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Porträtfotot des Nationalsozialisten Karl Ebner

Neue NS-Täterbiografie aus Südtirol

In Sachen NS-Aufarbeitung in einer Art "Verdrängungswettbewerb" mit Österreich zu stehen, attestiert der Historiker Thomas Mang dem italienischen Südtirol. Der Grund: Es gibt bisher nur wenige Forschungsarbeiten zur Rolle Südtirols in der NS-Zeit, Südtirol habe sich mit der Aufarbeitung der Geschichte noch länger Zeit gelassen als Österreich.

Zeitgeschichte 18.10.2013

Nun hat Thomas Mang die erste umfassende Biografie eines aus Südtirol stammenden NS-Täters vorgelegt. Karl Ebner war für die Deportation und Ermordung Zehntausender Jüdinnen und Juden verantwortlich.

Karl Ebner, geboren 1901 als Sohn eines Magazinarbeiters im heutigen Südtirol, steigt nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten zum Herrn über Leben und Tod auf. Zwar ist er offiziell nur stellvertretender Leiter der Wiener Gestapo-Zentrale, doch de facto hat er das Sagen, sagt der Historiker und Sachbuchautor Mang im Interview mit science.ORF.at.

Wie sind Sie dazu gekommen, sich mit dem Nationalsozialisten Karl Ebner zu beschäftigen?

Thomas Mang: Das passierte auf Anregung von Wolfgang Neugebauer vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands (DÖW), der festgestellt hat, dass über Karl Ebner - obwohl er Südtiroler bzw. österreichische Wurzeln hatte - noch nichts bekannt war. Wobei man sagen muss, dass der eigentlich Leiter der Wiener Gestapo, Franz Josef Huber, noch viel unbekannter war und bis heute auch geblieben ist.

Das Buch:

"Die Unperson. Karl Ebner - Judenreferent der Gestapo Wien. Eine Täterbiographie" von Thomas Mang ist in der Edition Raetia, Bozen, erschienen.

Die Unperson, Buchcover, Thomas Mang

Edition Raetia

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag im Dimensionen Magazin, 18.10., 19:05 Uhr.

Was konnte Sie zur Person Karl Ebner herausfinden?

Er wurde 1901 in Franzensfeste geboren und ist streng katholisch aufgewachsen. Seine Matura machte er am Jesuitenkolleg in Bozen. Seine Eltern mussten dann wegen angeblicher "pangermanistischer Umtriebe" auswandern und nach Osttirol übersiedelt. Ebner sollte zum Militär eingezogen werden in Italien, ist aber über den Brenner geflüchtet und war danach nie wieder in Südtirol. Er begann in Graz Jus zu studieren, ging dann nach Wien und promovierte 1928.

Danach hat er kurzfristig als "kleiner Polizist" gearbeitet. Wie verlief seine "Karriere" weiter?

Im Burgenland als Polizist in einer kleinen Bezirkshauptmannschaft lernte er einen Landsmann, den Südtiroler Adeligen Dr. Benno von Braitenberg-Zennenberg kennen. Ein Nazi der allerersten Stunde. Er war der entscheidende Einfluss für Ebner, Nationalsozialist zu werden.

Nachdem er bereits im Ständestaat als illegaler Nazi tätig war und als Informant für die Partei gearbeitet hat, hatte er exzellente Zeugnisse nach dem "Anschluss" Österreichs. Er hat sich sofort bei der Gestapo beworben. Später sagte er, er wäre "übergeleitet" worden vom österreichischen Staatsdienst zur Gestapo "wie Bahn- oder Postbeamte".

Welche Position nimmt er in der Gestapo ein?

Er fängt dort als Hilfsreferent an, korrigiert Rechtsschreibfehler in den Schriftstücken der Gestapo. Und nur ein dreiviertel Jahr später hat ihn der Leiter der Gestapo bereits zum Referenten der Abteilung "weltanschauliche Gegner" gemacht. Das war ein Sammelsurium von allem, was in der paranoiden Lebenswelt der Nazis staatsfeindlich war. Das begann bei politisierenden Kirchen, die Zeugen Jehovas, bis zu Rotariern und Theosophen. Integriert war auch die Vermögenseinziehung und das Referat allgemeine Judenfragen. Ebner war dann bereits 1939 Judenreferent der Gestapo.

Was hatte Ebner in dieser Position zu verantworten?

Eine seiner ersten Amtshandlungen war die sogenannte Stadionaktion im Jahr 1939, bei der rund 1.000 jüdische Männer im Praterstadion interniert wurden. 440 davon wurden anthropologisch vermessen und anschließend nach Buchenwald deportiert, von denen nur sehr wenige zurückgekommen sind. Bei einer weiteren Aktion wurden 1.500 jüngere jüdische Männer aus Wien, vor allem Handwerker, an die damals deutsch-sowjetische Demarkationslinie im geteilten Polen gebracht, um dort ein Barackendorf zu errichten. Das war eine Idee, die der Inspekteur der Sicherheitspolizei Walter Stahlecker mit Adolf Eichmann gemeinsam ausgeheckt hatte. Die Aktion war als Blaupause gedacht für die späteren Deportationen. Nur wenige überlebten. Und Ebner war nachweislich daran beteiligt.

Gab es demnach auch Verbindungen zwischen Karl Ebner und Adolf Eichmann?

Die beiden haben intensiv kooperiert, als Eichmann 1938 nach Wien kam. Er war sogar der erste Ansprechpartner Eichmanns, der nach Wien kam, um die "Zentralstelle für jüdische Auswanderungen" einzurichten.

Karl Ebner war dann der stellvertretende Leiter der Gestapo in Wien, hatte aber dennoch die exekutiven Funktionen über. Wie kam das?

Der Chef der Wiener Gestapo, ein Münchner namens Franz-Josef Huber, bekam diesen Posten sofort nach dem "Anschluss". Gleichzeitig war er Inspekteur der Sicherheitspolizei. Dementsprechend hat er sich sieben Jahre lang selbst beaufsichtigt. Dieser nationalsozialistische "Multifunktionär" hatte höchste Unterstützung in Berlin. Heydrich und sein enger Freund "Gestapo-Müller" haben ihn unterstützt. Huber konnte sich in Wien ein sehr angenehmes Leben leisten. Er war ein Lebemann, der mehr am Nachtleben interessiert war, als an der Tagesarbeit der Gestapo. Huber behielt sich die repräsentativen Aufgaben vor. Karl Ebner war hier der richtige Mann: loyal, ein Workerholic, und er leitete die Leitstelle in exekutiven Fragen praktisch alleine.

Organisierte Karl Ebner dementsprechend auch die Massendeportationen, unter anderem nach Lodz im heutigen Polen?

Diese Deportationen begannen im Grunde im Februar 1941 in Ebners Arbeitszimmer, wo Ebner persönlich die Weisungen erteilte. Die Initiative ging vom Wiener Gauleiter Baldur von Schirach und der Gestapo aus. Schirach wollte bei seinem Trauzeugen Adolf Hitler erreichen, dass in Wien Wohnungen frei werden, da die Wohnungsnot groß war. Er erhielt die Zustimmung 60.000 Juden und Jüdinnen schnellstmöglich zu deportieren. Die ersten Deportationen gingen dann auch von Wien aus und nicht vom sogenannten "Altreich". In einem Brief an einen Gauleiter gibt Ebner dann auch wörtlich zu, für die "Evakuierung" von 58.000 Juden und Jüdinnen aus seinem Bereich gesorgt zu haben.

Die Rolle von NS-Tätern aus Südtirol, wie Karl Ebner, ist in der zeitgeschichtlichen Forschung bis dato nicht wirklich thematisiert worden. Woran liegt das?

Thomas Mang: Der Südtiroler Verlag hat mir mitgeteilt, dass es bis dato noch keine umfassende Biografie eines Südtiroler NS-Täters gibt. Die Gründe dafür sind naheliegend, wenn auch nicht positiv. Ein Grund war, dass der italienische Staat 1943 auf der Seite der Alliierten, der Siegermächte war und kein Interesse daran hatte, eigene NS-Täter ins Rampenlicht zu stellen. Und auch in Südtirol selbst war man nur wenig an einer solchen Aufarbeitung interessiert. Es ist, wenn man es ironisch formuliert, so eine Art Verdrängungswettbewerb mit Österreich gewesen: Wer verdrängt die Aufarbeitung der NS-Verbrechen länger?

Bei ihre Recherche zur Täter-Biografie von Karl Ebner sind sie auf weitere Südtiroler Täter gestoßen. Standen die mit Karl Ebner in Verbindung?

Einer war eben der Mentor und Freund Ebners Dr. Benno von Braitenberg-Zennenberg, von der Zenoburg in Meran. Er hat eine spektakuläre Nazi-Karriere hingelegt, bis zum SS-Sturmbannführer. Braitenberg war Mitglied der sogenannten Feldpolizei, die Gestapo der Wehrmacht. Die Feldpolizei trieb vor allem am Balkan ihr Unwesen. Braitenberg war Nachrichtenoffizier dieser Feldpolizei. Ihm ist es gelungen, seine Vergangenheit und Täterschaft sehr sorgfältig zu verdecken.

Einen anderen NS-Täter habe ich zufällig während meiner Forschung zu Karl Ebner entdeckt, in seinem Wien-Südtirol-Netzwerk: Dr. Otto Begus. Er arbeitete als Illegaler hier in Wien im Bundeskanzleramt. Nach seiner Inhaftierung und Ausweisung aus Österreich ging er nach Berlin. Von dort wurde Begus als Polizeiinstruktor nach Abessinien geschickt und brachte es bis zum Leibwächter von Kaiser Haile Selassie. Er wurde von den Nationalsozialisten bei allerlei dubiosen Aktionen eingesetzt und landete schließlich auch bei der geheimen Feldpolizei.Begus wurde schließlich wegen Massenmordes angeklagt, Massenmord auch an der Zivilbevölkerung in Griechenland. Von den Landesgerichten Stuttgart und Traunstein wurde er 1948 zu drei Jahren schweren Kerkers verurteilt.

Wurde Begus in Österreich nicht angeklagt?

Er wurde auch hier vor dem Volksgericht angeklagt, im Jahr 1955, wegen "Mitschuld an Verbrechen des Mordes". Aber der Prozess kam nie zu Stande und wurde 1967 eingestellt. Insgesamt büßte er lediglich die drei Jahre im Gefängnis.

Auch Josef Ebner wurde nach dem Zweiten Weltkrieg angeklagt.

Ebner wurde zweimal angeklagt und mit Todesstrafe bedroht. Nach seinem Volksgerichtsprozess nach dem Krieg wurde das Strafmaß auf 20 Jahre Gefängnis reduziert. Aber es gab noch eine andere Strafandrohung und zwar der Todesstrafe, von seiner eigenen Organisation, der SS.

Wie genau verlief diese Verhaftung und Anklage ab?

Ebner wurde im Jänner 1945 in seinem Arbeitszimmer verhaftet. Er wurde dann vor dem höchsten Polizei- und SS-Gericht in München wegen Wehrkraftzersetzung, Häftlingsbegünstigung und Korruption dreifach zum Tode verurteilt. Dem ging eine Bespitzelungs- und Denunziationsaktion von eigenen Gestapo-Kollegen voraus, die nach dem Abgang von Huber auch seinen Schützling Ebner loswerden wollten.

Ebner wurde dann nach Neunkirchen gebracht. Und von dort gelang ihm eine abenteuerliche Flucht mit einem falschen Pass und er konnte sich in den letzten Tagen des Krieges bis in sein Elternhaus in Lienz durchschlagen. Kurz darauf wurde er allerdings von der britischen Besatzungsmacht verhaftet, weil er bereits in der ersten Kriegsverbrecherliste Österreichs zusammen mit Leuten wie Schirach und Kaltenbrunner an ganz prominenter Stelle aufgetaucht war.

Was passierte weiter mit Karl Ebner?

Er trat 1948 seine Haft an. Er bemühte sich intensiv in Begnadigungsgesuchen an die Präsidenten Renner und Körner um eine vorzeitige Entlassung, mit den absurdesten Behauptungen. Schließlich wurde er im Rahmen einer Generalamnestie 1953 begnadigt. Ebner war dann eine Zeitlang arbeitslos und nahm schließlich einen subalternen Posten in einer Tochtergesellschaft der Creditanstalt, einer Wohnbaugenossenschaft, als Hausverwalter an - unterbezahlt, weit überqualifiziert, total frustriert.

Interview: Tanja Malle, Ö1 Wissenschaft

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