Standort: science.ORF.at / Meldung: "Stadt Wien verteidigt NS-Gedenkpolitik"

Modell des neuen Deserteurs-Denkmals am Ballhausplat in X-Form

Stadt Wien verteidigt NS-Gedenkpolitik

Wildwuchs und Planungslosigkeit in der NS-Gedenkpolitik: Diesen Vorwurf haben zwei Politikwissenschaftler vor einer Woche gegenüber der Stadt Wien gerichtet. Ganz anders sieht das naturgemäß der zuständige Stadtrat, Andreas Mailath-Pokorny.

Zeitgeschichte 06.09.2013

Im science.ORF.at-Interview verweist er auf die zahlreichen Mahnmale und Initiativen, die es bereits gibt, und gibt einen Ausblick, wie es in Zukunft mit der NS-Gedenkpolitik in Wien weitergehen wird.

Die Kritik der beiden Politikwissenschaftler Walter Manoschek und Peter Pirker, die sie in einem science.ORF.at-Interview geäußert haben, kann er nicht nachvollziehen.

science.ORF.at: Der Hauptvorwurf von Manoschek/Pirker lautet, dass Wien keinen Masterplan für das NS-Gedenken hat. Die Politik reagiert immer erst, wenn es einen Skandal gibt.

Porträtfoto von Andreas Mailath-Pokorny, der vor dem Straßenschild "Universitätsring" steht

PID/Schaub-Walzer

Andreas Mailath-Pokorny ist amtsführender Stadtrat für Kultur und Wissenschaft in Wien

WWTF-Projekt zum NS-Gedenken:

Walter Manoschek und Peter Pirker haben einen Wettbewerb des Wiener Wissenschaftsfonds (WWTF) gewonnen. Ihr Projekt "Politics of Remembrance and the transition of public spaces" wird das Verhältnis von Politik, NS-Vergangenheitsbewältigung und öffentlichem Raum dokumentieren.

Links:

Andreas Mailath-Pokorny: Das sehe ich anders. Die Stadt versucht seit geraumer Zeit, eine Politik der bewussten Erinnerungskultur zu betreiben, auf vielen Ebenen. Seit 1999 machen wir eine, wie ich denke, vorbildliche Restitutionspolitik, es gibt viele Initiativen im öffentlichen Raum, die sich dem Erinnern widmen, dazu kommen zahlreiche Ausstellungen, Forschungsprojekte etc. Ich kann den Vorwurf also nicht nachvollziehen.

Beispiel 8. Mai: Es hat lange Diskussionen gegeben, wie man des Kriegsendes 1945 am Heldenplatz gedenkt. Die Rechten haben ihr "Totengedenken" abgehalten, die Linken dagegen demonstriert und auf ein "Fest der Befreiung" verwiesen. Erst heuer hat sich die Politik auf ein "Fest der Freude" geeinigt. Das ist doch ein gutes Beispiel dafür, dass es erst die Skandale und die mediale Aufregung braucht, ehe die Politik etwas ändert.

Schon, aber es war die Stadt, die die Initiative ergriffen hat. Wir haben den Heldenplatz rechtzeitig dafür in Anspruch genommen, mit den Wiener Symphonikern ein würdiges Orchester gewonnen und die Grundfinanzierung für die Gedenkveranstaltung sichergestellt. Da sehe ich den Vorwurf nicht. Man darf auch nicht vergessen: Die Denkmäler im öffentlichen Raum - vom Mahnmal gegen Krieg und Faschismus über das Holocaust-Denkmal am Judenplatz bis zum neuen Deserteurs-Denkmal - sind alles städtische Initiativen. Mir ist nicht bekannt, dass der Bund oder andere Bundesländer solch Initiativen gestartet hätten.

Dazu versuchen wir, jüdische Friedhöfe nicht nur zu sanieren, sondern sie wie beim Friedhof in der Seegasse - weltweit einzigartig - wieder in jene Gestalt zu bringen, die sie vor der NS-Zeit hatten. Bei der Rückgabe von musealen Objekten sind wir viel weiter als die meisten deutschen Kommunen. Wir betreiben aktive Erbensuche, haben mittlerweile über 50.000 Objekte gescreent und 5.000 von ihnen restituiert. Historikerkommissionen haben die Straßennamen und Ehrengräber durchleuchtet, und wir haben bereits Maßnahmen ergriffen - Stichwort: Umbenennung des Lueger-Rings. Dazu haben wir erstmalig jüdische Gräber zu Ehrengräbern ernannt. Das war ja unglaublich: Als ich 2001 Stadtrat geworden bin, konnte ich kaum fassen, dass es das vorher nicht gegeben hat.

Bleiben wir beim Deserteurs-Denkmal: Würde es den derzeitigen Plan geben, wenn es nicht die Initiative der Gruppe rund um Richard Wadani gegeben hätte?

Natürlich gibt es Privatinitiativen, und denen bin ich auch dankbar. Dazu zählt die Gruppe um Wadani, die jahrelang für die Rehabilitierung der Opfer der NS-Militärjustiz gekämpft hat. Das war wichtig, genauso wie die Änderungen der entsprechenden gesetzlichen Regelungen und eine Veränderung im öffentlichen Bewusstsein. Das bestreitet niemand. Nur haben wir uns dieses Projekts in einem sehr intensiven Prozess angenommen, einen eigenen Historiker beschäftigt, der die theoretischen Grundlagen dazu erarbeitet hat, und sehr viel und sehr offen darüber diskutiert.

Vor allem über die Standortfrage?

Nicht nur, aber - ja - sehr lebendig und intensiv auch über den Standort. Ich stehe dazu, dass man bei einem so wichtigen Denkmal gut überlegt, wo es gebaut wird. Selbst aus heutiger Sicht, wo der Standort Ballhausplatz feststeht, gibt es noch gute Argumente für andere Standorte. Aber daraus abzuleiten, dass es keine Strategie oder keine eindeutige Willenserklärung der Stadt gegeben hat, ist einfach nicht nachvollziehbar.

Wird das Deserteurs-Denkmal gebaut und bis wann?

Selbstverständlich wird es gebaut. So wie andere Mahnmäler in der Stadt wird es von "Kunst im Öffentlichen Raum" (KÖR) umgesetzt werden. Bis Ende des Jahres werden die nötigen Vorarbeiten gemacht. Die genaue Zeitplanung liegt an KÖR, aber ich rechne fest damit, dass wir das Denkmal nächstes Jahr eröffnen können. Das wäre ein Jahr früher als im Koalitionsabkommen beschrieben.

Peter Pirker war bezüglich des Denkmals in unserem Interview skeptisch, weil es schon ein anderes Projekt gab, das letztlich nicht realisiert wurde: der "Rosa Platz" zum Gedenken an die Homosexuellen am Morzinplatz, der 2009 endgültig gescheitert ist. Hand aufs Herz: Lag es tatsächlich nur daran, dass man keine alltagstaugliche rosa Wasserfarbe gefunden hat, die das Denkmal - ein Wasserbassin - füllen sollte?

Ja, so war es. Ich habe selbst in mehreren Sitzungen zwischen dem Künstler und den Magistratsabteilungen (MA) vermittelt. Die MAs haben den Auftrag, ein Denkmal im öffentlichen Raum so abzusichern, dass es im Alltagsleben auch tatsächlich bestehen kann. Dass das nicht der Fall war, habe ich sehr bedauert und war mit Sicherheit kein Ausdruck von politischer Ablehnung. Es ist aber nicht so, dass auf dem Morzinplatz seither nichts geschehen ist. Wir haben dort eine Reihe temporärer Mahnmale, die an diese Opfergruppe erinnern.

Denken Sie noch an den Bau eines fixen Denkmals?

Das kommt darauf an. In den Gesprächen mit der Community hat sich gezeigt, dass es noch einen anderen Standort geben könnte, und die Realisierung hängt mit dem Standort zusammen.

Wo soll dieser neue Standort sein?

Das ist noch nicht spruchreif, aber die Gespräche zwischen KÖR und der Community laufen. Ich muss auch sagen: In der Wissenschaft selbst gibt es Debatten, ob es immer unbedingt ein Denkmal an einem bestimmten Ort sein muss, mit einer klar umrissenen Vorgabe. Ich bin da offen. Wenn aus der Community der Vorschlag für einen bestimmten Ort kommt, soll mir das recht sein. Dann werden wir das genauso umsetzen wie das Deserteurs-Denkmal.

Pirker/Manoschek haben auch kritisiert, dass die Diskussion rund um das Deserteurs-Denkmal im Vergleich zu deutschen Städten wenig transparent abgelaufen ist. Ich vermute, Sie sehen das anders.

So ist es. Es gab eine sehr intensive öffentliche Diskussion, in die das Proponenten-Komitee, die politischen Parteien und verschiedene Gruppen eingebunden waren. Das Denkmal wurde wissenschaftlich vorbereitet, es wurde öffentlich ausgeschrieben, wir haben versucht, das in einen Gesamtprozess einzugliedern. Ich kenne nicht viele Denkmäler, die mit so viel auch theoretischer Vorarbeit eingerichtet wurden.

Und ich möchte noch einmal generell betonen: Die Stadt Wien erinnert an verschiedenen Orten in verschiedener Weise. Es gibt eine Unzahl an Mahnmalen, die eingebettet sind in eine größere Strategie, zu der die Restitution, die Friedhöfe, die Straßennamen und vieles andere gehören. Auf symbolischer Ebene etwa die Ehrenbezeugungen aus der NS-Zeit, die wir für null und nichtig erklärt haben, oder das Einladen von Opfern und ihrer Nachfahren über das Jewish Welcome Service.

Wie geht es beim NS-Gedenken weiter, was sind die Schwerpunkte in der nächsten Zeit?

Wir werden die "Kunst im Öffentlichen Raum" weiter unterstützen. Die Restitution ist, fürchte ich, niemals abgeschlossen. Wir sind in der Lage den jüdischen Friedhof Seegasse durch die jüngsten Grabsteinfunde in den Zustand von vor 1938 versetzen und werden andere wie den Währinger Friedhof pflegen und erhalten. In Kooperation mit dem Bund wird das Wiesenthal-Institut seinen Vollbetrieb aufnehmen.

Und wir werden die Empfehlungen der Historikerkommission für die Umbenennung der Straßennamen mit den einzelnen Bezirken aufarbeiten. Das ist alles nicht ungeplant, sondern etwas, was wir uns seit Jahren vorgenommen haben. Natürlich kommen immer wieder neue Erkenntnisse hinzu, das ist der Lauf der Dinge. Als Stadt sind wir aber immer bereit, diese aufzunehmen und Neues umzusetzen.

Das aktuelle WWTF-Projekt müsste Sie deshalb freuen, weil es einen Überblick über das NS-Gedenken in Wien schaffen will.

Absolut, das Projekt wird ja auch mit Geld der Stadt finanziert. Ich freue mich auf die neuen Erkenntnisse, würde mir aber erwarten, dass es im wissenschaftlichen Erkenntnisinteresse liegt, sich genau anzuschauen, was tatsächlich alles bereits in Wien passiert ist.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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