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Oktopus in Kokosnussschale

Wie Kraken kraulen

So flexibel wie der Körper des Oktopus ist offenbar auch sein Schwimmstil. Laut einer Studie israelischer Biologen ist er das einzige Tier, das bei der Fortbewegung die Körperhaltung beliebig verändern kann.

Verhaltensforschung 19.11.2013

Der Oktopus ist ein seltsames Tier. Acht Arme besitzt er, seine Haut kann er nach Belieben mit bunten pulsierenden Mustern überziehen, und sein Gehirn hat die Form eines Donuts, der den sogenannten Oesophagus umschließt. So nennen Zoologen Mund und Speisetrakt: Der Oktopus frisst gewissermaßen durch das Hirn, seiner Intelligenz respektive Geschicklichkeit tut das freilich keinen Abbruch.

Wie Forscher in Versuchen gezeigt haben, kann das Weichtier beispielsweise problemlos Gläser mit Schraubverschluss öffnen - sofern sich darin eine schmackhafte Garnele befindet.

Beliebige Körperlage

Ö1 Sendungshinweis:

Über dieses Thema berichtet auch "Wissen aktuell", 19.11.2013, 13:55 Uhr.

Guy Levy von der Hebräischen Universität Jerusalem hat nun Kurioses über den Schwimmstil von Octopus vulgaris, den gemeinen Oktopus, herausgefunden. Man könnte auch sagen, er hat nun etwas im Detail untersucht, das Tauchern schon früher aufgefallen sein dürfte - aber bisher in den Fachdiskursen der Wissenschaft nicht beachtet wurde.

Die meisten Tiere besitzen eine linke und rechte Körperseite. Der Mensch, die Fliege, die Maus und auch der Oktopus. Bei so gut wie allen dieser "bilateral-symmetrischen" Tiere hängt die Fortbewegung mit der Körperlage zusammen. Nur der Oktopus tanzt stilistisch aus der Reihe. ´

Video: Geradeausschwimmen mit veränderter Körperlage,

(c) Guy Levy

"Wir haben die Angewohnheit, ausschließlich nach vorne zu gehen. Manche Krabben wiederum gehen lieber seitwärts. Der entscheidende Punkt ist: Wenn sie das tun, dann gehen immer seitwärts", sagt Levy im Gespräch mit science.ORF.at.

"Was muss ich tun, wenn ich nach rechts abbiegen will? Ich muss den Körper nach rechts drehen. Der Oktopus muss das nicht. Wenn er nach rechts abbiegt, übernehmen einfach andere Tentakeln die Schwimmbewegungen, aber die Lage des Körpers verändert sich nicht."

Beziehungsweise: Sie muss sich nicht verändern, aber sie könnte sich beliebig verändern, sofern der Oktopus Lust dazu hätte. Seine Koordination scheint so formbar und flexibel zu sein wie sein gesamter Körperbau.

"Intelligente" Tentakeln

Levy hat auch herausgefunden, dass der Oktopus seine Arme mitunter wie ein Wurm bewegt. Voraussetzung dafür ist eine besondere Anordnung der Muskeln: Auch hier gibt es zwar Agonisten und Antagonisten, aber eben keine Gelenke. Daher können die beiden Durchmesser und Länge der Tentakeln fast beliebig verändern. Eine Konstruktion, die es im Übrigen auch bei Wirbeltieren gibt. Der Rüssel des Elefanten bewegt sich nach dem gleichen Prinzip - und die Zunge in unserem Mund.

Video: Tentakelbewegung im Wurmstil

(c) Guy Levy

Ungewöhnlich ist auch die Organisation des Nervensystems. Der Oktopus besitzt zwar ein Gehirn, aber die Arme scheinen quasi mit einer Tentakelintelligenz ausgestattet zu sein. "In den Armen befindet sich ein äußerst komplexes Nervensystem, das die Tentakel unabhängig vom Gehirn kontrolliert", sagt Levy. "Das Hirn des Oktopus sendet nur allgemeine Kommandos aus. Die Arme entscheiden selbständig, wie sie diese Aufgaben lösen."

Dieser "Neuroföderalismus" spiegelt sich auch in quantitativer Hinsicht. Sage und schreibe zwei Drittel der 500 Millionen Oktopus-Neuronen sitzen in den Tentakeln. Levy will seine Erkenntnisse nun für den Bau von oktopusartigen Robotern einsetzen.

Robert Czepel, science.ORF.at

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