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Stiefel eines Neonazis

Was junge Männer nach rechts driften lässt

Sie sind zwischen 20 und 40 Jahre alt, unter Druck in Job und Beziehung und schließen sich extrem rechten Gruppierungen an. Der US-Soziologe Michael Kimmel traf sich mit jungen Männern in den USA und Europa und fragte nach den Gründen ihres Zorns. Seine These: Verunsicherte Männlichkeit lässt sie nach rechts driften.

Soziologie 26.11.2013

Nostalgie und Ablenkung seien die Schlüsselfaktoren für den Erfolg rechter Gruppen und Parteien, ihr Hauptinstrument das Heraufbeschwören eines archaischen Bildes von Männlichkeit, so Kimmel.

Ich habe mein Bestes getan…

Der Soziologe Michael Kimmel

Michael Kimmel

Der Soziologe Michael Kimmel referierte seine Ergebnisse als Eröffnungsredner der Tagung "Political Masculinities", die kürzlich am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien stattfand.

Buch:

"Angry White Men. American Masculinity at the End of an Era", Perseus Books Group, November 2013

Ö1 Sendungshinweis:

Über die Forschungsarbeit von Michael Kimmel berichtet auch "Wissen Aktuell" am 26. November 2013 um 13.55 Uhr.

"I've done my best to live the right way / I get up every morning and go to work each day / But your eyes go blind and your blood runs cold / Sometimes I feel so weak, I just want to explode."

Diese Strophe in Bruce Springsteens Song "The Promised Land Lyrics" fasst laut dem Soziologen Michael Kimmel treffend das Gefühl junger Männer zusammen, die sich rechten bzw. extrem rechten Gruppierungen zuwenden. "Sie haben von ihren Vätern ein Bild von Männlichkeit vermittelt bekommen, das auf einem fixen Job und einer stabilen Familie mit geordneten Hierarchien beruht. Und sie geben ihr Bestes, um diesem Bild entsprechen zu können - allein: Es gelingt ihnen nicht", analysierte Kimmel anlässlich seines Vortrags in Wien.

Der Soziologe von der Stony Brooks University in New York hat 45 Mitglieder extrem rechter Gruppierungen in den USA sowie ehemalige Neo-Nazis in Deutschland und Schweden interviewt und in stundenlangen Gesprächen versucht herauszufinden, worauf der zerstörerische Zorn dieser im Schnitt 36 Jahre alten Männer auf die Gesellschaft beruht.

"Ich bin Ihr schlimmster Albtraum"

Dass er überhaupt zu diesen Gesprächen kam, war gar nicht so einfach, erzählte Michael Kimmel. Zuerst habe er auf das Internet gesetzt und sich in einschlägige Chatrooms begeben, um sich dann die Frage zu stellen: "Sind das wirklich rechte Recken, die mich hier virtuell umgeben, und nicht etwa Forscher wie ich bzw. Mitarbeiter des Geheimdienstes und Jugendliche mit Flausen im Kopf?" Für ihn war deshalb klar: Er musste den persönlichen Kontakt suchen.

Zu diesem Zweck machte er sich auf in die ländlichen Gebiete jener Staaten der USA, in denen rechte Gruppen wie der "Ku Klux Klan" oder die "Aryan League" besonders weit verbreitet sind. Er besuchte dort Waffenshows, die an den Wochenenden in den aus Geldmangel vermieteten Turnhallen der Gymnasien stattfinden, und nahm Kontakt mit jenen Männern auf, die an den Büchertischen einschlägiges Material verteilten. Er stellte sich vor mit den Worten: "Ich bin Ihr schlimmster Albtraum, ich bin nicht nur ein liberaler Soziologe aus New York, sondern auch noch Jude - aber ich möchte Ihnen zuhören." Fast alle der derart angesprochenen Rechtsextremisten stimmten einem Gespräch zu und ließen Michael Kimmel in ihre Gedankenwelt blicken - "einfach, weil sie endlich jemanden vor sich hatten, der ihnen Aufmerksamkeit schenken wollte."

Drei Funktionen der Männlichkeit

Die Gespräche sowie eine Analyse einschlägiger Literatur und Bilder ergaben, dass Männlichkeit das zentrale Instrument der Mobilisierung sei. In zahllosen Karikaturen wird dargestellt, wie der weiße Mann all seine Statussymbole verliert, die seine Männlichkeit ausmachen: Seinen Job, sein Haus, seine Frau, seine Kinder und - in den USA besonders wichtig - seine Waffe. Am Ende steht er als entmännlichter Verlierer, als Softie und Schwächling da.

Männlichkeit übernehme in dieser Rhetorik drei Funktionen, so Kimmel: Sie erkläre, was passiert ist. Sogar der norwegische Attentäter Anders Behring Breivik benutzte diese Formel und schrieb in seinem als "Manifest" titulierten Konvolut: "Wenn man die Männlichkeit und damit die Fähigkeit der Männer, ihr Land und ihre Familie zu verteidigen, zerstört, zerstört man ein ganzes Land."

Männlichkeit stigmatisiert auch die anderen, seien es Immigranten oder Frauen, die entweder über-sexualisiert werden oder jegliche sexuelle Macht verlieren. Und sie dient als Instrument der Rekrutierung, nach dem Motto: "Komm zu uns, und Du wirst wieder zu einem richtigen Mann."

Echte Emotionen, falsche Analyse

Derzeit seien es rechte Gruppen und rechte Parteien, die den Zorn für sich nutzen können - und das nicht nur in den USA: "Wir sehen in allen westlich-industrialisierten Ländern, dass junge Männer mehrheitlich rechts wählen, während junge Frauen sich für linke bzw. grüne und liberale Parteien entscheiden", so Kimmel. Das sei nicht immer so gewesen, in den 1920er und 1930er Jahren etwa sei es sowohl italienischen Faschisten als auch linken spanischen Anarchisten gelungen, junge Männer anzuziehen.

Mit Hilfe des Szenarios der bedrohten Männlichkeit gelinge es, von den tatsächlichen Wurzeln der Probleme abzulenken. Man müsse keine größeren Zusammenhänge erklären, um das Phänomen der Globalisierung und Veränderungen in der Wirtschaft greifbar zu machen, sondern könne mit nostalgischen Phrasen punkten.

Um diesem Abdriften nach rechts zu begegnen, empfiehlt der New Yorker Soziologe: "Man muss den Zorn ernst nehmen, die Emotionen sind echt. Gleichzeitig muss aber klar werden, dass die Analyse nicht richtig ist. Alle Ausländer aus dem Land zu werfen, ist nicht die Lösung der Probleme. Alternativszenarien sind gefragt - und leider in vielen Fällen noch lückenhaft."

Elke Ziegler, science.ORF.at

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Forum

 
  • Arbeitslosigkeit

    karl273, vor 971 Tagen, 20 Stunden, 19 Minuten

    In den Zeiten von Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit und Armut entwickeln sich oft radikale oder aggressive Verhaltensweisen, die von den reichen und satten Menschen nicht verstanden werden.

    Primitive Verhaltensweisen sind eine biologische Anpassung an primitive Lebensbedingungen.

  • jawolllll, vor 971 Tagen, 21 Stunden, 22 Minuten

    Jaaa, die verletzte männliche Eitelkeit! Wenn man nicht von allen den längsten Schw... oder die größten Ei.. hat, is man ein Verlierer. Wenn es nur darum geht immer ganz vorne dabeizusein um sich selbst etwas wert zu sein, dann gibt es für viele anscheinend nur den "rechten" Weg. Einfach peinlich.

    • cpoe, vor 971 Tagen, 20 Stunden, 58 Minuten

      = penis enlargement pills für den weltfrieden?

  • was junge männer nach rechts driften lässt

    aber, vor 971 Tagen, 22 Stunden, 24 Minuten

    sind u.a. auch die vielen Vorschriften und Do's und Dont's die von den meist linken Klugscheißern in Politik und Medien die Welt gesetzt werden. Diese Zurechtweisung und das Verbot über Vorkommnisse zu reden bewirkt dass diese 1. nie aufgeklärt werden und daher ein Mythos rundum entsteht und 2. dass somit auch nie ausreichend dagegen argumentiert werden kann. Je mehr von den Gutmenschen hier das Sagen haben und über die Köpfe der anderen hinweg entscheiden - oft unter dem Jubel der grünen oder zumindest linken Journaille - desto mehr frustriert werden die und desto mehr ziehen sie sich zu Cliquen zusammen wo genau diese Themen dann aber aus ihrer begrenzten Sicht heraus diskutiert werden.

    • sagen sie schon

      chezgarando, vor 971 Tagen, 21 Stunden, 56 Minuten

      warum fühlen sie sich jetzt so schwach?

      sie dürfen eh alles sagen...aber sie möchten ja so gern mal so als gruppe wen zusammentreten oder?

      damit man sich stark fühlt

    • jawolllll, vor 971 Tagen, 21 Stunden, 20 Minuten

      @aber: typisches rechtes Argumentationsgesülze. Die linken sind daran schuld, dass man ein Versager ist. Ziemlich unterirdische Aussage.

    • Argumentieren will gelernt sein

      achmi, vor 971 Tagen, 21 Stunden, 11 Minuten

      Manche versuchen sogar, andere sachlich argumentierende Menschen, in ihren Strudel aus Gehässigkeiten zu ziehen - nur um sich dadurch überlegen und so stark zu fühlen.

      Kann man die Nachricht nicht angreifen, da schlüssig und ein zu hoher Wahrheitsgehalt, einfach den Überbringer. Noch stärker fühlen sich diese Menschen in Gruppen, mit sinnentleerten Sprüchen auf Bannern und Symbolen deren Ursprung sie nicht verstehen.

      Auf das es Ihnen hoffentlich bewusst wird, lieber 'chezgarando' und all den anderen ach so sachlichen "rechte Recken" Schubladen-Forscher.

    • jawollchezgo - mit euch diskutier ich nicht

      aber, vor 971 Tagen, 20 Stunden, 45 Minuten

      mir hat nämlich mal jemand geraten mich nie mit Dummköpfen einzulassen. denn die ziehen dich zuerst auf ihr Niveau runter und dort schlagen sie dich dann mit ihrer Erfahrung. auf gut deutsch für jene denen das zu hoch war: ihr seid mir zu dumm.

  • Gscheite Leut driften weder nach rechts noch links

    dergrossenagus, vor 971 Tagen, 22 Stunden, 34 Minuten

    Gscheit Leut driften in Richtung Profit! Und wenn der Profit rechts zu holen ist, bitte, dann sei es so - wenn der Profit dagegen links zu holen ist, dann sei es eben so.

    • chezgarando, vor 971 Tagen, 21 Stunden, 54 Minuten

      seit wann agieren gscheite leut wie ein virus?

      da gäbs uns schon lang nicht mehr wenn das alle so machen würden...