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Jürgen Renn

"Schaut den Baumeistern auf die Finger!"

Die Wissenschaft ist ein Kind der Praxis und der Handlung, sagt Jürgen Renn. In einem Interview klärt der deutsche Wissenschaftshistoriker, wie die Mondlandung, der Punk Rock und die Chinesische Medizin in sein Modell der Wissenschaft einzuordnen sind.

Wissenschaftsgeschichte 07.10.2013

science.ORF.at: Wie würden Sie einem Menschen aus dem Mittelalter erklären, was moderne Wissenschaft ist?

Jürgen Renn: Kommt darauf an, ob das ein Bauer ist oder jemand, der die mittelalterlichen Universitäten kennt. Nehmen wir an letzteres - dann würde ich sagen:

Zur Person

Jürgen Renn ist Direktor am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte und war nun zwei Wochen als Gastforscher am Wiener Doktoratskolleg "Naturwissenschaften im historischen, philosophischen und kulturellen Kontext" tätig. Am 2. Oktober hielt er an der Universität Wien den Vortrag "The globalization of knowledge and its normative consequences". Sammelband zum Forschungsschwerpunkt: "The globalization of knowledge in history".

"Lieber Mittelaltermensch, ihr habt schon eine hoch entwickelte Wissenschaft, ihr seid auf dem richtigen Weg. Aber ihr müsst mehr auf die Praxis achten, schaut den Baumeistern auf die Finger! Seht, wie sie Kathedralen bauen und versucht, das mit euren scholastischen Begriffen zu verstehen. Wenn ihr das lange genug macht, dann bekommt ihr die moderne Wissenschaft. Diese Wissenschaft kann den Aufbau der Welt beschreiben und sie kann mit Hilfe neuer Techniken auch in die Welt eingreifen. Aber, lieber Mensch aus dem Mittelalter, es gibt kein Rezept dafür. Man benötigt viel Zeit."

Inwiefern fußen etwa die Methoden von Galilei in der Praxis?

Er hat seine Methoden aufgrund von zwei Problemen entworfen. Zum einen verstanden die Ingenieure des Arsenals von Venedig nicht, warum ihre Kriegsschiffe ab einer gewissen Größe nicht mehr stabil waren. Galilei fand die Antwort, indem er die Hebelgesetze auf Baustoffe anwandte und so ihre Bruchfestigkeit bestimmte. Das ist die eine Grundlage seiner neuen Mechanik. Die zweite ist die Frage: Wie lässt sich die Flugkurve einer Kanonenkugel bestimmen? Auch hier hat Galilei - motiviert durch die Praxis - die richtigen Modelle gefunden.

Ihre These lautet: Die Globalisierung des Wissens ist keine Erfindung der Gegenwart, es gab sie vielmehr immer schon. Was kann man sich darunter vorstellen?

Zum Beispiel die Entwicklung der Schrift in Mesopotamien vor 4.000 Jahren. Die Idee, Sprache durch Symbole darzustellen, hat sich vermutlich quer durch Eurasien ausgebreitet. Ähnlich globalisiert war der Wissensaustausch in Bezug auf die Herstellung von Werkzeugen, Bronze, Keramik etc.

Inwiefern fügt diese Perspektive der Wissenschaftsgeschichte etwas Neues hinzu?

Bisher nahm man an, die Wissenschaft sei in Europa erfunden worden und habe sich von dort aus in der Welt ausgebreitet. Manche behaupten: Die Wissenschaft ist eine Ideologie der Modernisierung, die andere Weltsichten unterdrückt hat.

Meiner Ansicht nach ist die Wissenschaft keine Erfindung der Griechen, sondern Ergebnis eines viel längeren Prozesses, der schon vor tausenden Jahren eingesetzt hat und Beiträge vieler Kulturen eingeschlossen hat. Ähnliches gilt übrigens für Religionen, die einen langen historischen Weg mit der Wissenschaft teilen.

Sehen Sie eine geistige Verwandtschaft zwischen Ideologien, Religion und Wissenschaft?

Sie dienen völlig anderen Zwecken, Ideologien und Religionen der Sinnstiftung und der Legitimation von gesellschaftlichen Ordnungen, Wissenschaft dagegen der Erkenntnis. Dennoch besitzen alle drei auch Gemeinsamkeiten - und dazu gehört neben der Tatsache, dass auch Wissenschaft zur Sinnstiftung und zur Legitimation dienen kann, das Wissen als Grundlage jeden Handelns.

Wissen ist die Fähigkeit, Handlungen mental vorwegzunehmen. Das unterscheidet uns vom Tier. Karl Marx hat einmal geschrieben: "Eine Biene beschämt durch den Bau ihrer Wachszellen manchen menschlichen Baumeister. Was aber von vornherein den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene auszeichnet, ist, dass er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut." Wissenschaft entsteht dann, wenn eine Gesellschaft beginnt, Wissen um seiner selbst willen zu produzieren.

Gibt es einen Fortschritt des Wissens?

Natürlich, weil unsere Handlungsmacht im Laufe der Geschichte größer geworden ist. "Fortschritt" als Begriff ist insofern problematisch, weil er nahelegt, dass es eine vorgegebene Richtung gäbe. Tatsächlich ist es so wie in der Evolution: Der Mensch ist nicht die Krone der Schöpfung, auf die die Naturgeschichte zugelaufen ist.

So ein Ziel bestimmt auch die Entwicklung der Wissenschaft nicht. Der Erkenntnisfortschritt beruht auf einer Akkumulation, einer Anreicherung der Handlungsmöglichkeiten z.B. durch Technik, die auch die Möglichkeiten unseres Nachdenkens über die Welt vermehrt und verändert.

War die Mondlandung nur eine Akkumulation? NASA-Techniker würden vermutlich antworten: "Das ist ein wenig zu bescheiden."

Klar, es gibt auch noch andere Aspekte, da haben Sie Recht. Wissen besteht ja nicht im Handeln, sondern im Nachdenken über das Handeln und da können schon überraschende Ergebnisse herauskommen. Der Erkenntnisfortschritt hat völlig neue Vorstellungen von dieser Welt hervorgebracht. Ein Steinzeitmensch könnte sich kein expandierendes Universum vorstellen - und auch keine Mondlandung.

Die sogenannte Duhem-Quine-These besagt: Einzelne Theorien lassen sich nicht unabhängig überprüfen. Das, was an der Wirklichkeit scheitern kann, sind wissenschaftliche Weltbilder im Ganzen. Was halten Sie davon?

Ich halte das für einen typischen Philosophenradikalismus, der die Praxis nicht realistisch beschreibt. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Als Darwin seine Evolutionstheorie veröffentlichte, wandten viele Wissenschaftler ein: "Das kann nicht stimmen. Die Evolution würde für so langsame Vorgänge Millionen Jahre benötigen - und so lange liefert die Sonne keinen Brennstoff." Damals konnte man sich eben nur chemische Formen der Energieerzeugung vorstellen. Mit anderen Worten, man hätte aufgrund des Widerspruches auf die Kernfusion schließen können. Nur: So ist es historisch nicht gelaufen. Die Wissenschaftsdisziplinen sind zwar vernetzt, aber manchmal eben nur schwach.

Sie haben in einem Vortrag an der Universität Wien erwähnt, dass die Kopernikanische Revolution in China kaum zu Veränderungen geführt hat - jedenfalls nicht zu einer Revolution des Weltbildes. Warum?

Das lag an den unterschiedlichen Konstellation der beiden Kulturkreise. In Europa entstand das wissenschaftliche Wissen in engem Kontakt zur religiösen Weltanschauung. Die Sonne statt der Erde ins Zentrum des Sonnensystems zu stellen, führte zu einem Konflikt mit der Religion. Und das bedeutete, dass diese Neuerung automatisch weltanschauliche Züge hatte.

In China war die Religion zu dieser Zeit eher Privatsache. Die Astronomie war Staatsangelegenheit und vor allem dazu da, die Sonnen- und Mondfinsternisse zu bestimmen. Unter anderem auch deshalb, weil sich die Riten am Hof an astronomischen Ereignissen orientierten. Aber die Frage, ob nun die Erde oder die Sonne im Zentrum unseres Sonnensystems steht, war für die Chinesen völlig irrelevant, solange der Kalender stimmte.

Wann hat sich die chinesische Physik der europäischen angeglichen?

Im 19. Jahrhundert. Damals erkannten die Chinesen, dass die europäische Wissenschaft zu einer militärischen Überlegenheit führt - Stichwort "Kanonenbootpolitik". Ab diesem Zeitpunkt holten die Chinesen die wissenschaftlichen Revolutionen im Schnellverfahren nach.

Ist die Traditionelle Chinesische Medizin eine Wissenschaft?

Sie beinhaltet ein reiches Anwendungswissen und durch Erfahrung erprobte Praktiken, aber ob sie eine Wissenschaft im modernen Verständnis ist, will ich nicht beurteilen und bin daher eher skeptisch. Sie ist jedenfalls nicht in gleicher Weise wie die westliche Medizin mit dem Wissen von Physik, Biologie und Chemie vernetzt.

So gesehen erstaunlich, dass etwa die Akupunktur bei uns offiziell in medizinischen Praxen angewandt wird.

Finde ich nicht, ein Mediziner wird Ihnen im Rahmen des Patientengesprächs viele Empfehlungen geben, die nicht im Lehrbuch stehen. Wissen ist oft nur ein Patchwork, mal holt man sich hier Anleihen, mal von dort. Und oft weiß man nicht unbedingt, wie das alles zusammenpasst. Ich halte die Vorstellung für falsch, dass es eine Pyramide gibt, an deren Spitze die Theorie steht und unten, davon ableitbar, die Praxis. Wie sich Wissen bewährt, hängt auch von der Gesellschaft und ihrem Diskurs ab. Das kann unter Umständen auch stark von Moden und Ideologien abhängig sein.

Hatte Paul Feyerabend mit seiner These Recht, dass man sich für oder gegen die Wissenschaft entscheiden kann, wie man sich für oder gegen Punk Rock entscheidet - weil beide gleichberechtigte kulturelle Äußerungen sind?

Der Unterschied ist: Punk Rock hat nichts mit Erkenntnisgewinn zu tun.

Vielleicht würde das ein Punk Rocker anders sehen.

Ich glaube, da geht es eher um Lustgewinn … Man muss die Kirche im Dorf lassen. Warum kann die Wissenschaft nicht einfach Wissenschaft sein? Sie muss nicht auf etwas anderes zurückgeführt werden. Wissen ist Wissen. Wissen entsteht aus dem Nachdenken über unsere Handlungen, das ist gewiss nicht das Wesen des Punk Rocks, soweit ich ihn verstehe. Wissenschaft ist die kollektive Art und Weise, aus Erfahrung klug zu werden.

Interview: Robert Czepel, science.ORF.at

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