Standort: science.ORF.at / Meldung: "Prekäre Jobs verhindern Nachwuchs"

Bildausschnitt, Schwangerschaftsbauch mit über den Bauch gelegten Arm

Prekäre Jobs verhindern Nachwuchs

Befristete und unregelmäßige Jobs reduzieren die Chance, dass Frauen Kinder bekommen. Mit jedem Jahr in einem prekären Arbeitsverhältnis sinkt für sie die Wahrscheinlichkeit auf Nachwuchs bis zum 35. Lebensjahr um acht Prozent, berichten australische Forscherinnen.

Arbeitsmarkt 20.11.2013

Mit dem Sager "Kinder statt Party" ließ im Jahr 2003 die damalige Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (ÖVP) aufhorchen - und zog damit einigen Unmut junger Frauen auf sich. Damit wollte sie ihrer Sorge um rückläufige Geburtenraten Ausdruck verleihen. Verändert hat ihr Aufruf bis heute aber offenbar wenig: In Österreich bekommen Frauen ihr erstes Kind durchschnittlich im Alter von 30,3 Jahren, das besagt die Geburtenstatistik der Statistik Austria für das Jahr 2012.

20 Jahre zuvor, also im Jahr 1992, waren Frauen bei der Geburt ihres ersten Kindes mit rund 27 Jahren noch drei Jahre jünger. Insgesamt ist in westlichen Nationen das Alter der Mutter während der ersten Schwangerschaft deutlich höher als in den 1970er Jahren, das bestätigen Studien der OECD. In der öffentlichen Debatte wird das häufig darauf zurückgeführt, dass Frauen inzwischen höhere Bildungsabschlüsse erreichen und sich stärker auf ihre Karriere konzentrieren als noch vor 40 Jahren.

Die Studie:

"Is precarious employment associated with women remaining childless until age 35 years? Results from an Australian birth cohort study" ist am 19. November im Fachjournal "Human Reproduction" erschienen.

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Australische Forscherinnen sehen in dieser "allgegenwärtigen medialen Darstellung" eine Verkürzung des Themas "späteres Kinderkriegen" und haben weitere Ursachen erforscht. Vivienne Moore von der University of Adelaide, die leitende Autorin der Studie, hat einen anderen wesentlichen Grund ausgemacht, warum Frauen heute vielfach über 35 Jahre alt sind, wenn sie ihr erstes Kind bekommen: prekäre Arbeitsverhältnisse. In ihrer Studie weist Moore nach, dass Frauen, die in atypischen Beschäftigungsformen stecken, wesentlich seltener bis zu ihrem 35. Lebensjahr das erste Kind bekommen als Frauen in Normalarbeitsverhältnissen.

Normalarbeit vs. prekäre Jobs

Prekäre Beschäftigungsverhältnisse zeichnen sich laut den Studienautorinnen im Gegensatz zu Normalarbeitsverhältnissen durch das Fehlen von sozialrechtlicher Absicherung und anderen arbeitsrechtlichen Reglements aus. Darunter fallen in Australien vor allem zeitlich befristete Vertragsarbeiten. Unter Normalarbeitsverhältnissen verstehen die Autorinnen hingegen die Arbeit auf einer regelmäßigen Basis, mit regelmäßiger Bezahlung und der Möglichkeit von Krankenstand oder Karenz. Für ihre Studie haben die australischen Forscherinnen 663 Frauen befragt, die zum Zeitpunkt des Interviews zwischen 32 und 35 Jahren alt waren.

Das Ergebnis ihrer Untersuchung: Die Wahrscheinlichkeit vor dem 35. Lebensjahr ein Kind zu bekommen, sinkt mit jedem Jahr, das in prekären Beschäftigungsverhältnissen zugebracht wird, um rund acht Prozent - im Vergleich zu Frauen in Normalarbeitsverhältnissen. Das heißt: Je länger eine Frau in einem prekären Dienstverhältnis steht, umso höher ist die Chance, mit 35 Jahren kinderlos zu sein. Nach drei Jahren in einem prekären Beschäftigungsverhältnis sinkt die Wahrscheinlichkeit, das erste Kind noch vor dem 35. Geburtstag zu bekommen, bereits um 23 Prozent, nach fünf Jahren um ganze 35 Prozent.

Dabei zeigten sich interessanterweise keine Unterschiede in Bezug auf den sozioökonomischen Hintergrund der Frauen. "Unsere Studie zeigt, dass 61 Prozent der Frauen, die über einen universitären Abschluss verfügen, mindestens einen prekären Job hatten. 30 Prozent dieser Jobs waren höher qualifizierte Stellen", so Co-Autorin Lynne Giles in einer Aussendung. Für sie ist das ein weiterer Beweis, dass prekäre Jobs längst nicht mehr als Phänomen zu werten sind, das ausschließlich untere Einkommensschichten betrifft. So zeige die Studie auch, dass Frauen - unabhängig von ihrem sozioökonomischen Hintergrund - erst dann eine Schwangerschaft anstreben, wenn sie sich finanziell abgesichert fühlen.

Österreichische Verhältnisse

Man muss nicht erst nach Australien blicken, um einen Wandel der Arbeitsrealitäten festzustellen. Auch in Österreich wird in den letzten Jahren ein Anstieg an sogenannten atypischen Beschäftigungsformen verzeichnet. Nicht zuletzt krisenbedingt ist der Anteil der unselbständig Erwerbstätigen in atypischen Verhältnissen im Jahr 2011 auf insgesamt 13 Prozent gestiegen (ohne ausschließliche Teilzeitarbeit). Hier zeigen sich auch deutliche Geschlechterunterschiede: Für die Männer stellt ein Normalarbeitsverhältnis noch immer den "Normalfall" dar - 86 Prozent der unselbständig erwerbstätigen Männer hatten im Jahr 2011 eine unbefristete Anstellung auf Vollzeitbasis inne. Bei den Frauen sind es hingegen nur 51 Prozent.

Neben dem großen Unterschied, dass 34 Prozent der unselbständig erwerbstätigen Frauen ausschließlich Teilzeit arbeiten und das bei den Männern auf gerade einmal vier Prozent zutrifft, zeigt sich auch bei den sonstigen atypischen Beschäftigungsformen (geringfügige Beschäftigung, Befristung, Freier Dienstvertrag, etc.) ein Geschlechterunterschied.

Treffen solche Arbeitsformen bei den Männern zehn Prozent, so sind es bei den Frauen schon 15 Prozent. Auch mit zunehmenden Alter wird dieser Unterschied nicht aufgehoben: In jeder Altersgruppe liegen die Frauen in atypischen Beschäftigungsformen (ohne ausschließliche Teilzeitarbeit) um mindestens zwei Prozent vor den Männern, meist fällt der Unterschied sogar noch größer aus. Das zeigt eine Analyse der Statistik Austria aus dem Jahr 2011.

Politische Maßnahmen kommen meist zu spät

So lassen sich die Ableitungen, die die Studienautorinnen aus ihren Ergebnissen generieren, auf Österreich umlegen. "Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Entscheidung, erst spät Kinder zu bekommen, nicht nur eine individuelle Sache einzelner Frauen ist. Sie spiegeln viel mehr breite, strukturelle Gegebenheiten in unserer Gesellschaft wieder. Dies verdient eine viel stärkere Aufmerksamkeit und stärkere Forschungsanstrengungen", schreiben die Autorinnen in ihrer Studie.

So ist eine Frage, der in Zukunft noch nachgegangen werden sollte, ob prekär beschäftigte Frauen nur später oder eben gar keine Kinder mehr bekommen. Das lässt die aktuelle Studie noch unbeantwortet.

Die Forscherinnen kritisieren in der Zusammenfassung ihrer Ergebnisse, dass "aktuelle politische Maßnahmen darauf abzielen, die Eltern vor allem nach der Geburt des Kindes - hauptsächlich finanziell - zu unterstützen". Politische Strategien müssten aber schon viel früher und weitreichender - beispielsweise am Arbeitsmarkt - ansetzen, um Familiengründungen zu erleichtern.

Theresa Aigner, science.ORF.at

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