niemandem etwas weg.

Sie sind also nicht nur nicht nützlich, sie werden einfach abgelehnt?

Natürlich hängt auch eine ökonomische Einstellung damit zusammen: Alles, was man nicht verwenden kann, lehnt man ab. Und auf die Ästhetik vergisst man deshalb, weil man die Pflanzen nicht kennt, und nicht weiß, dass sie auch schön sind. Im Naturschutz ist das Kennen immer die Voraussetzung für das Schützen. Und Wissenschaft ist bei uns leider immer noch ein Minderheitenprogramm.

Wäre das nicht eine relativ einfache Möglichkeit, eine grüne Stadt zu haben? Die wünschen sich doch die meisten Leute.

Natürlich: Das wird zum Teil auch schon erkannt. Wien hat in diesem Bereich auch schon ein paar gute Initiativen gesetzt, z.B. ein Ruderalschutzgebiet, wo man versucht, diese Pflanzen zu erhalten. Nur funktioniert das nicht richtig, das bedarf nämlich ebenfalls einer Betreuung. So gibt es etwa beim ehemaligen Schlachthof in St. Marx eine Fläche, die den Wienern eigentlich zeigen soll, dass solche wildwachsenden "Gstättenpflanzen" interessant sind. Nur ändert sich diese Vegetation ständig. So wie eine Wiese nur eine Wiese bleibt, wenn man sie mäht, sonst wird sie zum Wald.

Haben die "nutzlosen" Gewächse irgendeinen ökologischen Nutzen?

Natürlich sind sie auch Teil des Ökosystems. Es gibt eine Tierwelt dazu, die ist um nichts weniger auffällig, verlangt aber noch mehr Mühe, um sie kennenzulernen. Aber hier haben wir dasselbe Problem: Jenen, denen sogar vor Ruderalpflanzen graust, graust es noch mehr vor Insekten, auch wenn die meisten harmlos und nützlich sind.

Ist es also schlecht um die Vielfalt in der Stadt bestellt?

Nein, für Wien gilt das ganz und gar nicht. Im Gegensatz zu manchen Gegenden, z.B. im stark landwirtschaftlich genutzten Alpenvorland, ist Wien ein Paradies. Dort, in den von der Landwirtschaft beherrschten Gegenden, gibt es oft nur noch überdüngte Intensivwiesen mit sehr wenigen Arten, Forste (statt Wäldern) und Maisäcker - eine botanische Wüste. In Wien hingegen wachsen etwa zwei Drittel der Flora Österreichs, das sind 2.000 wildwachsende Arten. Eigentlich müsste man heute manche Städte unter Naturschutz stellen.

Ich bin außerdem ein alter Optimist, auch wenn es wenig Grund dafür gibt. Vieles ist zwar schlechter geworden, die Stadt ist verbaut, stärker technisiert und viel Natur zerstört worden. Also "naturnahe Natur" ist eindeutig weniger geworden, aber das Bewusstsein, das Interesse und das Verständnis, dass wir die Natur brauchen - von der naturnahen Natur bis zum künstlichen Grün - ist mehr geworden. Das ist erfreulich.

D.h., die Natur und ihr Schutz sind für den Mensch wichtiger geworden?

Ja, man kann sagen, dass sich das menschliche Verhältnis zur Natur in den letzten hundert Jahren ziemlich verbessert hat. Grundsätzlich ist der Mensch ja der Feind der Natur, es gehört sozusagen zu seiner Natur, die Natur zu bekämpfen.

Jetzt dreht sich das um, wir sind allerdings nicht darauf programmiert. Der Kampf gegen die Wildnis, gegen Wölfe, gegen Löwen, gegen Gelsen oder Schädlinge steckt noch immer in uns. Vielleicht ist das der Grund, warum manche die harmlosen Pflasterritzenbewohner umbringen.

Interview: Eva Obermüller, science.ORF.at

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