Standort: science.ORF.at / Meldung: ""Information ist der Urstoff des Universums""

Anton Zeilinger bei einer Rede

"Information ist der Urstoff des Universums"

Seit dem Sommer hat Anton Zeilinger zwei Jobs. Neben den Quanten im Labor lenkt er nun auch die Akademie der Wissenschaften. "Die Naturwissenschaft steht erst ganz am Anfang", sagt der Physiker in einem Interview - und prognostiziert: Unser Bild von Zeit und Raum wird sich noch grundlegend ändern.

Interview 23.09.2013

Seine Pläne als Akademie-Präsident will Zeilinger zunächst intern diskutieren. Fest steht für ihn: Die Gelehrtengesellschaft soll sich in Zukunft stärker in öffentliche Debatten einbringen.

science.ORF.at: Was ist schwieriger: Quantenphysik oder das Amt des Akademiepräsidenten?

Anton Zeilinger: Ausgezeichnete Frage! (lacht). Beides kann schwierig sein, aber wenn es Spaß macht, lassen sich die Schwierigkeiten als Herausforderung sehen. Lassen sie es mich so sagen: Ich habe eine spannende Lernkurve.

Nachdem Sie nun einen Jobwechsel vorgenommen haben: Kann man daraus den Rückschluss ziehen, dass für Sie alle wichtigen Fragen der Physik geklärt sind?

Ich muss klarstellen, dass ich keinen Jobwechsel vollzogen habe. Ich werde die Wissenschaft auf keinen Fall aufgeben. Denn erstens ist die Wissenschaft spannend, und zweitens halte ich es in meiner neuen Position für wichtig, nach wie vor in der Wissenschaft verwurzelt zu sein.

Wie viele Stunden pro Woche sind Sie Präsident und wie viele Physiker?

Das ist eine illegale Frage, denn Wissenschaft kann man nicht nach Stunden machen.

Zur Person

Anton Zeilinger ist seit 1999 Professor für Experimentalphysik an der Universität Wien und seit 2004 wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Quantenoptik und Quanteninformation (IQOQI) an der ÖAW. Bekannt wurde er u. a. durch seine Versuche zur Quantenteleportation, in den Medien mitunter auch als "Beam-Experimente" bezeichnet. Am 1. Juli übernahm Zeilinger von Helmut Denk das Amt des Akademie-Präsidenten.

Ich nehme an, dass die Akademie momentan mehr Zeit beansprucht.

Das ist sicher der Fall. Allerdings schaltet der Kopf eines Wissenschaftlers nie ab. Heute Abend höre ich etwa ein Konzert im Musikverein: Ich bin schon neugierig, ob mich währenddessen eher die wissenschaftlichen oder die administrativen Fragen beschäftigen werden. Ich glaube eher die wissenschaftlichen.

Zurück zu den großen Fragen der Physik: Was ist für Sie unbeantwortet, was wollen Sie noch klären?

Ob ich noch etwas klären kann, weiß ich nicht. Unabhängig davon bin ich der Meinung: Wir stehen in den Naturwissenschaften nach wie vor am Anfang. Die moderne Naturwissenschaft ist 300 bis 400 Jahre alt. Das ist im Vergleich zur Geschichte der Menschheit gar nichts. Zu glauben, dass wir alles gefunden haben, sagt weniger etwas über die Wissenschaft aus als über die Beschränkung der menschlichen Phantasie.

Was die Physik betrifft: Die Vereinheitlichung von Quantentheorie und Gravitation ist völlig ungeklärt. Über dieses Problem haben sich in den letzten 90 Jahren die gescheitesten Vertreter unserer Spezies erfolglos den Kopf zerbrochen. Das weist darauf hin, dass etwas ganz Fundamentales dahintersteckt.

Was könnte das sein?

Wenn ich das wüsste … meine persönliche Meinung ist: Unser Verständnis von Raum und Zeit muss sich ändern. Wir tun noch immer so, als ob Raum und Zeit ein Theater wären, in dem sich die Dinge abspielen. Raum und Zeit sind aber von den Dingen in ihnen nicht unabhängig. Das wusste im Prinzip schon Einstein.

Möglicherweise sind die Zutaten des physikalischen Weltbildes falsch gewichtet. Welche Rolle spielt die Information?

In diesem Punkt lehne ich mich aus dem Fenster und behaupte: Information ist der Urstoff des Universums! Das sage ich, um uns herauszufordern und zu animieren, darüber nachzudenken.

Niels Bohr meinte einmal: Es kann nicht Aufgabe der Physik sein zu beschreiben, wie die Welt ist. Sondern es kann nur ihre Aufgabe sein zu beschreiben, was wir über die Welt sagen können. Hier nimmt die Information bereits eine zentrale Stellung ein. Sie ist das, was wir sagen können.

Das führt zu der Frage: Was ist Information? Sie kann offenbar nicht unabhängig von dem gedacht werden, dessen Information sie ist. Und wenn das stimmt, behandelt die Physik im Descartesschen Sinne nicht alleine die Welt "da draußen" sondern besitzt eine subjektive Komponente.

Die Physik beschreibt letztlich nicht die Natur, sondern das menschliche Denken?

Das wurde zwar bereits so gesagt. Allerdings habe ich das Gefühl, es führt ein bisschen zu weit. Wenn Information zentral ist, dann ist die Welt auch dadurch definiert, was über sie gesagt werden kann. Ob die Definition aber notwendigerweise vom Menschen abhängt? Ich wäre da vorsichtig.

Sie haben sich im Laufe Ihrer Karriere intensiv mit der sogenannten Quantenverschränkung beschäftigt. Was ist das Besondere an diesem Phänomen?

Wenn man bei verschränkten Teilchen Messungen vornimmt, haben sie - zumindest in einem bestimmten konkreten Fall - immer die gleichen Eigenschaften. Und zwar ohne, dass die Eigenschaften vorher festgelegt wären. Bei eineiigen Zwillingen bestimmt die Information der DNA die gleichen Eigenschaften, aber bei Quanten gibt es eine analoge versteckte Information der Einzelzeilchen nicht.

Und was die Sache noch erstaunlicher macht: Die Teilchen können beliebig voneinander getrennt sein, das heißt, sie können gar nichts voneinander "wissen".

Auch Lichtjahre?

Im Prinzip auch Lichtjahre, es gibt keine theoretische Schranke. Wir haben auf den Kanarischen Inseln ein Experiment mit verschränkten Teilchen gemacht, bei dem die Distanz 150 Kilometer betrug. Offenbar sind die Messungen unabhängig von Raum und Zeit.

Womit wir wieder beim erwähnten Punkt wären. Mein Kollege Abner Shimony - übrigens Physiker und Philosoph - sagt: Diese Dinge zeigen vielleicht, dass unser Bild von Raum und Zeit falsch ist. Nur was wir stattdessen setzen sollen, das hat er leider nicht gesagt.

Denken Sie manchmal an den Nobelpreis?

Man sagt, dass ich schon ein paar Mal vorgeschlagen wurde. Natürlich wäre das eine hohe Auszeichnung. Aber es wäre vollkommen unsinnig, danach streben zu wollen.

Der letzte Eintrag ihres Weblogs "Quantinger" stammt aus dem Jahr 2009. Warum haben sie damit aufgehört?

Es ist eingeschlafen, weil es mich zu viel Zeit gekostet hat. Ich kann mir den Zeitaufwand schlicht und einfach nicht leisten.

In den Medien heißen sie mitunter "Mr. Beam". Mögen sie den Spitznamen?

Er war mir einmal unangenehm. Mittlerweile kann ich damit leben. Er hat einen gewissen Unterhaltungswert.

Was macht gute Wissenschaftspopularisierung aus?

Zunächst müssen die Fakten stimmen. Und man muss etwas Spannendes zu erzählen haben. Am wichtigsten ist jedoch die eigene Begeisterung. Für junge Menschen ist es essenziell zu sehen, dass Wissenschaft etwas Begeisterndes ist.

Haben Sie eine Buchempfehlung?

"Mr. Tompkins im Wunderland" von George Gamow hat mich vor vielen Jahren fasziniert. Aber um ehrlich zu sein: Ich lese heute keine populärwissenschaftlichen Bücher mehr.

Wie beurteilen Sie den Wissenschaftsstandort Österreich im internationalen Vergleich?

Die Emigration und Verfolgung von Wissenschaftlern zu Zeiten des NS-Regimes war natürlich eine unsagbare Tragödie. Sowohl für die Betroffenen als auch für das Land. Es hat bis zu den 80er Jahren gedauert, bis sich Österreich von diesem Verlust halbwegs erholt hat. In einigen Gebieten sind wir wieder gut - in anderen nicht.

Wo sind wir gut?

Ich möchte keine Zensuren verteilen. Fakt ist: Die Politik trägt dem nicht ausreichend Rechnung. Der Schweizerische Nationalfonds hat für Grundlagenforschung zwei Mal so viel Geld zur Verfügung wie unser Wissenschaftsfonds. Dabei ist unbestritten, dass die Grundlageforschung langfristig auch der Motor der Industrie ist. Die Schweizer wissen das.

Als letztes Jahr der durchaus üppig gestaltete Budgetplan des IST Austria vorgestellt wurde, gab es Kritik aus der österreichischen Forschergemeinde, auch seitens der Akademie der Wissenschaften: Eine "Ungleichbehandlung", lautete der Vorwurf.

Zu behaupten, das IST Austria bekäme zu viel, wäre Unsinn. Nur sollten alle Institutionen so viel Geld bekommen. Das Ziel muss sein, die Mittel für Grundlagenforschung in den nächsten zehn Jahren zu verdoppeln.

Noch eine Frage zu ihrer Wahl als Akademiepräsident: Wie läuft so etwas im Vorfeld ab?

Zuerst wurde ich von Kollegen gefragt, ob ich das tun will. Meine erste Antwort lautete: "Nein, ich möchte Wissenschaft machen." Dann kamen immer mehr auf mich zu und sagten: "Du wärst der richtige für dieses Amt." Und irgendwann dachte ich: Das könnte eine lohnende Aufgabe sein.

Sie sind der vierte Präsident in Folge, der der mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse zuzuordnen ist. Ein Hinweis auf eine Machtverschiebung?

Überhaupt nicht. Diese Trennung in Klassen ist historisch bedingt, ich denke weder in Klassen noch in Gruppen.

Die Budgets der Naturwissenschaften wachsen jedenfalls stärker als jene der Geisteswissenschaften.

Klar, das liegt am apparativen Aufwand. Aber es darf nicht dazu führen, dass die Geisteswissenschaften ausgehungert werden.

Welche Wünsche hat der Wissenschaftler Zeilinger an den Präsidenten Zeilinger?

Wir brauchen ein Klima in diesem Land, das junge Menschen dazu animiert, in die Wissenschaft zu gehen. Die Botschaft muss lauten: "Wenn du gute Ideen hast, gibt es eine Chance, dass sie auch finanziert werden."

Und in Bezug auf die Akademie?

Die Akademie soll zu diesem Klima beitragen und sich vermehrt in den intellektuellen Diskurs einbringen. Nur ein Beispiel: Wir haben hier genug Experten, die etwas zur Energieproblematik beizutragen hätten. Ich möchte die Gelehrtengesellschaft aufwerten, das ist sicher. Die Akademie sollte auch als Berater der Politik auftreten.

Wollen Sie Konkretes über ihre Pläne verraten?

Ich möchte meine Pläne zunächst den Mitgliedern der Akademie vorstellen und darüber diskutieren.

Wann wird das sein?

Die administrativen Änderungen werde ich im Oktober vorstellen. Was die anderen Dinge betrifft: Ich möchte keinen Fahrplan abgeben. Es ist besser, die Angelegenheit mit Augenmaß anzugehen als zu hudeln.

Interview: Robert Czepel, science.ORF.at

Mehr zu diesem Thema: