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Ein Mann spielt Klavier

Glücksrausch am Klavier

"Flow" nennt man den Zustand, bei dem man völlig in einer Tätigkeit aufgeht. Eine Studie an Klavierspielern hat nun ergeben, dass Musiker mit hoher emotionaler Intelligenz eher einen derartigen Glücksrausch erleben. Außerdem hilfreich: viel üben.

Psychologie 15.11.2013

"Flow" motiviert

Die Studie in "Frontiers in Psychology":

"Getting into the musical zone: Trait emotional intelligence and amount of practice predict flo in pianists" von M. Marin und J. Bhattacharya, erschienen am 14. November 2013.

Professionelle Musiker üben oft monatelang ein einziges Stück, um es irgendwann perfekt zur Aufführung zu bringen. Für Laien ist schwer nachzuvollziehen, wo die Profis diese Disziplin hernehmen. Eine mögliche Erklärung für ihre Motivation ist laut der Musikwissenschaftlerin Manuela Marin von der Universität Wien die Erfahrung eines "Flows" beim Spielen.

Die Theorie vom Tätigkeitsrausch geht auf den Psychologen Mihály Csíkszentmihályi zurück. Geht man völlig in einer Aktivität auf, kommt man dabei in eine Art Rausch - ein Zustand, in dem gewissermaßen alles "fließt". Der Belohnungscharakter motiviert vermutlich auch viele Musiker - trotz all der Anstrengungen - dran zu bleiben.

Die "Flow"-Persönlichkeit

Ob man in diesen Zustand gelangt, hängt der Theorie zufolge von einer Vielzahl von Faktoren ab, unter anderem von der Ausgewogenheit zwischen Können und Anspruch, klaren Zielen oder der Persönlichkeitsstruktur. Offensichtlich geraten manche Menschen leichter in den angenehmen Tätigkeitsrausch.

Laut Csíkszentmihályi sind diese besonders neugierig, ausdauernd und nicht selbstzentriert. In diesem Zusammenhang wurde auch der Begriff der "autotelischen" Persönlichkeit geprägt. Diese Personen suchen angeblich die Herausforderung, sind weniger ängstlich und hochmotiviert.

Musik mit Gefühl

Im Sport oder bei der Arbeit ist relativ gut untersucht, welche Faktoren das Erleben eines "Flows" beeinflussen; in der Musik hingegen kaum, wie Marin in ihrer gemeinsam mit dem britischen Gehirnforscher Joydeep Bhattacharya verfassten Studie schreibt. Vor allem die Rolle der Persönlichkeit des Musikers und von Gefühlen sei ungeklärt, dabei sind letztere aus der Musik gar nicht wegzudenken.

"Musikalische Kommunikation basiert stark auf dem Ausdruck und der Rezeption von Emotionen, daher ist es für Musiker wichtig, effektiv mit Emotionen umgehen zu können", so Marin. Marin und ihr Kollege vermuten, dass das "Flow"-Erleben in jedem Fall mit dem Musikstück bzw. seinem emotionalen Gehalt zusammenhängen muss. Auch die Persönlichkeit und die emotionale Intelligenz spielen ihrer Ansicht nach eine Rolle.

Belege dafür haben die Forscher nun in ihrer Untersuchung an 76 Klavierstudenten gesammelt. Diese mussten Psychotests absolvieren und Fragebögen zum Thema Musik ausfüllen.

Gefühlvoll und fleißig

Die Auswertung ergab, dass genau zwei persönliche Faktoren für das Erleben eines "Flows" wichtig zu sein scheinen, nämlich eine laut Test hohe emotionale Intelligenz und häufiges Üben. Außerordentliche Leistungen hatten entgegen den Erwartungen keinen Einfluss darauf.

Auch die Musik selbst dürfte eine Rolle spielen: Emotional aufgeladene Stücke - egal ob negativ oder positiv - sind für den Tätigkeitsrausch ebenfalls hilfreich. Auch bestimmte Musikstile scheinen besonders geeignet zu sein. Für einen guten "Flow" empfehlen die Wissenschaftler romantische Klavierstücke von Frédéric Chopin.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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