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Lesende Frau an einen Baum gelehnt

Literatur nützt im echten Leben

Lesen ist wichtig, unter anderem weil es uns hilft, die Welt und die Menschen besser zu verstehen. Besonders nützlich sind in dieser Hinsicht literarische Werke. Sie verbessern Forschern zufolge unsere sozialen Fähigkeiten mehr als Sachbücher oder Trivialromane.

Psychologie 04.10.2013

Lesend die Welt entdecken

Die Studie in "Science":

"Reading Literary Fiction Improves Theory of Mind" von .C. Kidd und E. Castano, erschienen am 3. Oktober 2013.

Lesen verschafft uns Zugang zur Welt, und zwar im direkten wie im weiteren Sinn. Direkt bedeutet: Informationen werden dadurch zugänglich und wir können uns Wissen aneignen - der Hauptgrund, warum die Lesekompetenz in der Bildungsdebatte eine derart zentrale Rolle spielt. Lesen zu können, erhöht ganz eindeutig die Chancen für ein erfolgreiches Leben. Aber Lesen kann noch mehr, es kann helfen, die Welt und die Menschen besser zu verstehen.

In besonderem Maße vermag dies laut den Forschern David C. Kidd und Emanuele Castano von der New School of Social Research in New York die Literatur. Sie zwingt uns, sich in Charaktere hineinzuversetzen und dabei unsere Ähnlichkeiten bzw. Andersartigkeit zu entdecken. Das gilt den Autoren zufolge aber nicht für alle fiktiven Texte in gleicher Weise. Einfach gestrickte Krimis oder Trivialromane verwenden meist Stereotype und verlaufen mehr oder weniger erwartbar. Da gebe es nicht viel zu lernen.

Ganz anders verhalte sich das bei sogenannter anspruchsvoller Literatur, denn sie fordert den Leser. Weder erfüllt sie seine Erwartungen noch bestätigt sie vorgefasste Meinungen. Derartige Bücher lassen sich nicht einfach passiv konsumieren, der Leser muss Lücken füllen, versteckte Bedeutungen suchen und oft unterschiedlichste Perspektiven einnehmen. Gehobene Literatur ähnelt den Autoren zufolge dem Leben weitaus mehr als Kitschromane und Thriller dies tun: Die Figuren sind häufig komplex, widersprüchlich und unvorhersehbar, genauso wie das Beziehungsgeflecht, in dem sie sich befinden - so gesehen ist sie ein ideales und gleichzeitig ungefährliches Trainingsfeld, um mehr über die Welt und die Menschen in ihr zu erfahren.

Andere besser verstehen

Laut den Forschern sollte dieses Training im echten Leben messbare Folgen haben. Genau das haben sie nun in mehreren Experimenten überprüft. Die Probanden mussten vorerst Auszüge aus unterschiedlichen Textsorten lesen, gehobene literarische Texte, einfache fiktive Texte und reine Sachtexte.

Einzuordnen, was zur Literatur zählt und was nicht, ist allerdings nicht ganz einfach, wie die Autoren einräumen. Literarische Qualität sei nun mal keine messbare Größe, die Übergänge fließend. Für ihre Abgrenzung haben sie daher externe Kriterien verwendet. Für die literarischen Textproben wählten sie unter anderem Stellen aus der Nominiertenliste für den US-amerikanischen National Book Award. Für die einfache fiktive Kategorie wurden Stellen von Amazon-Bestsellern verwendet und für die Sachtexte Auszüge aus dem Smithsonian Magazin.

Die sozialen Fähigkeiten der Probanden wurden im Anschluss an die Lektüre mit anerkannten psychologischen Tests eingestuft. Bei einem davon mussten sie beispielsweise auf Schwarz-Weiß-Fotografien Emotionen von den Augen der Abgebildeten ablesen, bei einem anderen auf Basis kleiner sprachlicher und optischer Hinweise Rückschlüsse auf die Gedanken und Gefühle eines Charakters ziehen. Bei allen der insgesamt fünf Testreihen schnitten die Teilnehmer aus der Literaturgruppe besser ab. Der statistische Effekt blieb auch erhalten, wenn Faktoren wie Alter, Geschlecht, Bildung und persönliche Einstellungen berücksichtigt wurden.

Die hier gemessenen Effekte sind zwar sehr kurzfristig, dennoch sind sie den Autoren zufolge ein klarer Hinweis darauf, dass die Auseinandersetzung mit anspruchsvoller Literatur dazu beiträgt, sich besser in andere reinversetzen zu können. Die Ergebnisse seien jedenfalls ein weiteres Argument dafür, dass Literatur sowie Kunst im Allgemeinen ein fixer Bestandteil der Bildungsstandards bleiben muss - ein Umstand, der zumindest in vielen US-Bundesstaaten seit kurzem nicht mehr selbstverständlich ist. Langfristig würden darunter auch die sozialen Fähigkeiten leiden.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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