Standort: science.ORF.at / Meldung: "Können Schimmelpilze Parkinson auslösen?"

Neuron im Nervennetzwerk

Können Schimmelpilze Parkinson auslösen?

Betritt man einen feuchten Raum, steigt einem sofort muffiger Geruch in die Nase. Die für diesen unangenehmen Eindruck verantwortliche Substanz ist Octenol, ein Stoffwechselprodukt vieler Pilze. Eben dieses Octenol könnte laut US-Forschern eine Rolle beim Entstehen einer Parkinsonerkrankung spielen.

Neurologie 12.11.2013

Alexander Zimprich, Parkinson-Experte an der Universitätsklinik für Neurologie des AKH Wien, mahnt zur Vorsicht bei der Interpretation: Es handle sich um eine experimentelle Studie anhand von Fruchtfliegen, um die Bedeutung für den Menschen einschätzen zu können, brauche es weitere, groß angelegte Untersuchungen. Aber dennoch: Die nun vorliegende Publikation sei "plausibel und interessant und sicher eine Richtung, die man sich weiter anschauen muss.“

Hurrikan, Pilze und Nerven

Die Studie:

"Fungal-derived semiochemical 1-octen-3-ol disrupts dopamine packaging and causes neurodegeneration" erscheint am 11. November 2013 in den "Proceedings of the National Academy of Sciences" (DOI: 10.1073/pnas.1318830110).

Ö1 Sendungshinweis:

Über die Studie berichtet auch "Wissen Aktuell" am 12. November 2013 um 13.55 Uhr.

Dass die Forscher um Arati Inamdar von der Rutgers School of Environmental and Biological Sciences auf die Idee kamen zu untersuchen, ob und wie sich von Pilzen ausgestoßene Kohlenwasserstoffe auf die Gesundheit von Menschen auswirken, hängt mit der persönlichen Geschichte einer der Co-Autorinnen der nun vorliegenden Studie zusammen: Joan Bennett unterrichtete 2005 in New Orleans, als ihr Haus vom Hurrikan Katrina zerstört wurde. Als sie nach einiger Zeit noch einmal zurückkehrte, war das Gebäude schon stark von Schimmel und Fäulnispilzen befallen.

Trotz Schutzausrüstung litt die Pflanzenbiologin laut einer Aussendung der Universität unmittelbar danach massiv an Kopfschmerzen, Übelkeit und Schwindel. Sie wollte verstehen, wie genau dieser Zusammenhang zwischen den Pilzen und unserem Nervenzellen funktioniert, und wählte gemeinsam mit Arati Inamdar Fruchtfliegen als Modellorganismus aus, um den Effekt auf Ebene der Gene beobachten zu können.

Gene reagieren auf Octenol

Schnell stießen sie auf Octenol, eine Substanz, die für den typisch muffigen Geruch und Geschmack von schimmelbefallenen Räumen und Lebensmitteln verantwortlich ist. Sie beobachteten, dass eben dieses Octentol die Aktivität von zwei Genen verändert, die den Dopaminhaushalt regeln.

Dopamin ist ein Neurotransmitter, der es uns - neben vielen anderen Funktionen - erlaubt, unsere Bewegungen zu steuern. Das Octenol wirkt nun so auf die Gene, dass Dopamin nicht mehr wie vorgesehen weitergegeben werden kann. In der Folge degenerieren die Nervenzellen und es stellen sich Symptome wie bei einer Parkinsonerkrankung ein: Steifigkeit und unkoordinierte Bewegungen.

Puzzlebild Parkinson

Auch wenn man aufgrund des experimentellen Aufbaus der Studie vorsichtig bei der Interpretation sein müsse, könnte die Studie ein weiteres Puzzleteilchen zum Gesamtbild Parkinson sein, meint dazu Neurologe Alexander Zimprich vom AKH Wien. Denn trotz intensiver Forschung konnte man bisher die Ursache für die neurodegenerative Erkrankung nicht eindeutig klären.

Die Erbanlagen spielen wohl bei rund fünf Prozent der Patienten eine entscheidende Rolle, bei den restlichen 95 Prozent können aber auch Ärzte nur auf ein Bündel an möglichen Auslösern verweisen, wie es Alastair Noyce und Kollegen in einer Metastudie 2012 gemacht haben. Sie nennen neben den Genen auch Umweltfaktoren wie Pestizide bzw. Schadstoffe im Trinkwasser als mögliche Gründe. Aber selbst wenn wahrscheinlich scheint, dass Pestizide das Risiko einer Erkrankung erhöhen - wie ist es zu erklären, dass schon über Parkinson-Erkrankungen berichtet wurde, als Unkraut- und Insektenvernichtungsmittel in der Landwirtschaft noch nicht üblich waren?

Die nun vorliegende Studie könnte eine Antwort auf diese Frage geben, meint Zimprich. Um von der Fliege auf den Menschen schließen zu können, brauche es aber "epidemiologische Studien - und die sind sehr, sehr schwierig zu machen." Man müsste genügend Menschen finden, die im gleichen Ausmaß Kontakt mit Schimmelpilzen gehabt hätten und deren Lebensstil sich so ähnelt, dass andere Risikofaktoren ausgeschlossen werden könnten. Dennoch: Dass trotz der Schwierigkeiten in diese Richtung weitergeforscht wird, würde Alexander Zimprich jedenfalls befürworten.

Elke Ziegler, science.ORF.at

Mehr zum Thema:

Die ORF.at-Foren sind allgemein zugängliche, offene und demokratische Diskursplattformen. Die Redaktion übernimmt keinerlei Verantwortung für den Inhalt der Beiträge. Wir behalten uns aber vor, Werbung, krass unsachliche, rechtswidrige oder beleidigende Beiträge zu löschen und nötigenfalls User aus der Debatte auszuschließen. Es gelten die Registrierungsbedingungen.

Forum

 
  •