Standort: science.ORF.at / Meldung: "Chinesische Weise und die Psychoanalyse"

Chinesischer Schauspieler, der einen Kaiser spielt, steht vor dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking

Chinesische Weise und die Psychoanalyse

Der französische Philosoph und Sinologe François Jullien propagiert eine neue Sichtweise der abendländischen Philosophie, die den "Umweg über China" nimmt. An die Stelle von Platon und Aristoteles rücken chinesische Weise wie Konfuzius und Laotse - ein erstaunlich fruchtbares Unterfangen, das Jullien am Beispiel der Psychoanalyse zeigt.

Parallelen 27.11.2013

In seinem Buch "China und die Psychoanalyse" liest Jullien Sigmund Freuds bahnbrechende Schriften vor dem Hintergrund des Diskurses der klassischen chinesischen Philosophie. Dabei begab sich der Autor auf Umwege, um herauszufinden, ob Freuds Ausführungen mit chinesischen Denktraditionen konvergieren und entdeckte dabei fünf Konzepte, die er vor kurzem bei einem Vortrag im Institut Français in Wien erläuterte.

Biografie François Jullien:

Der 1951 geborene François Jullien absolvierte die École Normale Supérieure in Paris und studierte Sinologie an den Universitäten von Beijing und Shanghai. Von 1995 bis 1998 war er Präsident des Collège International de Philosophie in Paris. Seit 1990 lehrt er als Professor an der Universität Paris VII klassische chinesische Philosophie und Ästhetik. Seit 2011 ist Professor Fondation Maison des sciences de l'homme in Paris. Daneben ist er als Wirtschaftsberater französischer Unternehmen, die Projekte in China durchführen, tätig.

Veranstaltung:

François Jullien: "China und die Psychoanalyse": veranstaltet vom Institut Français de Vienne in Wien, in Kooperation mit dem Institut für Wissenschaft und Kunst (IWK) und der Neuen Wiener Gruppe/Lacan-Schule, am 15. November am Institut Français de Vienne.

Literaturhinweise:

"China und die Psychoanalyse. Fünf Konzepte", übersetzt von Erwin Landrichter, Turia und Kant Verlag
"Der Umweg über China. Ein Ortswechsel des Denkens", übersetzt von Mira Köller, Merve Verlag
"Die stillen Wandlungen", übersetzt von Ronald Voullié, Merve Verlag Berlin: Merve Verlag,
"Sein Leben nähren. Abseits vom Glück", übersetzt von Ronald Voullié, Merve Verlag,
"Das Universelle, das Einförmige, das Gemeinsame und der Dialog zwischen den Kulturen" übersetzt von Ronald Voullié, Merve Verlag
"Umweg und Zugang. Strategien des Sinns in China und Griechenland". Übersetzt von Markus Sedlaczek, Passagen Verlag
"Philosophie des Lebens", übersetzt von Markus Sedlaczek, Passagen Verlag,
"Der Weise hängt an keiner Idee. Das Andere der Philosophie", übersetzt von Markus Sedlaczek, Fink Verlag
"Über die »Zeit«, übersetzt von Heinz Jatho, Diaphanes Verlag
"Schattenseiten. Über das Böse und das Negative", übersetzt von Dirk Weissmann, Diaphanes Verlag

Links:

1) Aufnahmebereitschaft des Subjekts

Als Disponibilität, als Aufnahmebereitschaft des "Subjekts" (im Sinne des deutschen Idealismus; ein Subjekt, das sich "selbst setzt" und von der übrigen Objektwelt abhebt) beschreibt Jullien einen "Bereich des Zwischen", der in der klassischen europäischen Philosophie kaum thematisiert wird. Darunter versteht er, dass in einer Situation, in der ein "Subjekt" Aufnahmebereitschaft zeigt, es bereit ist, sich von seiner Selbstbezogenheit zu lösen.

Üblicherweise ist das "Subjekt" in das Hamsterrad seiner egomanischen intellektuellen Tätigkeiten und Willensakten eingespannt; es plant, setzt sich ein Ziel und wählt Strategien aus, um das Ziel zu erreichen. Erfolgt die Loslösung von der Selbstbezogenheit, setzt das "Subjekt" den ersten Schritt, sein Korsett abzustreifen und sich zu öffnen. Diese Öffnung ist eine wesentliche Voraussetzung für eine psychoanalytische Kur.

Aufmerksamkeit und Offenständigkeit

Das Loslassen des Subjekts in der Aufnahmebereitschaft bezeichnet Jullien als ein fließendes, unablässiges, nicht eingeengtes Erfassen, ein "Erfassen durch Loslassen", das nicht zielgerichtet ist. Freud benützt dafür den Ausdruck "gleichschwebende Aufmerksamkeit", die für den Psychoanalytiker oberstes Gebot ist. Das bedeutet, dass sich der Analytiker auf alles, was der Analysand sagt, konzentrieren muss, ohne dabei Bewertungen vorzunehmen.
"Der Geist richtet sich auf, ist gespannt auf, aber auf nichts Bestimmtes", notiert Jullien. Die "gleichschwebende Aufmerksamkeit" ermöglicht, um mit Martin Heidegger zu sprechen, eine "Offenständigkeit", in der der Psychoanalytiker für verfestigte emotionale oder intellektuelle Positionierungen hellhörig wird.

Eine solche "Offenständigkeit" findet sich auch in der chinesischen Philosophie. Im Gegensatz zu den Philosophen abendländischer Provenienz, die zum größten Teil dogmatische Theoriegebäude errichteten, schrieb Konfuzius über den Weisen: "Er ist ohne bevorzugte Idee, ohne vorherbestimmte Notwendigkeit, ohne starre Position, ohne partikuläres Ich".

"Das starke Subjekt" - so formulierte es der italienische Philosoph Gianni Vattimo - verliert seinen Status als unumschränkter Monarch und wird zu einem "schwachen Ich", "das zu dem neigt, was die Situation erfordert" (Konfuzius), um "alle Möglichkeiten als gleichwertig zu betrachten" (Jullien).

2) Allusivität - das Anspielungshafte

Die "gleichschwebende Aufmerksamkeit" des Analytikers korrespondiert mit einer Forderung an den Analysanden: Er soll alles sagen, was ihm durch den Kopf geht, sogar das Peinliche, Obszöne, Banale, Überraschende oder Fantastische. Auch zu dieser Forderung Freuds findet sich eine Parallele im chinesischen Denken.

Zhuangzi empfahl, nicht "etwas" zu sagen, sondern nach Gutdünken; und Laotse schilderte ein "Sprechen, ohne zu sprechen". Diese Form des Sprechens nennt Jullien "die Allusivität - das Anspielungshafte", weil sie sich vom Sprechen, das konkret über etwas spricht, distanziert. Das Anspielungshafte ist dann besonders wichtig für die Traumdeutung Freuds; es ist gleichsam die Sprache des Traums, die in mühsamer Arbeit enträtselt werden muss.

3) Das Beiläufige, das Umwegige, die Beeinflussung

Laut Freud verfügt der Psychoanalytiker über kein gesichertes Modell, wie man bei einer analytischen Kur vorgehen soll, um die Blockierungen des Analysanden aufzulösen. In der chinesischen Philosophie taucht der Vorschlag auf, nicht dem vermeintlichen Königsweg der rationalen Vorgangsweise zu gehen, die sich direkt dem angestrebten Ziel annähert, sondern den Weg des Beiläufigen, des Umwegigen, der Beeinflussung - des "Schrägen" zu wählen.

Die Herangehensweise "des Schrägen" ist dann empfehlenswert, wenn sich der Analysand/der Schüler des chinesischen Weisen weigert, seine verfestigten Positionen aufzugeben. Dann bleibt dem Analytiker/chinesischen Weisen nur die Möglichkeit, durch überraschende Taktiken den resistenten Verweigerer zu beeinflussen und ihn zu Lockerungen anzuregen.

Der Analytiker /Weise versteht sich als Wegweiser, der Analysand/Schüler muss jedoch den Weg allein gehen, was oft viel Zeit in Anspruch nimmt. "Auch die Kur will Langsamkeit und einen Ablauf, ein Von-sich- selbst Herkommen, das man nur indirekt/schräge auf Umwegen stimulieren/anregen kann" (Juillien).

4) Wege aus der Fixierung

Was passiert in einer psychoanalytischen Kur, wenn die Blockade nicht durchbrochen werden kann und der langwierige Weg in einer Sackgasse stecken bleibt? Diese Frage zählt zu den möglichen Phänomenen im Verlauf einer psychoanalytischen Kur. Wenn der Analysand sich in ein vergangenes Trauma vertieft, sich gleichsam in seiner Fixierung einmauert, versperrt er sich die Möglichkeit, die angestrebte, von Heidegger angesprochene "Offenständigkeit" zu erleben.

Der chinesische Weise Zhuangzi vergleicht diese Situation mit dem Weiden von Schafen, bei der ein Schaf zurückbleibt und die Weiterwanderung blockiert. Dann sollte der Hirt nicht zögern, so lautet der Ratschlag von Zhuangzi, sich besonders um das eine blockierende Schaf zu kümmern.

5) Eine stille Verwandlung/Transformation

Übertragen auf die Blockierung des Analysanden hieße das, dass der Analytiker nicht zögern sollte - wie der Hirte - den Patienten anzuleiten, seine lethargische Fixierung allmählich abzustreifen. Hier sieht Jullien Freud in engster Nähe zum chinesischen Denken. Eine psychoanalytische Kur könnte man so definieren, "das im seelischen Leben wieder entwicklungsfähig zu machen, was unbewegt und erstarrt - fixiert - war."

Und die Folgerung lautet: "Dort wo Fixierung war, soll Entwicklungsfähigkeit sein". Auch da besteht eine Verbindung zum chinesischen Denken, das darauf angelegt ist, das Prozesshafte der Verwandlung zu erkennen. Diese Transformation ist nicht spektakulär, sondern "eine stille Verwandlung".

"Die innere Verwandlung folgt ihrem Lauf", konstatierte Mengzi, "wie das Wasser eines Bachs seinen Lauf findet". Und eben dieses permanente Strömen trägt dazu bei, die Blockierungen bei dem Analysanden aufzulösen und "so das Leben aus seiner Erstarrung hervorzuholen und wiederzuerwecken" (Jullien).

Nikolaus Halmer, Ö1 Wissenschaft

Mehr zu dem Thema: