Standort: science.ORF.at / Meldung: ""Es gibt nicht nur eine Moderne""

Skyline einer asiatischen Großstadt

"Es gibt nicht nur eine Moderne"

Die Epoche der "Moderne" steht für Wandel und Fortschritt. Ausgehend von Europa - bedingt durch Aufklärung, Industrialisierung und Demokratie - hat sie die westliche Welt geprägt. Doch lässt sich die Moderne nach wie vor auf ein kulturelles Phänomen reduzieren?

Soziologie 30.09.2013

Nein, sagt der Soziologe Thomas Schwinn von der Universität Heidelberg: Es gebe heute nicht mehr nur ein dominantes Modell der Moderne. Viele Staaten hätten gezeigt - unter ihnen etwa ostasiatische Nationen -, dass das "Modell Europa" nur eines von vielen möglichen ist.

science.ORF.at: Welche Fortschrittsideen, welche Entwicklungstendenzen kennzeichnen die "moderne" Gesellschaft?

Thomas Schwinn: In den klassischen soziologischen Theorien des 19. und frühen 20. Jahrhunderts wird davon ausgegangen, dass "die Moderne" über ein bestimmtes Set an kulturellen Faktoren verfügt. Dazu gehören der Individualismus, die Demokratie oder die Freiheit des Einzelnen. Andere Faktoren wären der Kapitalismus als Wirtschaftsform, freie Wissenschaft und Kunst oder auch die zunehmende Säkularisierung der Gesellschaft.

Die Idee war, dass in modernen Gesellschaften die Religion massiv an Bedeutung verliert. Das zeigt sich dann etwa bei der Institution der Ehe, die sich nicht mehr an religiöse Vorgaben zu halten hat. All diese Ideen wurden dann nach dem Zweiten Weltkrieg herangezogen, um den Weg von Entwicklungsländern zu modernen Gesellschaften zu beschreiben.

Thomas Schwinn

IWM

Thomas Schwinn ist Professor für Allgemeine und Theoretische Soziologie an der Universität Heidelberg. Vergangene Woche war er mit einem Vortrag zum Thema "Multiple Modernities: Überlegungen im Anschluss an Max Weber" zu Gast am Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) in Wien.

Warum werden diese Kategorien des "Modernen" schließlich in Frage gestellt?

Diese Theorien wurden vor einhundert Jahren entwickelt. Zu diesem Zeitpunkt waren eine kleine Anzahl von europäischen Gesellschaften und jene Nordamerikas "entwickelt". Der Rest der Welt war so etwas wie der Hinterhof dieser Kolonialmächte.

Heute, 100 Jahre später, haben wir nicht mehr nur Europa und die USA in der ersten Reihe. Der ostasiatische Raum ist wirtschaftliche extrem wichtig. Länder wie Brasilien, Russland oder Japan haben sich stark entwickelt. Das heißt, die Länder Europas und Nordamerikas haben die Moderne zwar historisch erfunden, sie führen sie aber nicht alleine weiter.

Anscheinend werden nicht nur die Spielarten der Moderne, sondern auch der Urspung, die zeitliche Einordnung der Epoche selbst kontrovers diskutiert.

Aber eine gewisse Übereinkunft unter den Soziologen gibt es doch. Das 16. Jahrhundert mit der Einführung des Buchdrucks, mit der italienischen Renaissance, mit der Entwicklung des modernen Kapitalismus wird als wichtiger Wendepunkt wahrgenommen. Aber es brauchte danach noch einige Jahrhunderte, bis die Moderne voll in Bewegung kam.

Dafür ausschlaggebend war sicher die Französische Revolution Ende des 18. Jahrhundert und die industrielle Revolution im 19. Jahrhundert. Es gab also einen langen historischen Vorlauf, bis sich die Moderne vollends entfalten konnte.

So etwas wie eine Massenkonsumgesellschaft, ein Kennzeichen der Moderne, gibt es mittlerweile auch in nichtdemokratischen Ländern wie China. Auch die Gesellschaften der OPEC-Staaten leben auf einem hohen Wohlstandsniveau, obwohl die Freiheit des Einzelnen dort keinen großen Stellenwert genießt. Sind die Kennzeichen der europäischen Modernen obsolet geworden?

Das ist ja das Irritierende. Noch die Modernisierungstheorie der Nachkriegsjahrzehnte hat vermutet, dass immer ein bestimmtes Set an Institutionen und kulturellen Faktoren vorhanden sein muss, um ein Land zu modernisieren - Kapitalismus, Demokratie, Sozialstaat. Das bewahrheitet sich aber nicht.

China hat eine starke ökonomische Dynamik und trägt den Weltmarkt mit. China ist mittlerweile der Hauptgläubiger der USA. Gleiches gilt für die OPEC-Staaten. Da kann man nicht von Gesellschaften sprechen, in denen die Religion ihren Stellenwert verloren hätte. Das sind Phänomene, die man mit den traditionellen Theorien nicht fassen kann.

Ihrer Ansicht nach können Max Webers Arbeiten hier Antworten liefern, die die klassischen Entwicklungstheorien nicht geben können. Inwiefern?

Zunächst einmal hat Max Weber im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen keine "Evolutionstheorie" der Moderne entwickelt. Solche Evolutionstheorien gehen davon aus, dass sich Gesellschaften nach nur einem Modell, nach einer Blaupause entwickeln - traditioneller Weise nach dem Vorbild der europäischen und nordamerikanischen Länder.

Webers Konzept war anderes. Er hat insbesondere in seiner Religionssoziologie die verschiedenen Entwicklungsmuster und kulturellen Voraussetzungen verglichen. Gerade der Vergleich zwischen den europäischen und den asiatischen Gesellschaften hat ihn interessiert, die Betrachtung des Hinduismus oder der Konfuzianismus. Damit wollte er allzu forcierte evolutionistische Konzepte zügeln.

Auch er kommt zu dem Schluss: Es gibt nicht eine Moderne, ein an einer Evolutionstheorie ablesbares Modell, sondern wir müssen Gesellschaften vergleichen.

Sie beschäftigen sich in ihre Forschungsarbeit unter anderem mit einer Neubestimmung des Verhältnisses von Religion und Moderne. Beziehen sie sich hier auch auf die Theorien Webers?

Durchaus - und zwar bei einem ganz bestimmten Punkt: Die europäische und nordamerikanische Moderne ist wie gesagt durch einige Institutionen charakterisiert. Die Demokratie, den Kapitalismus, die Wissenschaft, die Kunst, die Liebe in Form der Ehe. Und das sind alles Bereiche, die ihren eigenen Werten folgen können.

Die Liebe hat sich nicht um politische Aspekte zu kümmern, die Kunst nicht um ökonomische Kriterien und meine Wissenschaft hat sich nicht mit religiösen Fragen zu beschäftigen. Und mich interessiert, wie dieses westlich moderne Denken durch das Christentum mitgeprägt wurde. Und das ist eine Thematik, die auch Max Weber interessiert hat.

Ist auch hier eine vergleichende Strategie notwendig?

Wenn man etwa die Modernisierung Japans verstehen will, ganz bestimmt. Dieses Land ist seit 150 Jahren modernisiert, die Gesellschaft des Landes hat sich westlichen Vorbildern aber nie angeglichen. Die kulturelle Prägung Japans kommt aus der Religion, aus dem Konfuzianismus. Das heißt, die religiösen Erbschaften spielen nach wie vor eine entscheidende Rolle bei der Modernisierung eines Landes.

Bisher war die Moderne mit der Vorstellung einer fortschreitenden Säkularisierung fest verbunden. Diese These wackelt also?

Die Säkularisationsthese stimmt schon für die Stammländer der Moderne nicht mehr. Wenn sie Europa und die USA vergleichen, dann sehen sie, dass die Säkularisation in den europäischen Gesellschaften zwar weit fortgeschritten ist, doch die USA sind ein durchgehend religiös geprägtes Land. Wenn der US-amerikanische Präsident vereidigt wird, dann schwört er auf Gott.

Der frühere deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder hat diesen Schwur auf Gott verweigert. In den USA wäre das vollkommen undenkbar. Es ist offensichtlich, Glauben und Moderne widersprechen einander nicht.

Hat die Religion in den modernen Gesellschaften Europas ihren Stellenwert komplett eingebüßt?

Längerfristige religiöse Erbschaften prägen natürlich auch die Gesellschaften Europas. Auch wenn ich völlig ungläubig bin, tradiere ich religiöse Werte. Zum Beispiel die Menschenrechte wird man nicht verstehen, ohne das Christentum auch zu verstehen. Säkularisation ist ein sehr weiter, klärungsbedürftiger Begriff.

Sie haben gesagt, dass Max Webers Theorien dazu herangezogen werden können, die Entwicklung verschiedener "Modernitäten" besser zu verstehen. Haben seine Ideen auch Platz in der aktuellen soziologischen Debatte?

Die heutige Diskussion wird meiner Ansicht nach zu grob geführt, mit zu einfach gestrickten Thesen. Auf der einen Seite haben wir Weltgesellschaftstheorien, Weltsystemideen, Globalisierungsthesen, die behaupten, wir haben eine durchgehende Homogenisierung von Lebensweisen, Strukturen und Kulturen. Und auf der anderen Seite haben wir Zivilisationsansätze, wie den "Kampf der Kulturen" des amerikanischen Sozialwissenschaftlers Samuel Huntington. Hier steht nicht die Globalisierung im Mittelpunkt, sondern die kulturellen Blöcke treffen aufeinander. Das sind alles zu einfache Kontexte.

Also wir brauchen Theorien, die zwar globale Tendenzen fassen, die aber auch die Relevanz der historisch gewachsenen, religiös geprägten Kulturräume in den Blick nehmen. Es ist nicht nur reine Globalisierung. Es gibt globale Tendenzen, etwa getragen vom Finanzmarkt. Aber auch die vergleichende Kapitalismusforschung zeigt, dass es Varianten des Kapitalismus gibt, für die der Weltmarkt offen ist.

Die Schwierigkeit besteht darin, diese Prozesse zu erfassen, ohne zu verallgemeinern. Und das ist der Vorteil von Max Weber. Von ihm kann man lernen, wie komplex eine Theorie angelegt werden muss, um solche Prozesse zu fassen.

Interview: Marlene Nowotny, Ö1 Wissenschaft

Mehr zu diesem Thema: