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Wirtschaftskrise erhöhte Suizidraten

Als die Weltwirtschaft 2008 in die Krise rutschte, hatte das nicht nur ökonomische, sondern auch betrübliche soziale Folgen. In vielen westlichen Staaten stiegen im Jahr danach die Selbstmordraten an, berichten Forscher aus Großbritannien und China. In Europa waren vor allem die neuen EU-Mitgliedsländer betroffen.

Gesellschaft 18.09.2013

Fallende Aktienkurse, strauchelnde Banken, platzende Immobilienblasen, Defizite im Staatshaushalt - das sind die üblichen Assoziationen, wenn von wirtschaftlichen Krisen die Rede ist. Gleichwohl reicht die Ökonomie auch in ganz andere Bereiche. Wie eine Studie vom Juli dieses Jahres zeigt, hat die Finanzkrise 2008 die Geburtenrate in Europa gesenkt. Und zwar besonders dort, wo die Arbeitslosigkeit hoch war.

Laut der International Labor Organisation betrug die Zahl der Arbeitslosen im Jahr 2009 212 Millionen - 37 Millionen mehr als 2007. Positiv wirkte sich die schwächelnde Weltwirtschaft indes auf die Umwelt aus: Zumindest in Europa gingen die Emissionen von Treibhausgasen zurück. Wenn auch nur zwischenzeitlich, wie die Weltorganisation für Meteorologie und die Internationale Energie-Agentur berichteten.

Bereits während der Krise 2008 rief die Weltgesundheitsorganisation WHO auf, die Angelegenheit nicht nur aus pekuniärer Sicht zu betrachten, sondern auch die sozialen bzw. gesundheitlichen Aspekte im Auge zu behalten. Ein Aufruf, der sich auch wirtschaftlich argumentieren ließe: Denn letztlich wurden die Belastungen an die breite Bevölkerung weitergereicht, alle mussten für den Beinahe-Kollaps zahlen, auch die Armen und Kranken.

Zusammenhang mit Arbeitslosigkeit

Die Studie

"Impact of 2008 global economic crisis on suicide: time trend study in 54 countries", British Medical Journal (doi: 10.1136/bmj.f5239).

Forscher um Shu-Sen Chang vom Centre für Suicide Research and Prevention der Universität Hong-Kong haben nun die Auswirkungen auf die Selbstmordrate in 27 europäischen und 18 amerikanischen Ländern untersucht. Die Ergebnisse sind alarmierend. Im Vergleich zu den Jahren 2000 bis 2007 war die Rate 2009 in Europa um 4,2 Prozent höher, in Amerika stieg sie gar um 6,4 Prozent. Betroffen waren fast ausschließlich Männer, in Europa insbesondere die 15 bis 24-Jährigen, in Amerika jene aus der Altersgruppe 45 bis 64.

Wie zu erwarten war der Trend besonders dort ausgeprägt, wo auch die Zahl der Arbeitslosen emporschnellte. Wie Chang und seine Kollegen im "British Medical Journal" schreiben, waren in Europa insbesondere neue EU-Mitgliedstaaten betroffen (Bulgarien, Tschechien, Estland, Ungarn, Litauen, Lettland, Malta, Polen, Rumänien und Slowenien): Hier stieg die Zahl der männlichen Selbstmörder um 13,3 Prozent. Auf dem amerikanischen Kontinent war das Plus in den USA und Kanada am stärksten ausgeprägt (plus 8,9 Prozent).

"Tatsächliche Wirkung unterschätzt"

Hilfe bei Selbstmordgedanken

Kostenlose Telefondienste für Menschen mit Selbstmordgedanken bieten etwa die Ö3 Kummernummer (0800 600 607) sowie die Telefonseelsorge (142).

Eine Sammlung von Adressen und weiterführenden Links findet sich hier.

Die Forscher glauben, dass ihre Zahlen "die tatsächliche globale Auswirkung der Wirtschaftskrise auf Selbstmorde unterschätzen". Denn zum einen seien für viele Länder noch keine entsprechenden Daten vorhanden, Afrika, mittlerer und ferner Osten wurden beispielsweise in der Studie nicht erfasst. Zum anderen deuten die Daten darauf hin, dass der verhängnisvolle Trend auch danach anhielt. Zumindest in Europa (20 erfasste Länder) stieg die Rate weiterhin, das Plus von 2009 auf 2010 betrug 10,8 Prozent.

Chang und seine Kollegen fordern von der Politik, rasch Vorbeugemaßnahmen zu ergreifen, nicht zuletzt auch deshalb, weil Selbstmorde nur die Spitze eines Eisberges darstellen würden. Dahinter stehe die Ausbreitung emotionaler Belastungen in der Gesellschaft: Laut Statistik kommen auf einen tatsächlichen Selbstmord 30 bis 40 Suizidversuche und mehrere Hundert Selbstmordgedanken.

science.ORF.at

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