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Erster Weltkrieg: Kriegsgefangenenlager

Der Mythos von der besseren Gefangenschaft

Österreich-Ungarn hat im Ersten Weltkrieg Kriegsgefangene zur Arbeit gezwungen. Dass es diesen Gefangenen besser ging als jenen im Zarenreich oder in Deutschland, sei ein Mythos, sagt die Historikerin Julia Walleczek-Fritz.

Erster Weltkrieg 04.11.2013

Der Arbeitseinsatz von Kriegsgefangenen war ein zentraler Bestandteil der Kriegswirtschaft in den Jahren von 1914 bis 1918. Dahinter würden viel mehr massive Gewaltmechanismen, als bloße ökonomische Notwendigkeit stecken, erklärt die österreichische Forscherin im Interview mit science.ORF.at.

science.ORF.at: Ihr Forschungsschwerpunkt ist die Kriegsgefangenenproblematik in der k.u.k. Monarchie. Wann ist es im Ersten Weltkrieg erstmals zum Arbeitseinsatz von Gefangenen gekommen?

Julia Walleczek-Fritz: Als die ersten Kriegsgefangenen Ende 1914 in den Gefangenenlagern - fern den Fronten - im Hinterland der Donaumonarchie, also den ehemaligen Kronländern Niederösterreich, Oberösterreich, Salzburg, der Steiermark, in Böhmen und auf ungarischem Gebiet eintrafen, waren die Lager, die von zivilen, lokalen Firmen erbaut wurden, die zum Teil als Heereslieferanten eingetragen waren, noch nicht fertig gestellt. So haben die k.u.k. Behörden entschieden, die Kriegsgefangenen ihre eigenen Baracken fertig bauen zu lassen. Und damit kommt es zu einer ersten Vermischung zwischen militärischen und zivilen Bereich - durch diese Arbeitsverwendung.

Historikerin Julia Walleczek-Fritz

walleczek-fritz

Zur Person:

Julia Walleczek-Fritz ist Historikerin und Ausstellungsmacherin. Ihre Forschungsschwerpunkte in Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg sind die Kriegsgefangenenproblematik in Österreich-Ungarn, die Südwestfront/Krieg im Gebirge und Krieg und Kulturtourismus. Sie arbeitet unter anderem am Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung. Walleczek-Fritz ist außerdem als freie Wissenschafterin an der Schallaburg Ausstellung "Jubel & Elend. Leben mit dem großen Krieg, 1914-1918" beteiligt. 2014 startet ein FWF-Forschungsprojekt (Träger ist das Österreichische Staatsarchiv) unter der Leitung der österreichischen Historikerin Verena Moritz, das sich mit der Kriegsgefangenenproblematik in Österreich-Ungarn befassen wird. Walleczek-Fritz wird dort als wissenschaftliche Mitarbeiterin ihre Forschung zum Thema fortführen.

Wie ging es weiter?

1914 hatte Österreich-Ungarn noch kein wirkliches Interesse daran, die Kriegsgefangenen zur Arbeit einzusetzen. Ein Argument war, dass es sich um "den Feind" handelte und man nicht wusste, in welche Gegenden man sie bringen sollte. In Böhmen etwa befürchtete man Annäherungen mit der dort ansässigen slawischen Bevölkerung. Ende 1914 wurde zum ersten mal zaghaft diskutiert, die Kriegsgefangenen für Infrastrukturprojekte einzusetzen, aber noch waren die Gegenstimmen mächtiger. Im Februar 1915 kam es dann zu einer Sitzung, an der bezeichnenderweise das Ministerium für Öffentliche Arbeiten, das Ackerbauministerium und das Eisenbahnministerium teilgenommen haben. Es ging wieder um Infrastrukturprojekte.

Gleichzeitig wurde immer deutlicher, dass es zu viel kostet, die Gefangenen nur zu verwahren und Sicherheitsprobleme wurden befürchtet. Zusätzlich fehlten in Österreich-Ungarn durch die ersten großen Mobilisierungswellen Arbeitskräfte, Frauen- und Kinderarbeit führten nicht zum gewünschten Ergebnis. Damit wurden die Stimmen immer lauter - und zwar von offizieller k.u.k. Behörden-Seite - die einen Arbeitseinsatz von Kriegsgefangenen forderten. Er sollte die internen Probleme lösen.

Von wie vielen Kriegsgefangenen sprechen wir eigentlich?

Eines der großen Probleme ist, dass wir diesbezüglich keine genauen Zahlen kennen. Die Spanne reicht von 1,2 bis 2,3 Millionen Gefangenen, die sich in k.u.k. Gewahrsam befanden. Und das ist doch ein erheblicher Unterschied. Auch die Gefangenen nach Nationalitäten aufzuschlüsseln ist schwierig. Die größte Gruppe waren zarische Soldaten, gefolgt von Italienern und Serben. Diese Zahlen zu spezifizieren wird eine der Fragen sein, mit der ich mich im Rahmen eines FWF-Forschungsprojekts, das im nächsten Jahr startet, befassen werde. Fest steht, dass es eine große Masse war. Nicht nur in Österreich-Ungarn, auch in Deutschland oder im Zarenreich.

Erster Weltkrieg: Kriegsgefangene bei der Arbeit

(Privatbesitz) Julia Walleczek-Fritz

Kriegsgefangene im Lager Grödig bei Salzburg

Wie wurden die Kriegsgefangenen behandelt?

Eigentlich wäre das durch die Bestimmungen der Haager Landkriegsordnung geregelt gewesen und hätte für alle kriegsteilnehmenden Staaten gelten müssen - auch was die Arbeitsverwendung von Gefangenen betrifft. Es hat sich aber im Laufe des Krieges gezeigt, dass die einzelnen Staaten in ihrer Gefangenenpolitik sehr stark nach einem Gegenseitigkeitsprinzip gehandelt haben. Das heißt: Ist Österreich-Ungarn zu Ohren gekommen, dass das Zarenreich k.u.k. Soldaten unter menschenunwürdigen Bedingungen zu Arbeitszwecken einsetzt, hat es wiederum entschieden, auch keinen großen Wert auf das Wohlergehen der zarischen Gefangenen zu legen.

Im Artikel 6 der Haager Landkriegsordnung war festgelegt, dass Kriegsgefangene, ausgenommen Offiziere, zur Arbeit herangezogen werden durften, solange die Arbeit nicht in direkter Verbindung mit Kriegsunternehmungen stand. Das ist natürlich mehr als problematisch, denn irgendwann stand alles im Zeichen des Krieges. Selbst Kriegsgefangene, die in der Landwirtschaft eingesetzt worden sind, haben letztlich für den Krieg produziert. Damit hat sich klar gezeigt, dass die Haager Landkriegsordnung nur ein theoretisches Reglement war und auch blieb.

Wo wurden die Gefangenen vorrangig zur Arbeit eingesetzt?

Ab der zweiten Jahreshälfte 1915 befanden sich nur mehr 30 bis 40 Prozent der Kriegsgefangenen in den Lagern des k.u.k. Reiches. Die große Masse arbeitete in diversen Betrieben, in der Landwirtschaft, in der Forstwirtschaft, im Bergbau - aber sie wurden auch im Etappenraum, bei der Armee im Felde und an der Front eingesetzt. Historisches Fotomaterial zeigt beispielsweise zarische Soldaten, die im Winter als Trägerkolonne in Südtirol Richtung Ortlergipfel marschieren. Man kann sich gar nicht vorstellen, unter welchen verheerenden Bedingungen die Gefangenen dort arbeiten und leben mussten. Die Kriegsgefangenen wurden aber auch dazu verwendet, italienisches Beutematerial einzusammeln. Die Einsatzgebiete waren vielseitig - und verheerend.

Die Gefangenen wurden in sogenannte stabile und mobile Arbeitspartien zusammengefasst und quer durch das Habsburgerreich verschoben. Österreich-Ungarn hat ein ausgeklügeltes und nicht einfach zu durchblickendes System dieses Arbeitszwanges geschaffen, das mit teils ungeheurem administrativen Aufwand verbunden war. Aber das ist keine Besonderheit im Vergleich zu anderen kriegsteilnehmenden Staaten.

Wie wichtig war der Arbeitseinsatz von Kriegsgefangenen für die Kriegswirtschaft?

Ab einem bestimmten Zeitpunkt ist zwischen den unterschiedlichen militärischen Stellen ein Konkurrenzkampf um die Kriegsgefangenen entbrannt - das zeigt wie essenziell sie für die Arbeitskräftepolitik im Ersten Weltkrieg waren. Nachdem die Versorgungskrise 1916/17 immer drastischer wurde, wurden Gefangene aus anderen Bereichen abgezogen um etwa Anbau- oder Erntetätigkeiten sicher zu stellen. Was etwa einen Protest des Bundes der österreichischen Industriellen nach sich zog, weil aus den Betrieben Gefangene abgezogen wurden. Sie befürchteten verheerende Auswirkungen auf die Kriegswirtschaft. Insbesondere der Einsatz von Gefangenen in der Rüstungsindustrie ist ein Aspekt, der noch viel stärker erforscht gehört.

Erster Weltkrieg: Kriegsgefangene bei der Arbeit

(Privatbesitz) Julia Walleczek-Fritz

Kriegsgefangene im Lager Grödig bei Salzburg

Welche Unternehmen oder Institutionen, die man heute noch kennt, haben damals Kriegsgefangene zur Arbeit eingesetzt?

Etwa auf der Schallaburg bei Melk wurden rund 40 zarische Kriegsgefangene für landwirtschaftliche Arbeiten verwendet, das ist jedenfalls für das Frühjahr 1918 belegt. Aber auch Unternehmen wie die Salzburger Stieglbrauerei haben in den Jahren 1916/17 rund 50 Kriegsgefangene beschäftigt. Das Bauunternehmen Porr hat 1916 ebenfalls um Kriegsgefangene angesucht. Da sich die von den k.u.k. Militärbehörden angebotene Arbeitspartie aber nicht aus der gewünschten Anzahl an Professionisten zusammensetzte, lehnte das Unternehmen die Kriegsgefangenen-Arbeitspartie ab. Ich habe leider die Erfahrung gemacht, dass die meisten Firmen heute abblocken, wenn man sich nach Aufzeichnungen aus dieser Zeit erkundigt.

Wie hat sich die Situation für Gefangene gegen Kriegsende dargestellt?

Für die Kriegsgefangenen in österreichisch-ungarischem Gewahrsam war die Situation spätestens ab 1917 verheerend, viele sind an Unterernährung gestorben. Man versuchte, noch gesunde, arbeitsfähige Gefangene aus dem Hinterland in die kriegswichtigen Bereiche, etwa an die Front, zu bringen. Das hat nicht funktioniert, nachdem es auch im Hinterland nur mehr wenige gesunde Kriegsgefangene gab. Auf internationalen Konferenzen haben sich die kriegsteilnehmenden Staaten über das Schicksal der Gefangenen verständigt. Sie vereinbarten Rückführungs- und Austauschprogramme. Aber das hat nicht so schnell funktioniert - die letzten Soldaten sind erst 1922 aus der Gefangenschaft heimgekehrt.

Wie ist die Kriegsgefangenenproblematik in anderen Staaten erforscht?

Mittlerweile gut. In den 1990er Jahren hat man begonnen, sich mit den Kriegsgefangenen zu beschäftigen. Hier aber vor allem im Hinblick auf Lagerstudien. Mittlerweile ist man von diesen Einzelstudien weggegangen und setzt die Gefangenenproblematik in einen größeren Kontext. Es geht um die Kriegsgefangenen als Massenphänomen. Insgesamt sprechen wir von acht bis neun Millionen Soldaten, die während des Ersten Weltkriegs in Gefangenschaft geraten sind. Von gut 60 Millionen mobilisierten Soldaten insgesamt.

Die Frage die sich die Forschung immer stärker gestellt hat war, wie dieses Massenphänomen von Kriegsgefangenschaft während des Ersten Weltkriegs am Anfang des 20. Jahrhunderts zu verorten ist. Denn vielfach wird argumentiert, dass der Zweite Weltkrieg ohne den Ersten nicht möglich gewesen wäre und es stellt sich die Frage, in wie weit sich Kontinuitäten nachzeichnen lassen. Die internationale Forschung widmet sich der Thematik der Kriegsgefangenen heute immer stärker im Kontext einer Totalisierung, einer Brutalisierung und einer Entgrenzung der Kriegsführung. Die jüngste Studie zu diesem Thema stammt von der Britin Heather Jones. Auch wenn sich diesbezüglich die Geister scheiden.

Inwiefern?

Es gibt nach wie vor eine Richtung von Historikern, die argumentiert, dass die Haager Landkriegsordnung eigentlich funktioniert hat und die Artikel auf weite Strecken eingehalten worden sind. Und dass diese Entgrenzung der Gewalt, vor allem am Beispiel der Kriegsgefangenen, auf die ökonomischen Veränderungen zurückzuführen sei, die die kriegsteilnehmenden Staaten durchmachen mussten. Jones betont, dass der Erste Weltkrieg hier eine klare Zäsur darstellt. Sie ist nicht die einzige, aber sie hat heraus gearbeitet, wie massiv das Gewaltverhalten war, das dazu führte, dass Kriegsgefangene unter den unmenschlichsten Bedingungen gehalten wurden und dass es diese Totalisierung und Brutalisierung des Krieges gegeben hat.

Wie schaut es diesbezüglich in der österreichischen Forschungslandschaft aus?

Das FWF-Projekt zu den Kriegsgefangenen in Österreich-(Ungarn) widmet sich auch der Frage inwieweit sich diese Überlegungen auf Österreich-Ungarn anwenden lassen, um hier an internationale Forschungsstandards anzudocken. Es geht um die Frage der Zwangsarbeit von Kriegsgefangenen im Kontext eines "total werdenden Krieges". In weiterer Folge unter anderem auch darum, inwieweit sich dies in den Propagandaschlachten niedergeschlagen hat. Denn Österreich-Ungarn war ja Meister darin, dem Ausland die Illusion einer "besseren Gefangenschaft" verkaufen zu wollen. Nur: Kriegsgefangenschaft in der Donaumonarchie war keineswegs besser – so viel steht fest.

Interview: Theresa Aigner, science.ORF.at

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