Standort: science.ORF.at / Meldung: "Beginn der Sprache: Alarm!"

Schimpanse im Urwald schürzt die Lippen

Beginn der Sprache: Alarm!

Die Hypothese, die menschliche Sprache könnte aus Warnrufen entstanden sein, bekommt durch eine aktuelle Studie Aufwind: Wenn Schimpansen Alarm geben, richten sie die Botschaft direkt an ihre Artgenossen.

Schimpansen 18.10.2013

Das Lager der Sprachforscher ist an der Wurzel gespalten. Da gibt es jene, die Gesten als die Vorläufer der Kommunikation ansehen, und jene, die auf die Akustik setzen.

Alarmrufe von Primaten hatte man schon früher als mögliche Keimzelle der Sprachentwicklung in Verdacht, woraufhin die Anhänger der Gestikdoktrin bisher einwandten: Was wir als Warnung für andere deuten, könne genauso gut ein reiner Gefühlsausdruck sein, Schall ohne Sinn und ohne vorhergesehenen Empfänger.

Wenn der Ruf etwas mit Sprache zu tun haben soll, so das Argument, dann muss er von Intentionalität begleitet sein - mit der Fähigkeit, sich bewusst auf etwas oder jemanden zu beziehen. Bei Affengesten wurde diese Fähigkeit bereits nachgewiesen, bei Alarmrufen hingegen nicht.

Versuch mit künstlicher Schlange

Die Studie

"Chimpanzee alarm call production meets key criteria for intentionality", PLOS ONE (doi: 10.1371/journal.pone.0076674; 16.10.2013).

Katie Sloncombe ist letzteres nun mit einer Kombination aus kontrolliertem Experiment und Freilandbeobachtung gelungen. Die Psychologin von der University of York zog einen künstlichen Python an einer Fischerleine durch den Budongo-Wald, Uganda, und sorgte mit diesem Manöver regelmäßig für Aufruhr in einer wildlebenden Schimpansengruppe.

Wie Sloncombe im Fachblatt "PLOS ONE" schreibt, schlugen die Affen in Anwesenheit von Artgenossen öfter Alarm, als wenn sie alleine auf die Python trafen. Und sie hörten erst mit ihren Rufen auf, wenn sich die anderen Gruppenmitglieder in Sicherheit gebracht hatten.

"Dieses Verhalten legt nahe, dass die Alarmrufe mit Absicht entstehen, als Warnung vor Gefahr", sagt Sloncombe. Und das spreche wiederum dafür, dass das Alarmgeben vorsprachliche Eigenschaften in sich trage.

Ende der Debatte?

Damit ist das Match zwischen den beiden Fraktionen freilich nicht entschieden. Eine salomonische Lösung wäre etwa das "multimodale Modell", demzufolge beides, also Geste plus Alarm, an der Basis der Ursprache liegt.

Vielleicht haben die ersten sprachlichen Äußerungen auch weder mit dem einen noch mit dem anderen zu tun: Manche Forscher gehen nämlich davon aus, dass die Protosprache aus der Nachahmung von Naturlauten hervorgegangen ist. Viele Anhänger hat dieses Modell zwar nicht, dafür einen schönen Namen: "Ding-dong-Theorie".

Robert Czepel, science.ORF.at

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