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Mädchen in Rotkäppchen-Verkleidung im Wald

Rotkäppchens Stammbaum

Die meisten Märchen wurden schon lange, bevor sie aufgezeichnet wurden, mündlich weitererzählt. Dennoch sind sich vieler dieser Geschichten international erstaunlich ähnlich. Mit neuen statistischen Methoden lassen sich diese Verwandtschaftsverhältnisse rekonstruieren und Prototypen identifizieren.

Literatur 15.11.2013

Zu Papier gebracht

Vor gut 200 Jahren, am 20. Dezember 1812, erschien die Erstausgabe der Grimm'schen "Kinder- und Hausmärchen". Die Gebrüder Jacob und Wilhelm Grimm hatten dafür über mehrere Jahre Volksmärchen gesammelt und aufgezeichnet. Die meisten wurden damals erstmals in schriftlicher Form veröffentlicht, davor waren sie ausschließlich mündlich weitergegeben worden. Das Buch weckte ein neues Interesse an Mythen und Sagen aus dem Volk und bald wurde klar, dass sich viele dieser mündlich überlieferten Motive in vielen, oft weit voneinander entfernten Gesellschaften der Welt wiederfinden.

Die Studie in "PLOS ONE":

"The Phylogeny of Little Red Riding Hood" von Jamshid J. Tehrani, erschienen am 13. November 2013.

So wiesen bereits die Brüder Grimm im Vorwort einer überarbeiteten Ausgabe darauf hin, dass viele der aufgezeichneten Geschichten auch im slawischen, indischen, persischen und arabischen Sprachraum auftauchen. Literaturwissenschaftler und Volkskundler sind seit damals auf der Suche nach den eigentlich ursprünglichen Geschichten und ihren Abwandlungen. Daraus ließen sich unter anderem Rückschlüsse auf Wanderbewegungen, kulturellen Austausch und universelle sowie individuelle Aspekte der menschlichen Erfahrung ziehen.

Auf der Suche nach Archetypen

Ö1 Sendungshinweis:

Über die Studie berichtet auch Wissen Aktuell am 15.11. um 13:55.

Die Geschichte und die Entwicklung der Volksmärchen zu rekonstruieren, ist allerdings kein ganz einfaches Unterfangen, da viele dieser Erzählungen - wie gesagt - die längste Zeit nicht schriftlich festgehalten wurden. Ende des 19. Jahrhunderts entwickelten finnische Forscher die geographisch-historische Methode zur systematischen Analyse. Man versuchte auf Basis von sachlichen und sprachlichen Gründen im Wust der weltweit mündlich überlieferten Geschichten eindeutige Typen zu finden und zu klassifizieren.

In dieser Tradition steht auch die umfassendste systematische Erfassung aller Volksgeschichten, der sogenannte Aarne-Uther-Thompson Index (ATU), der von Antti Aarne 1910 entwickelt, dann von Stith Thompson ergänzt und 2004 von Hans-Jörg Uther überarbeitet wurde. Der Index listet mehr als 2.000 Geschichtstypen, die sich über 300 verschiedene Kulturen verteilen. Man vermutet, dass jeder Typ auch irgendwo einen Archetyp besaß, auf den er zurückgeht. Sehr spezielle Formen sind demnach vermutlich jüngere Varianten, weit verbreitete wahrscheinlich ältere.

Typologie der Märchen

Diese Methode hat laut Jamshid J. Tehrani von der britischen Durham University aber einige Schwächen. Unter anderem basiert die Klassifizierung in der Regel nur auf ein, zwei Plots. Viele Unterschiede und Gemeinsamkeiten fallen damit einfach raus. Diese Kerncharakteristika orientieren sich zudem vor allem am westlichen bzw. europäischen Korpus. Viele halten die Typisierung auch für künstlich, denn mündliche Geschichten befinden sich im Fluss und sind daher von Haus aus schlecht eingrenzbar.

Tehrani will nun eine neue und effizientere quantitative Methode der kulturübergreifenden Textbeziehungen gefunden haben, abgeschaut hat er sie von der Biologie. Seine - wie er sie ebenfalls in Anlehnung daran nennt - "phylogenetische Methode" sei ideal für Volksmärchen, da diese das Ergebnis einer längeren Entwicklung mit vielen kleinen Veränderungen sind. Im Lauf der Zeit kommen neue Teile hinzu, während andere verschwinden. Für seine aktuelle Studie hat er damit nun eine Art Text-Stammbaum erstellt.

Verwandte Geschichten

Im Mittelpunkt seiner Analyse steht eines der bekanntesten, aber hinsichtlich der Typisierung auch umstrittensten Volksmärchen: "Rotkäppchen". Im ATU-Index taucht es mit der Nummer 333 auf. Die meisten modernen Varianten gehen laut Tehrani auf eine im 17. Jahrhundert von Charles Perrault in Frankreich publizierte Erzählung zurück, die die traurige Geschichte eines kleinen Mädchens nachzeichnet. Es besucht seine Großmutter in deren Haus, wo sie hernach von einem als alte Frau verkleideten Wolf gefressen wird.

Bedient hat sich Perrault dafür bei einem alten Volksmärchen, "Die Geschichte der Großmutter", die man in ähnlicher Form noch heute in ländlichen Gegenden Frankreichs, Norditaliens, aber auch Österreichs findet. In vielen dieser Versionen trägt das Mädchen weder eine rote Kopfbedeckung noch den entsprechenden Spitznamen und kann dem Wolf mit einem Trick entkommen. In anderen Varianten heißt es Catterinella und geht zum Onkel oder zur Tante, die in Wahrheit Hexe oder Werwolf sind. Ein lateinisches Gedicht aus dem 11. Jahrhundert legt nahe, dass die Geschichte schon im mittelalterlichen Europa kursierte. Darin wandert ein Mädchen bekleidet mit rotem Mäntelchen durch den Wald und trifft dort auf einen Wolf, hier gelingt es ihr ebenfalls zu entkommen.

In anderen Kulturen findet man extrem ähnliche Geschichten. In Japan, China, Korea und anderen Teilen Ostasiens gibt es eine vergleichbare mit dem Titel "Die Tiger-Großmutter". Darin schlafen mehrere Geschwister mit einem Tiger - der vermeintlichen Großmutter - in einem Bett. Auch sie schaffen es zu entkommen. Im zentralen und südlichen Afrika erzählt man sich die Geschichte eines Mädchens, das von einem Ungeheuer, das die Stimme ihres Bruders imitiert, angegriffen wird. In manchen Varianten wird es lebendig aus dessen Bauch herausgeschnitten, ähnlich wie in der Grimm'schen Version von "Rotkäppchen".

Einfache Unterscheidung

Trotz dieser Ähnlichkeiten ist laut Tehrani nicht ganz klar, ob viele dieser Erzählungen nicht einem anderen Prototypen zuzuordnen sind, nämlich jenem von "Der Wolf und die sieben Geißlein", der in Europa und im Mittleren Osten ebenfalls sehr weit verbreitet ist. Sein ATU-Index ist 123. Darin lassen sich die jungen Geißlein von einem Wolf hinters Licht führen, der vorgibt, ihre Mutter zu sein. Varianten davon finden sich bereits in der Sammlung von Aesops Fabeln, die etwa 400 Jahre nach Christus erstmals aufgezeichnet wurden. Ein ähnliches Motiv findet sich auch in Indien.

ATU 333 und 123 haben also offensichtlich viele Gemeinsamkeiten, werden aber dennoch als unterschiedliche Prototypen klassifiziert. Die Hauptkriterien dafür sind zwei wesentliche Unterschiede: Auf der einen Seite ist ein einzelnes Mädchen das Opfer, auf der anderen Seite gibt es eine Gruppe von tierischen Opfern. Außerdem wird das Opfer im ersten Fall in einem fremden Haus, im zweiten im eigenen attackiert. Tehrani zufolge funktioniert diese Unterscheidung zwar im westlichen Kontext, für den afrikanischen oder asiatischen Kontext ist sie aber unzulänglich. Man müsse weitaus mehr Eigenschaften berücksichtigen.

Abstammung der Texte

Für seine Analyse verwendete der Studienautor 58 auf Englisch übersetzte Varianten von ATU 333 und 123 aus 33 Volksgruppen. 72 verschiedene Variablen bildeten die Grundlage seiner statistischen Untersuchung, wie etwa der Figur des Protagonisten (z.B.: Mädchen, Geißlein, etc.), jener des Bösewichts (z.B. Wolf, Tiger, Monster, etc.), die Tricks des Bösewichts und des Mädchen, usw.

Der auf Basis der Daten erstellte Stammbaum zeigt laut Tehrani, dass es sich bei "Rotkäppchen" und "Der Wolf und die sieben Geißlein" tatsächlich um unterschiedliche internationale Typen handelt, wie das schon die Anhänger der historisch-geographischen Methode postuliert hatten.
Im Detail finden sich bei der internationalen Verteilung dann doch einige Unterschiede zur bisherigen Sicht. Laut Analyse zählen nämlich die meisten in Afrika erzählten Geschichten zum Typ ATU 123, nur eine einzige ließ sich der "Rotkäppchen"-Gruppe zuordnen. Im asiatischen Raum finden sich vor allem Mischformen. Tehrani vermutet, dass dieser hybride Typ aus einer Vermischung der beiden Formen hervorgegangen ist - warum, wo und wann das geschah, sei allerdings unklar.

Mit dieser Methode lassen sich laut Tehrani aber nicht nur prototypische Geschichten identifizieren, man kann damit deren historische Entwicklung und Abstammung generell gut nachzeichnen, wenn auch nicht bis zum Ursprung: Die Urform bzw. der ursprünglichen Ausgangspunkt der Volkserzählungen wird mangels Aufzeichnungen wohl weiterhin ein Geheimnis bleiben.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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