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Musiknoten

Mit den Muskeln musizieren

"Mit Musik geht alles leichter", heißt es gemeinhin, und Sportler werden diesen Satz wohl bestätigen. Aber nicht nur die passive Berieselung macht das Training angenehmer. Besonders stark fällt der Effekt laut einer neuen Studie dann aus, wenn man während des Trainings selbst Musik machen kann.

Neurologie 15.10.2013

Deutsche Neurologen hatten die ungewöhnliche Idee, Fitnessgeräte mit einem Computerprogramm zu koppeln, das Musik je nach Bewegungsintensität der Testpersonen verändert. Die Forscher wollten damit nicht nur dem wohltuenden Effekt von Musik bei anstrengenden Tätigkeiten auf den Grund gehen, sondern auch mehr über ihren Ursprung herausfinden.

Die Studie:

"Musical agency reduces perceived exertion during strenuous physical performance" erscheint zwischen 14. und 19. Oktober 2013 in den "Proceedings of the National Academy of Sciences" (DOI: 10.1073/pnas.1217252110).

Laufen mit Musik im Ohr

Dass Musik anstrengende Tätigkeiten leichter erträglich macht, haben schon frühere Studien gezeigt - und viele wissen das wohl auch aus einem Selbstversuch. Der Rhythmus der begleitenden Melodie erleichtert es beispielsweise, eine Strecke in einem bestimmten Tempo zu laufen - und es zu halten, selbst wenn die Muskeln schon brennen.

Erklärt wurde diese Wirkung von Musik dadurch, dass sie die Körperwahrnehmung überlagert bzw. von ihr ablenkt. Vereinfacht ausgedrückt: Wir nehmen die Anstrengung weniger stark wahr, wenn uns gleichzeitig unsere Lieblingsmelodie im Ohr tönt.

Mit Gewichten musizieren

Ö1 Sendungshinweis:

Über die Studie berichtet auch "Wissen Aktuell" am 15. Oktober 2013 um 13.55 Uhr.

Thomas Fritz vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften wollte gemeinsam mit seinen Kollegen wissen, ob es tatsächlich nur Ablenkung ist, warum uns Training mit Musikbegleitung leichter fällt. Sie überlegten sich deshalb ein zugegebenermaßen nicht ganz einfaches Experiment, das Körperwahrnehmung mit Musik verknüpft:

Die Forscher verbanden drei Fitnessgeräte - einen Bauchtrainer, einen Stepper und eine Maschine zum Gewichtheben - mit einem Computer, auf dem eine Audiosoftware installiert war. Über einen Sensor wurde registriert, ob an der jeweiligen Maschine trainiert wurde. Dadurch konnte eine Gruppe der Versuchspersonen die Musik - laut Studie handelte es sich um einfache Elektronikmusik - direkt beeinflussen und beispielsweise den Rhythmus, die Stärke des Basses und die Loops steuern. Die andere Gruppe wurde während des Trainings passiv mit Musik berieselt.

Muskeln besser genutzt

Die Ergebnisse waren laut Studie eindeutig: Einerseits haben die Teilnehmer durch das gleichzeitige Musikmachen das Training weniger anstrengend empfunden. Andererseits wurden die Muskeln effektiver genutzt, wie die Trainingsdiagramme zeigten: Zwar erfolgten die Bewegungen nicht so regelmäßig wie beim reinen Zuhören, sie nutzten aber Sauerstoff und Kraft besser. Außerdem stellten sich der Studie zufolge die positiven Effekte bereits nach wenigen Übungsminuten ein - aber nur, wenn Training aktiv mit Musikmachen verbunden war. Passives Zuhören reichte nicht aus.

"Wir haben nicht nur eine neue Art Kraftmaschinen entwickelt, sondern es ergibt sich aus unseren Untersuchungen auch ein ganzes Forschungsfeld", betont Studienleiter Thomas Fritz. Denn neben den rein körperlichen Auswirkungen ergeben sich aus dem Experiment auch neue Einsichten darüber, warum sich Musik im Lauf der Menschheitsgeschichte entwickelt hat und wie musikalische Ekstase erreicht wird.

Die These der Forscher: Musik wurde seit jeher eingesetzt, um anstrengende Arbeiten besser bewältigen zu können. Als Beispiel zitiert Studienleiter Fritz das Mafa-Volk im afrikanischen Kamerun, das bei anstrengenden Feldarbeiten rituelle Gesänge anstimmt. Oder auch jene aneinander geketteten Straßenarbeiter in den USA der 1930er und 1940er Jahre, deren rhythmisches Klopfen auf die Kopfsteine Teil ihres Gesangs wurde.

Neben der Diskussion über die Wurzeln von Musik sehen die Neurologen aber noch ein konkretes Ergebnis ihrer Studie: Wenn man besser verstehe, wie sich positive Effekte erzielen lassen, könnte dies neue Ansätze in der Musiktherapie fördern - etwa bei Rehabilitationsmaßnahmen.

Elke Ziegler, science.ORF.at

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