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Ein weiblicher Cyborg mit einem verbesserten Techno-Auge schaut in die Kamera

Transhumanismus und Nietzsches Übermensch

Philosophische Vertreter des Transhumanismus sind davon überzeugt, dass der menschliche Organismus durch den Einsatz von technischen Maschinen verbessert oder gar ersetzt werden könnte. Dieses Projekt teilen sie mit Friedrich Nietzsche: Das Ziel ist ein verbesserter Mensch - der Übermensch.

Philosophie 02.11.2013

Ein wichtiger Vertreter des Posthumanismus ist der in Erfurt lehrende Philosoph Stefan Lorenz Sorgner. Er ist davon überzeugt, dass die nächste Etappe des Evolutionsprozesses eine Verschmelzung von Technik mit menschlichen Wesen mit sich bringen wird, wie er im Gespräch mit science.ORF.at am Rande eines Nietzsche-Kongresses in Naumburg/Saale ausführte.

"Anachronistischer Humanismus"

Der 1973 geborene Stefan Lorenz Sorgner unterrichtet Philosophie an der Universität Erfurt. Sorgner ist Mitglied zahlreicher Editorial und Advisory Boards, Mitherausgeber der Reihe "Musikphilosophie" beim Karl Alber Verlag, Herausgeber der Reihe "Beyond Humanism: Trans- and Posthumanism / Jenseits des Humanismus: Trans- und Posthumanismus" beim Verlag Peter Lang und fungiert als Director and Co-founder des Beyond Humanism Network.

Literaturhinweise:

"Menschenwürde nach Nietzsche: Die Geschichte eines Begriffs", Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt
"Musik in der deutschen Philosophie, Eine Einführung", (Herausgeber mit Oliver Fürberth), Metzler
"Wagner und Nietzsche. Kultur - Werk - Wirkung", (Herausgeber mit H. James Birx und Nikolaus Knoepffler), Rowohlt-Taschenbuch-Verlag
"Eugenik und die Zukunft", (Herausgeber mit H. James Birx und Nikolaus Knoepffler), Karl Alber Verlag
"Humanbiotechnologie als gesellschaftliche Herausforderung", Herausgeber mit H. James Birx, Nikolaus Knoepffler und Dagmar Schipanski, Karl Alber Verlag

Veranstaltung:

Der Internationale Nietzsche Kongress mit dem Titel "Nietzsche und Wagner. Perspektiven ihrer Auseinandersetzung" fand vom 17.-20. Oktober in Naumburg/Saale statt. Vor dem Beginn des Kongresses erfolgte die Präsentation des historischen und kritischen Kommentars zu Friedrich Nietzsches Werken, von dem im de Gruyter Verlag folgende Bände vorliegen.

Band 1.1 Kommentar zu Nietzsches "Die Geburt der Tragödie", kommentiert von Jochen Schmidt (2012); Band 6.1 Nietzsche-Kommentar: "Der Fall Wagner" und "Götzen-Dämmerung", kommentiert von Andreas Urs Sommer (2012); Band 6.2 Nietzsche-Kommentar: "Der Antichrist", "Ecce homo", "Dionysos-Dithyramben" und "Nietzsche contra Wagner" (2013), kommentiert von Andreas Urs Sommer

Andreas Urs Sommer äußerte sich im Gespräch mit science ORF.at über die Intention dieses für die Nietzsche-Forschung bahnbrechenden Kommentars:

"Dabei handelt es sich um den ersten umfassenden Kommentar, der Nietzsches Werk im historischen Kontext erschließt. Es liegt bisher kein übergreifender Kommentar zu seinem Gesamtwerk vor, der die philosophischen, historischen und literarischen Voraussetzungen aufarbeitet. Der Kommentar umfasst alle von Nietzsche publizierten Werke oder die er zur Publikation vorbereitet hatte. Dieser Kommentar wird, wenn er in weniger Jahren abgeschlossen sein wird, ein wichtiges Hilfsmittel für die Leser/innen sein, um Nietzsches Werke besser zu verstehen."

Ö1 Sendungshinweis:

Dimension: "Die Menschine. Wie der Transhumanismus die Grenze zwischen Mensch und Maschine auflöst", am 28.10., 19.05 Uhr.

Dabei beruft er sich auf die These der kanadischen Medienphilosophen Arthur und Marilouise Kroker: "Wir leben in einer entscheidenden historischen Phase: der Ära des Transhumanen. Dieses Zeitalter ist charakterisiert durch ein gnadenloses Bemühen seitens der virtuellen Klasse, das Verlassen des Körpers zu forcieren, die sinnliche Wahrnehmung auf den Müll zu kippen und stattdessen eine entkörperte Welt von Datenströmen zu ersetzen."

An diese für viele Ohren gewagte These knüpft Sorgner an. Er fordert dazu auf, über die biotechnologische Revolution nachzudenken, um auf deren Herausforderungen zu reagieren. Da helfe es nicht, sich auf ein anachronistisches Weltbild des Humanismus zu berufen, das gebetsmühlenartig beschworen wird.

Sorgners zentrale These drückt es folgendermaßen aus: "Ich habe ernsthafte Gründe, darüber nachzudenken, warum biotechnologische und sogar genetische Veränderungen moralisch legitim sein können und nicht moralisch verwerflich sein müssen."

Beispiel Gehirnschrittmacher

"Gehirnschrittmacher für alle" so lautete eine provokante Formulierung Sorgners, um die Aufmerksamkeit darauf zu richten, welche Möglichkeiten bereits die gegenwärtigen Technologien bieten. Die Hirnstimulation durch sogenannte Gehirnschrittmacher erfolgt durch einen neurochirurgischen Eingriff in das Gehirn.

Sie wird genutzt, um Parkinson-Patienten und auch sehr stark depressive Patienten zu behandeln. Diese Form von Behandlung, die auch bei teilweise nach traditionellen Methoden austherapierten Depressiven angewendet wird, ist sehr erfolgreich; sie liegt bei einer Erfolgsquote von über fünfzig Prozent.

Bezug auf Sloterdijks Menschenzüchtung

In seiner Arbeit bezieht sich Sorgner im Gespräch auch explizit auf den Vortrag von Peter Sloterdijk im bayrischen Schloss Elmau mit dem Titel "Regeln für den Menschenpark". aus dem Jahr 1999. Dieser Vortag sorgte für großes Aufsehen und brachte ihm harsche Kritik von Seiten der akademischen Philosophie ein - von Julian Nida-Rümelin über Jürgen Mittelstrass bis zu Jürgen Habermas. In diesem Vortrag befürwortete Sloterdijk eine "Ethik des anthropotechnischen Machtgebrauchs" und plädierte für eine "biopolitische Mobilmachung".

Gemeint ist damit die gezielte Züchtung von Menschen. Die sei deswegen erforderlich, meinte Sloterdijk, weil wir uns in einer gesellschaftlichen Situation befinden, in der die herkömmliche Erziehung und Bildung versagt habe. Diese Form der Steuerung, die Sloterdijk mit dem Projekt des Humanismus gleichsetzt, habe es nicht geschafft, die aggressiven und gewalttätigen Bestrebungen des Menschen zu domestizieren. "Was zähmt noch den Menschen", fragte Sloterdijk, "wenn der Humanismus als Schule der Menschenzähmung scheitert?"

Genetisches Entscheidungsrecht für die Eltern

An dieser für viele Menschen skandalösen These knüpft Sorgner an und konkretisiert die Frage, wie die von Sloterdijk angesprochene Steuerung aussehen soll. Er spricht sich dafür aus, dass Eltern ein Entscheidungsrecht hinsichtlich der genetischen Zusammensetzung ihrer Kinder haben sollten. Da stellt sich die kritische Frage, ob dadurch den Eltern das Recht gegeben wird, gleichsam Gott zu spielen und Kinder zu generieren, die ihren jeweiligen Vorstellungen entsprechen.

Sorgner antwortete im Gespräch mit science.ORF.at auf diesen Einwand eher vage: Er ging davon aus, dass Eltern in der herkömmlichen Erziehung genauso unveränderliche Zustände hervorbringen können, wie es bei genetischen Produktionen der Fall ist.

"Im Rahmen der Erziehung können genauso viele falsche Entscheidungen getroffen werden, kann ein Leben genauso schlimm zerstört werden, wie es im Rahmen von genetischen Veränderungen der Fall sein könnte. Darauf muss mit gesetzlichen Regulierungen geachtet werden, damit Eltern im Rahmen ihrer Erziehung keinen Kindesmissbrauch begehen."

Mensch - ein Seil zwischen Tier und Übermensch

Eine zentrale Rolle für den Transhumanismus und auch für Sorgner spielt die Philosophie von Friedrich Nietzsche, speziell die Konzeption des "Übermenschen". Der Begriff wurde von den Nationalsozialisten diskreditiert und für die Ideologie des "Herrenmenschen" missbraucht. Es ist nun ein besonderes Anliegen von Sorgner, den derartig in Misskredit geratenen Begriff zu rehabilitieren. Dies versucht er in einer genauen Lektüre von Nietzsches Passagen, die sich auf den "Übermenschen" beziehen; vor allem in seiner Schrift "Also sprach Zarathustra. Ein Buch für alle und keinen", das zwischen 1883 und 1885 erschien.

Hier wird die Evolution der menschlichen Spezies als work-in progress beschrieben, die sich vom "nicht festgestellten Tier" über das mit Rationalität ausgestattete "höhere Tier" (der Mensch) zum "Übermenschen" hinbewegt. Die Bewegung ist jedoch nicht im Sinne von Aristoteles als zielgerichteter Prozess zu verstehen, der im Ideal des Übermenschen mündet. Der Mensch, der den Weg zum Übermenschen beschreitet, ist bloß "ein Seil, geknüpft zwischen Tier und Übermensch, ein Seil über einen Abgrund". Entscheidend dabei ist die Verbesserung, die Intensitätssteigerung der menschlichen Existenz.

Selbstüberschreitung durch permanentes Üben

Peter Sloterdijk spricht in diesem Zusammenhang in seinem Buch "Du musst dein Leben ändern", das von Nietzscheanischen Gedanken geprägt ist, ebenfalls - wie in dem Elmauer Vortrag - von einer "Anthropotechnik des Menschen". Sie besteht in der Maxime "Üben, üben, üben" und realisiert das, was Nietzsche als permanente Überwindung, als Selbstüberschreitung bezeichnete.

Die Übung ist für Sloterdijk jene Operation, "durch welche die Qualifikation des Handelnden zur nächsten Ausführung der gleichen Operation erhalten oder verbessert wird". Durch mentale und physische Übungen steigert sich die Fähigkeit, "die Kraft zu entwickeln, Herr zu werden über das Chaos, das man ist".

Überwindung des Menschen mittels Technik

Fazit: Der von Sloterdijk/Nietzsche entfaltete Gedanke einer permanenten Überwindung, in einer Überschreitung der menschlichen Existenz, nimmt Sorgner in seinen Arbeiten auf. Allerdings soll die Transgression zum Posthumanen mit technologischen und genetischen Eingriffen in den Bauplan des Menschen erfolgen.

"Mir persönlich erscheint eine biotechnologische Verbesserung unserer Psychophysiologie als plausible Weiterentwicklung der Menschheitsgeschichte. Wir haben stets auf Techniken zurückgegriffen, um unser Leben leichter, besser und angenehmer zu machen und unsere Gesundheitsspanne zu verlängern."

Nikolaus Halmer, Ö1 Wissenschaft

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