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Statue: Justitia mit Waage in der linken Hand

20 Jahre Konfliktwissenschaft

1993 wurde das Institut für Ethik und Recht in der Medizin gegründet. Anlässlich seines 20-jährigen Bestehens gibt der Theologe Ulrich Körtner einen Überblick zu Diskussionsfeldern dieser Forschungsdisziplin. Etwa die Frage: Wie viel Moral kann und darf in den Gesetzen stecken?

Medizinethik 23.09.2013

Medizinethik und Medizinrecht: neue Entwicklungen in Theorie und Praxis

Von Ulrich H.J. Körtner

Ulrich Körtner

Uni Wien

Ulrich Körtner ist Vorstand des Instituts für Systematische Theologie und Religionswissenschaft an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. Er leitet außerdem das Institut für Ethik und Recht in der Medizin. Siehe auch: Aussendung zum 20-jährigen Bestehen des Instituts.

"Medizinethik und Medizinrecht – quo vadis?" Unter diesem Motto feierte das Institut für Ethik und Recht der Universität Wien am vergangenen Freitag sein 20-jähriges Bestehen. Nach dem "hoffnungsvollen Blick in die Vergangenheit" des Institutsgründers Günter Virt, der die Anfangsjahre Revue passieren ließ, stand die Festveranstaltung ganz im Zeichen der gegenwärtigen Themen und Tendenzen von Medizinethik und Medizinrecht.

Über den aktuellen Diskussionsstand in der Medizinethik referierte Georg Marckmann. Er leitet das Institut für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin an der Ludwig-Maximilian-Universität München und ist Präsident der Akademie Ethik in der Medizin, die in Göttingen ihren Sitz hat.

Marckmann rückte Fragen der Theorie und der Methoden heutiger Medizinethik ins Zentrum. Die Medizinethik ist eine interdisziplinäre Wissenschaftsdisziplin. Philosophie und Theologie stehen hier im Austausch mit der Medizin und den Biowissenschaften, dem Recht und den Sozialwissenschaften. Das allein ist schon eine methodische Herausforderung ersten Ranges, da die Natur- und die Geisteswissenschaften ganz unterschiedliche Methoden anwenden.

Hinwendung zur Empirik

Wie in anderen Geistes- und Kulturwissenschaften hat auch in der Medizinethik in den letzten Jahren ein "empirical turn" stattgefunden. "Empirische Ethik" heißt die neue Formel. Vereinfacht gesprochen haben sozialwissenschaftliche Methoden in die Ethik Einzug gehalten. Mit Hilfe von quantitativen Befragungen und qualitativen Interviews wird erforscht, was Ärzte, Pflegepersonen und Patienten über Ethik im klinischen Alltag, zu Patientenverfügungen, Sterbehilfe oder Reproduktionsmedizin denken, welche moralischen Einstellungen sie haben und wie die Suche nach Lösungen für ethische Konflikte und ihre praktische Umsetzung im Alltag funktioniert.

So wichtig solche empirischen Studien auch sind, um der gelebten Ethik im medizinischen Alltag auf die Spur zu kommen und dafür zu sorgen, dass die Ethik einen praktischem Nutzen hat, so darf doch nicht aus dem Blick geraten, dass Ethik eine normative Wissenschaft ist. Sie beschreibt nicht bloß, welche ethischen Grundeinstellungen es faktisch gibt und wie Menschen in Alltag und Beruf tatsächlich handeln. Ethik fragt vielmehr: Wie sollen wir handeln, weil es moralisch gut und richtig ist?

Auf diese Frage gibt es freilich unterschiedliche und zum Teil gegensätzliche Antworten. Ethik ist eine Konfliktwissenschaft, die sich nicht nur mit ethischen Alltagskonflikten und dem Konflikt divergierender Moralvorstellungen auseinandersetzen muss, sondern auch mit dem Pluralismus und Konflikt der unterschiedlichen ethischen Theorien.

Von der Theorie zur Praxis

Für dieses Theorieproblem wird noch immer nach einer befriedigenden Lösung gesucht. Das bekannte bioethische Modell von Tom L. Beauchamp und James F. Childress begnügt sich mit der Aufstellung von mittleren Prinzipien: Autonomie, Benefizenz, Nicht Schaden, Gerechtigkeit. Es bleibt freilich in Theorie und Praxis unbefriedigend, weil ethische Prinzipien und ihre praktische Auslegung immer von einem Theorierahmen und divergierenden moralischen Überzeugungen abhängig sind.

Soll empirische Ethik nicht ein Schlagwort bleiben, ist noch einige theoretische Forschung vonnöten. Auch das Wiener Institut für Ethik und Recht arbeitet auf diesem Gebiet. Einerseits erstellt es empirische Studien wie die 2009 veröffentlichte Untersuchung zur praktischen Umsetzung des österreichischen Patientenverfügungsgesetzes und eine Nachfolgestudie, die 2014 abgeschlossen werden soll. Andererseits arbeitet das Institut auf den Feldern der Ethiktheorie und der interkulturellen Medizin- und Pflegeethik.

Weitere Themen, zu denen derzeit geforscht und publiziert wird, sind Medizin und Menschenbild, Öffentlichkeit, Medizin und Macht oder Vorstellungen vom guten Leben und ihre Bedeutung für Theorie und Praxis der Medizinethik. Das Institut ist aber auch ganz praktisch auf den Gebieten der Ethikausbildung, der Ethikberatung im klinischen und pflegerischen Alltag sowie in der Politikberatung tätig. Ein weiteres innovatives Gebiet in Forschung und Lehre ist die Patientensicherheit.

Die Brücke zwischen Recht und Ethik

Zu den Besonderheiten des Wiener Instituts gehört die Verbindung von Medizinethik und Medizinrecht. Diese Kombination gibt es sonst nirgends im deutschsprachigen Raum. Wie die Ethik ist auch die Rechtswissenschaft eine normative Disziplin. Und wie die Ethik sieht sich auch das moderne Medizinrecht mit dem Pluralismus divergierender Moralauffassungen und Ethiken konfrontiert.

Welche Schlussfolgerungen daraus zu ziehen sind, erörterte Stefan Huster in seinem Festvortrag. Huster hat an der Ruhr-Universität Bochum den Lehrstuhl für Öffentliches Recht, Sozial- und Gesundheitsrecht und Rechtsphilosophie inne. Die Brücke zwischen Ethik und Recht bildet nach Huster die Rechtsphilosophie.

Eine zeitgemäße Rechtsphilosophie sucht den Konflikt der Ethiken, Weltanschauungen und religiösen Überzeugungen durch die Formulierung eines ethischen Minimums zu befrieden, auf den sich alle Akteure in einer pluralistischen Gesellschaft und einem weltanschaulich neutralen demokratischen Rechtsstaat verständigen können.

Rechtsordnung ist nicht moralfrei

Die Rechtsordnung hat nicht die Aufgabe, die Einhaltung einer bestimmten weltanschaulich oder religiös gebundenen Moral durchzusetzen, sondern sie soll dem Rechtsfrieden dienen und das Zusammenleben von Menschen mit unterschiedlichen moralischen und weltanschaulichen Überzeugungen ermöglichen. Sie ist freilich selbst nicht völlig moralfrei, wie die grundlegende Idee der Menschenrechte zeigt. Menschenrechte und Menschenwürde sind einerseits begründungsoffen, andererseits aber auch begründungsbedürftig. Sie basieren auf bestimmten ethischen und anthropologischen Grundannahmen.

Gegen die rechtspositivistische Trennung von Recht und Moral, wie sie insbesondere von der reinen Rechtslehre Hans Kelsens vertreten wird, hat Gustav Radbruch seine bekannte These gesetzt, dass nur die Moral die verpflichtende Kraft des Rechts begründen kann und dass das gesetzliche Unrecht dem übergesetzlichen Recht weichen müsse, dessen Grundidee die Gleichheit, Zweckmäßigkeit und Rechtssicherheit umfassende Gerechtigkeit sei.

Neuere Entwürfe einer theologischen Rechtsethik (Martin Honecker, Hartmut Kreß) knüpfen daran an, betonen aber, dass Recht und Moral auch nach theologischem Verständnis unterschieden bleiben. Die moralische Begründung einer prinzipiellen Achtung des Rechts ist nicht mit einer durchgängigen Moralisierung des Rechts zu verwechseln.

Europa: Regelungen sehr unterschiedlich

Das gilt auch für das moderne Medizinrecht, zumal es zwischen den verschiedenen nationalstaatlichen Regelungen und internationalen rechtlichen Regelungen wie dem EU-Recht in manchen Fragen erhebliche Unterschiede gibt. In Österreich sind etwa die Herstellung menschlicher embryonaler Stammzellen, die Eizellspende und Präimplantationsdiagnostik verboten, in anderen europäischen Ländern dagegen nicht.

Huster spricht von einem Systemwettbewerb der Rechtsordnungen, der für die Entwicklung des Rechts in den einzelnen Nationalstaaten nicht ohne Folgen bleibt. Es gibt nämlich eine Art Abstimmung der Bürgerinnen und Bürger mit den Füßen. Wer unbedingt eine Eizellspende oder die Präimplantationsdiagnostik möchte, kann sich seinen Wunsch außerhalb Österreichs erfüllen – vorausgesetzt, man kann es sich finanziell leisten. Ob dies ein rechtlich und ethisch befriedigender Zustand ist, steht freilich auf einem anderen Blatt. Die genannten Beispiele berühren unter anderem Fragen der sozialen Gerechtigkeit.

Damit aber stehen wir wieder vor der Frage, die die beiden normativen Disziplinen der Medizinethik und des Medizinrechts beschäftigt: Was sollen wir tun und wie soll das Recht beschaffen sein, weil es gut und richtig ist? Das Institut für Ethik und Recht in der Medizin, nach wie vor das einzige seiner Art und ganz Österreich, wird den Diskurs zu dieser Frage weiterführen.

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