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Zwei Frauen baden mit einem Kind im Meer.

"Steigen Sie in die Welt des Kindes ein"

Wie können Kinder stabile Bindungen zu ihren Eltern aufbauen? Dazu braucht es nichts Außergewöhnliches, sagt Ross Thompson von der Stanford University. Eltern sollten ihre Kinder als eigenständig respektieren und - ohne Laissez-faire - sensibel auf ihre Bedürfnisse eingehen. Perfekt müssen Eltern jedenfalls nicht sein, so der US-Psychologe.

Eltern-Kind-Bindung 25.11.2013

Die sexuelle Orientierung der Bezugspersonen spiele dabei keine Rolle. Homosexuelle wie Heterosexuelle können eine sichere Basis für Kinder sein, sagt der Psychologe in einem science.ORF.at-Interview. Thompson hielt vergangenes Wochenende am "Charlotte Bühler Festsymposion" an der Universität Wien einen Vortrag.

Zur Person

Ross Thompson ist Professor an der Universität California (Davids), Senior NIMH Fellow an der Stanford Universität und Berater der Nationalen Akademie der Wissenschaften. Er forscht über entwicklungspsychologische Konsequenzen von frühen Beziehungserfahrungen auf die kindliche Entwicklung und interessiert sich dabei insbesondere für Zusammenhänge von Emotionsentwicklung sowie die Entwicklung der prosozialen Motivation und des Selbstbewusstseins.

Veranstaltungshinweis:

Vom 22. - 23. 11. 2013 fand das Charlotte Bühler Festsymposion an der Universität Wien statt.

science.ORF.at: Gibt es zentrale Punkte, die wichtig sind, damit ein Kind eine gesunde Bindung zu den Eltern aufbauen kann?

Ross Thompson: Natürlich. Um das besser verstehen zu können, sollten wir uns vorstellen, wie die Erfahrungen von Kleinkindern aussehen. Dabei erkennen wir, dass die Welt für sie noch sehr unberechenbar erscheint. Es gibt viele beängstigende, aber auch erfreuliche Dinge in der Umwelt, und diese verändern sich oft. Für ein Kind ist es daher wichtig, jemanden zu haben, der berechenbar ist und Sicherheit gewährleistet. Der ihm dabei hilft, die unterschiedlichen Erfahrungen mit der Welt zu ordnen.

Diese Hilfe findet es bei den Eltern?

Nicht ausschließlich. Die Erfahrung einer vertrauensvollen Umgebung, die Sicherheit gewährleistet und das Kind unterstützt, kann bei verschiedenen Personen gesammelt werden. Es geht darum, dass eine Person sensitiv auf die Signale des Kindes reagiert, auf seine Bedürfnisse eingeht und bei der Bewältigung von emotionalem Stress behilflich ist. Diese Bezugsperson wird für das Kind zu einer "sicheren Basis", der vertraut werden kann.

… und die weitere Entwicklung entscheidend beeinflusst?

Das ist richtig. Ein Kind, das eine vertrauensvolle und stabile Bindung zu einer Bezugsperson aufbauen kann, erfährt eine aktive Unterstützung, um verschiedene Emotionen zu bewältigen. Mit der Zeit verinnerlichen sich diese Erfahrungen, und das Kind kann diese Aufgaben später für sich selbst übernehmen und auch anderen Menschen - zum Beispiel den eigenen Kindern - zu einer "sicheren Basis" werden.

Eltern sollen sich vor dieser Aufgabe nicht fürchten. Donald Winnicott hat mit dem Begriff der "good-enough-mother" etwas Wichtiges gesagt: nämlich, dass es keine perfekten Eltern geben kann. John Bowlby, einer der Begründer der Bindungstheorie, hat eine wichtige Eigenschaft beschrieben, die Eltern ernstnehmen sollten. Er sprach von "Sensitivität", womit er einen respektvollen Umgang mit dem Baby meinte.

Eine sensitive Bezugsperson ist jemand, der die Bedürfnisse des Kleinkindes wahrnimmt und sensibel darauf reagiert. Jemand, der das Kind wie eine eigenständige Person behandelt.

Bedeutet das auch, dass ein sensitiver Elternteil die Wünsche des Kindes immer erfüllen sollte?

Nein. Das ist auch nicht möglich. Ich erinnere mich, als mein eigener Sohn in ein Alter kam, wo er die Welt entdecken wollte und zur Steckdose lief oder an einer Tischdecke zog, worauf eine Vase stand. Ich ging natürlich zu ihm und bremste seine Aktivität. Ich musste ihn in seinen Wünschen frustrieren, da er die Gefahren, die lauerten, selber noch nicht einschätzen konnte. Es muss natürlich eine richtige Balance gefunden werden zwischen der Förderung der Welterkundung und dem Sicherheitsaspekt.

Gibt es denn so etwas wie eine Anleitung, ein sensitiver Elternteil zu sein?

Ich denke, die Anleitung wäre: Respektieren Sie ihr Kind als einen eigenständigen Menschen, der eine vertrauensvolle Beziehung benötigt. Das erfordert, dass man für die Zeit, wo man mit seinem Kind zusammen ist, in die Welt des Kindes einsteigt - andere Aufgaben und Sorgen können inzwischen warten.

Welche Rolle spielen die eigenen Beziehungserfahrungen dabei?

Die eigenen Beziehungserfahrungen, die wir sammelten, färben die Beziehung, die wir zu unseren Kindern aufbauen. Manche von uns hatten hoch sensitive Eltern und können somit das, was sie erfahren haben, als Ressource nützen und an ihre eigenen Kinder weiter geben. Andere waren weniger glücklich, und es fällt ihnen auch schwerer, sensitiv auf ihre Kinder zu reagieren. Sie müssen dann auf andere Quellen zurückgreifen, zum Beispiel auf einen sensitiven Partner oder ein anderes Familienmitglied, das vorhandene Mängel kompensieren kann. Manchmal ist es jedoch auch so, dass Eltern, welche keine guten Erfahrungen machen konnten, gerade aus diesem Grund heraus anders auf ihre eigenen Kinder einzugehen versuchen.

In der heutigen Zeit verändern sich die Familienstrukturen. Es existieren verschiedene Modelle des Zusammenlebens, angefangen von der klassischen Mutter-Vater-Konstellation bis hin zu homosexuellen Partnerschaften und Patchwork-Familien. Hat dies Auswirkungen auf die Bindungssicherheit der Kinder?

Die Forschung zeigt, dass die sexuelle Orientierung oder das Geschlecht des Erwachsenen keinen Einfluss darauf hat, ob die Bezugsperson sensitiv reagieren kann oder nicht. Michael Lamp, einer der Vortragenden am diesjährigen Festsymposion, konnte zeigen, dass Männer und Frauen, homosexuell wie heterosexuell orientierte Menschen sensitiv auf Kinder reagieren und zu einer "sicheren Basis" werden können. Menschen lebten immer schon in Gruppen, und Kinder bilden zu verschiedenen Personen Beziehungen aus, die zu einer Ressource werden können.

Sollte es zu einer Fehlentwicklung kommen und sich eine Bindungsstörung entwickeln, kann diese korrigiert werden?

Ja, unser Verhalten ist sehr veränderbar. In der Psychologie spricht man von Plastizität. Die Forschung zeigt uns sehr klar, dass frühe Erfahrungen einen großen Einfluss auf die Entwicklung der Hirnprozesse und somit auf das Verhalten haben. Diese Erfahrungen sind jedoch nicht unumkehrbar.

Nehmen wir an, dass ein Kind wirklich sehr schlechte Erfahrungen machen musste und in einer sehr dysfunktionalen Familie mit Missbrauch und Vernachlässigung aufwuchs. Ist dann alles verloren?
Nein, die Forschung zeigt uns, dass sich das Verhalten und auch die Hirnprozesse wieder normalisieren, wenn wir das Kind aus dem schlechten Umfeld herausnehmen und ihm ein unterstützendes Umfeld zur Verfügung stellen können.

Können diese Störungen auch noch im Erwachsenenalter behoben werden?

Ja, durchaus. Wichtig ist jedoch, dass neue und vor allem positive Beziehungserfahrungen gemacht werden. Dies ist bei einer Psychotherapie zum Beispiel der Fall.

Wenn Sie 90 Jahre in die Vergangenheit zurückblicken, wie stand es um die psychologische Forschung in Wien?

Die Zeit um 1923 herum kann als ein goldenes Zeitalter der Psychologie in Wien bezeichnet werden, da viele bedeutende Psychologen in dieser Zeit in Wien lebten und forschten. Auf der einen Seite die psychoanalytische Bewegung, deren Erbe auch in der Bindungstheorie aufzufinden ist, und auf der anderen Seite die Forschungsarbeiten von Charlotte Bühler am Psychologischen Institut der Universität Wien.

Welche Verbindung besteht zwischen der gegenwärtigen entwicklungspsychologischen Forschung und Bühlers damaligen Arbeiten?

Auf der einen Seite bemühte sich Charlotte Bühler bereits damals darum, die sozialpolitischen Rahmenbedingungen für die Entwicklung von Kindern zu verbessern. Das ist heute nach wie vor ein wichtiges Anliegen, und die psychologische Forschung der Kindheit an der Universität Wien bemüht weiter um diese sozialpolitischen Fragen. Auf der anderen Seite vertrat Bühler bereits damals die Annahme, dass Kinder hochaktiv, intentional und zielorientiert sind, und den Dingen in der Welt Sinn zuschreiben. Genau hier überschneiden sich ihre Erkenntnisse mit der gegenwärtigen Entwicklungspsychologie. Die moderne Forschung zeigt deutlich, dass Kinder alles andere als egozentrische, nur in ihrer eigenen Welt lebende Menschen sind. Kinder interagieren und beschäftigen sich mit der Welt, die sich rund um sie befindet.

Wie reagiert man darauf, wenn nun diese Welt, mit der sie sich beschäftigen, von großer Instabilität geprägt ist?

In erster Linie ist es wichtig, dass die für ihre Entwicklung entscheidenden Beziehungen weiter zur Verfügung stehen. Im Falle einer hoch dysfunktionalen Familienstruktur, bei der dies nicht der Fall ist, muss die Gesellschaft dafür sorgen, dass Ersatzfamilien diese Kinder aufnehmen. In diesen Familien können dann neue Beziehungen entwickelt werden, die dem Kind als positive Erfahrungsgrundlage dienen.

Ein soziales Netz spielt aber nicht nur für Kinder eine wichtige Rolle, wie gehen junge Erwachsenen mit diesem Thema um?

In der gegenwärtigen Kultur scheint es gerade für junge Erwachsene immer schwieriger, tiefe Beziehungen einzugehen. Beziehungen veränderbn sich und wechseln öfter, als dies noch vor einigen Jahrzehnten der Fall war. Gerade hier ist die Erkenntnis sehr wichtig, dass wir alle Unterstützung benötigen, die andere Menschen uns geben können. Menschen, die in ein soziales Netz eingebunden sind, können nun mal besser mit Stress umgehen.

Damit stellt sich die Frage, wie ein soziales Netz in der heutigen Gesellschaft weiterhin gewährleistet werden kann.

Ja, das ist eine sehr wichtige Frage, denn wir können die Zeit nicht zurückdrehen. Eine positive Möglichkeit sehe ich in den sozialen Medien, in denen wir uns mit anderen Menschen verbinden können. Es passiert oft, dass junge Menschen soziale Medien nutzen, um intimer zu werden und ihre Gedanken auszutauschen, was vor allem direkte Beziehungen vertieft und festigt.

Wie das Briefeschreiben vor 100 Jahren?

Ja, genau (lacht). Letztendlich geht es darum, neue Wege zu finden, wie wir etwas tun, was wir immer schon getan haben. Nämlich mit anderen Menschen in Verbindung treten, die uns helfen den Weg durchs Leben zu finden.

Interview: Aaron Salzer, science.ORF.at

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