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Ein Bub zählt Geld

Gehirn merkt sich Armut ein Leben lang

Wenn ein Kind in Armut aufwächst, kann diese Erfahrung das gesamte weitere Leben prägen - und zwar wörtlich, wie US-Forscher herausgefunden haben: Sie wiesen nach, dass gewisse Gehirnfunktionen bis ins Erwachsenenalter verändert bleiben, selbst wenn die Betroffenen dann bereits wohlhabender geworden sind.

Psychologie 22.10.2013

Besonders jene Teile des Gehirns, die für die Kontrolle von Emotionen zuständig sind, reagieren bei Menschen anders, die in ihrer Kindheit Armut erleben mussten, berichten der Psychologe Pilyoung Kim von der Universität Denver und seine Kollegen.

Die Studien:

In den "Proceedings of the National Academy of Sciences" erscheinen zwischen 21. und 25. Oktober 2013 zwei Studien zu diesem Thema: "Effects of childhood poverty and chronic stress on emotion regulatory brain function in adulthood" (DOI:10.1073/pnas.1308240110) und " Early-life stress has persistent effects on amygdala function and development in mice and humans" (DOI:10.1073/pnas.1310163110).

400 Millionen Kinder extrem arm

Die Zahlen beeindrucken immer wieder aufs Neue: Einer jüngst von der Weltbank präsentierten Studie zufolge leben weltweit 400 Millionen Kinder in extremer Armut. Sie stellen damit rund ein Drittel aller Menschen, die mit weniger als 1,25 US-Dollar (0,92 Euro) pro Tag auskommen müssten.

Für Österreich lieferte die Volkshilfe anlässlich des "Tags gegen Armut" am 16. Oktober die entsprechenden Informationen: Demnach sind in Österreich 268.000 Kinder und Jugendliche bis 19 Jahre bzw. fast jedes sechste Kind von Armut gefährdet. Am höchsten ist der Anteil in Wien mit 28 Prozent, am niedrigsten in Vorarlberg mit sieben Prozent. Als Schwelle für die Armutsgefährdung gilt hierzulande ein Haushaltseinkommen von 1.066 Euro (zwölf Monate) für Alleinlebende (pro Kind werden 320 Euro dazugezählt, pro weiterem Erwachsenen 533 Euro).

Auch gesundheitliches Problem

Ö1 Sendungshinweis:

Über die Studie und weitere Untersuchungen zu den Auswirkungen von Armut berichtete auch "Wissen Aktuell" am 22. Oktober 2013 um 13.55 Uhr.

Dass das nicht nur ein soziales, sondern auch ein massives gesundheitliches Problem ist, belegen zwei Studien, indem sie die empirische Unterfütterung für eine bereits häufig gemachte Beobachtung liefern: Wachsen Menschen in Armut oder unter traumatisierenden Umständen auf, werden sie als Erwachsene häufiger krank, wobei Depressionen, neurodegenerative Erkrankungen und Krebs besonders oft vorkommen.

Die direkte Verbindung in biologischer Hinsicht zwischen den kindlichen Erlebnissen und dem Gesundheitszustand im Erwachsenenalter wurde aber erst in Ansätzen gefunden. 2012 zeigte eine Studie, dass Gewalt gegen Kinder sogar ihr Erbgut verändern kann. Kim und Cohen ergänzen dieses "Linkpuzzle" um ein weiteres Element: die Gehirnfunktionen.

Um ihre Testpersonen zu finden, griffen Pilyoung Kim und seine Kollegen auf eine ältere Studie zu Armut am Land zurück. Sie machten insgesamt 49 Personen ausfindig, deren Familien an bzw. unter der Armutsgrenze lebten, als sie neun Jahre alt waren. Zum Zeitpunkt des Tests waren diese Personen 24 Jahre alt.

Ihnen und einer Kontrollgruppe wurden unterschiedliche Bilder gezeigt, einige zeigten harmonische Szenen, manche neutrale Motive, andere erschreckende und abstoßende Aufnahmen. Bei allen Testpersonen wurde die individuelle Reaktion über funktionelle Magnetresonanz festgehalten, außerdem konnten sie ihre unmittelbaren Emotionen durch Drücken entsprechender Knöpfe äußern.

Höherer Stresslevel

Bei den Versuchsteilnehmern mit einer Kindheit in Armut reagierten jene Teile des Gehirns, die für die Steuerung von Emotionen zuständig sind, anders als bei nicht vorbelasteten Menschen. Der präfrontale Kortex war weniger aktiv, weshalb er seine eigentliche Aufgabe nicht wahrnehmen konnte - nämlich die Amygdala als Zentrum für die Erkennung von Bedrohungen und Stressalarm zu steuern. Die Menschen konnten ihre Emotionen weniger kontrollieren und fühlten sich stärker gestresst.

Das Interessante dabei: Die aktuelle ökonomische Situation änderte an der Reaktion des Gehirns nichts, auch ein hohes Einkommen verringerte die Stressgefühle nicht. "Der durch Armut verursachte emotionale Stress in der Kindheit dürfte das Gehirn nachhaltig beeinflusst haben", schreiben die Forscher und bekommen von der zweiten aktuellen Studie Unterstützung: Matthew Malter Cohen von der Cornell University und seine Kollegen zeigen, dass Kindern, die zumindest zeitweise in einem Heim untergebracht waren, häufig Probleme haben, ihre Aufmerksamkeit zu fokussieren. Sie konzentrieren sich zu sehr auf potenzielle Bedrohungen und werden dadurch permanent abgelenkt. Und auch hier gilt: Die Prägung des Gehirns bleibt erhalten, auch wenn der Stressauslöser nicht mehr da ist. Der permanent höhere Stresslevel könnte wiederum zu mehr Erkrankungen im Erwachsenenalter führen.

Die Schlussfolgerung ist bei beiden Forscherteams die gleiche: Chronischer Stress in der Kindheit sollte möglichst vermieden werden. Überlegungen zu einer Kindergrundsicherung, um zumindest eine grundlegende wirtschaftliche Absicherung zu gewährleisten, erhalten damit wissenschaftlichen Rückenwind.

Elke Ziegler, science.ORF.at

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