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Das Braunkohlekraftwerk Neurath bei Grevenbroich, Deutschland.

Nachhaltigkeit: "Wir sind am falschen Weg"

Kann ein System, in dem alles auf wirtschaftliches Wachstum ausgelegt ist, überhaupt nachhaltig sein? Der Ressourcenforscher Stefan Giljum im Gespräch über globalen Verbrauch, steigende Ungleichheit und unausgereifte Konzepte für eine Postwachstumsgesellschaft.

Ressourcen-verbrauch 06.12.2013

Ein Ziel der Forschungsgruppe "Nachhaltige Ressourcennutzung", die unter Giljums Leitung an der WU Wien forscht, ist es, die Methoden zu verbessern, die den weltweiten Rohstoffverbrauch messen. Im science.ORF.at-Interview erklärt Giljum, welche Politik aus seinen Zahlen abgeleitet werden sollte.

science.ORF.at: Gibt es inzwischen nicht ein begriffliches Problem in der Debatte - und zwar, dass "Nachhaltigkeit" zu einem Modewort verkommen ist?

Porträtfoto von Stefan Giljum

Stefan Giljum/SERI

Zur Person:

Stefan Giljum leitet am Institut für Umwelt- und Regionalentwicklung der Wiener Wirtschaftsuniversität (WU) die Forschungsgruppe "Nachhaltige Ressourcennutzung". Zuvor war diese Forschungsgruppe am privaten Forschungsinstitut SERI angesiedelt, wo Giljum 14 Jahre als Forscher tätig war.

Veranstaltungsreihe "Mut zur Nachhaltigkeit":

Stefan Giljum hielt am 5. Dezember 2013 einen Vortrag zum Thema "Globale Ressourcennutzung im Spannungsfeld unterschiedlicher Interessen: Wirtschaft, Entwicklung, Nachhaltigkeit" - mehr über die Veranstaltung.

Veranstalter der Reihe "Mut zur Nachhaltigkeit" sind das Zentrum für Globalen Wandel und Nachhaltigkeit der BOKU, Lebensministerium und Risiko:dialog (Umweltbundesamt, Radio Ö1, BOKU, BMWFJ, Lebensministerium, Austrian Power Grid).

Stefan Giljum: Ich beobachte diesen Trend seit dem Aufkommen dieses Begriffes und würde sogar behaupten, er wurde bewusst eingeführt, um eine möglichst breite Gruppe an Stakeholdern in die Debatte einzubinden. Dadurch sollte Widerstand von gewissen Gruppen vermieden werden. Von Unternehmen, über die UNO und Ministerien bis hin zu NGOs - alle können sich irgendwie darin wiederfinden und an die Debatte anschließen.

Das ist gleichzeitig ein Vorteil, aber auch eine inhaltliche Schwäche. Weil es keine gemeinsame Agenda gibt, was Nachhaltigkeit eigentlich bedeutet. In meinem Bereich, dem Bereich der nachhaltigen Ressourcennutzung, ist das ganz klar. Es gibt zwei Hauptziele: eine deutliche Reduktion des Ressourcenkonsums, insbesondere in den reichen Industrieländern mit hohem Pro-Kopf-Verbrauch, und einen Ausgleich der globalen Ungleichheit.

Was ist das Ziel Ihrer Forschung?

Es gibt mehrere Schwerpunkte. Ein wichtiges Thema ist die Weiterentwicklung von Methoden und Indikatoren. Die Europäische Kommission hat vor eineinhalb Jahren den "Fahrplan für ein ressourcenschonendes Europa" verabschiedet. Das ist das bisher ambitionierteste politische Statement in dem Bereich. Aber da braucht es noch viel methodische Arbeit, viele Fragen sind noch offen.

Was wollen wir eigentlich messen, und welche Indikatoren sind dazu geeignet? Wir arbeiten insbesondere zu jenen Indikatoren, die die sogenannten "ökologischen Rucksäcke" oder "Fußabdrücke" miteinbeziehen. Weil wir die Auswirkungen unseres Konsums international betrachten müssen - aber das zu erheben ist in Bezug auf die verfügbaren Daten nicht einfach. Diese Methoden und Datengrundlagen entwickeln wir weiter.

Mit welchen Indikatoren arbeiten Sie?

Der bekannteste ist der "Carbon Footprint", der sich auf Treibhausgasemissionen bezieht. Wir bearbeiten ähnliche Aspekte auch für andere Ressourcenkategorien. Es gibt inzwischen etwa auch den Begriff des "Material Footprints", der den akkumulierten Rohstoffbedarf entlang der Produktionskette von Gütern quantifiziert. Es gibt auch den "Wasserfußabdruck", den "Land Footprint" - gerade bildet sich eine ganz Familie an Indikatoren heraus, welche die globalen Auswirkungen unseres Konsums abbilden kann.

Was sagen all diese Indikatoren über unseren aktuellen Rohstoffverbrauch aus?

Unsere Zahlen zeigen, dass die Weltwirtschaft jedes Jahr mehr Ressourcen verbraucht und wir nach wie vor auf einem absoluten Wachstumspfad sind. Global gesehen hat sich der Verbrauch an natürlichen Ressourcen in den letzten 30 Jahren etwa verdoppelt. Mit stark steigender Tendenz nach dem Jahr 2002/03, weil da Schwellenländer wie China, Indien und Brasilien auf den Wachstumspfad aufgesprungen sind. Und das hat sofort materielle und somit ökologische Konsequenzen. Der Wachstumspfad ist derzeit sogar noch steiler als in den 80er und 90er Jahren. Dieser Trend alleine müsste schon alarmierend sein und wachrütteln.

Wie verteilt sich der Ressourcenverbrauch global gesehen?

In Bangladesch und Sub-Sahara-Ländern liegt der Pro-Kopf-Verbrauch an Rohstoffen bei etwa zwei Tonnen pro Jahr. In Europa liegt er bei ca. 20 Tonnen, in den USA bei 30 bis 40 Tonnen, und dann geht es steil nach oben: Ölexportierende Staaten wie Katar oder Dubai erreichen Werte von 100 Tonnen pro Kopf. Diese Ungleichheiten nehmen zu, und das heißt, dass wir am falschen Weg sind. Wir müssen zu einer Angleichung kommen, sonst wird das unmittelbare soziale Konsequenzen haben, etwa eine Zunahme der Migration.

Dazu fehlen aber offenbar die politischen Strategien, oder?

In dieser Hinsicht ist es interessant, die Debatte über die sogenannte "Entkopplung" zu beobachten. Dabei geht es um den Wunsch, vor allem seitens der Politik, einen Entwicklungspfad zu erreichen, im Rahmen dessen wir weiter wirtschaftlich wachsen können, der Umweltdruck aber trotzdem sinkt. Was wir mit unseren Zahlen zeigen können ist, dass wir relativ immer besser werden. Das heißt: Wir brauchen immer weniger Rohstoffe, um einen Dollar oder einen Euro Wertschöpfung zu erzeugen.

Gleichzeitig steigt aber das allgemeine Konsumniveau so stark an, dass diese Effizienzgewinne aufgefressen werden. Das heißt, absolut wird unser Druck auf die Umwelt immer größer. Man könnte meinen, dass wir relativ besser werden sei ein positiver Zwischenschritt. Aber es nützt im Grunde gar nichts, denn der Umwelt ist es letztlich egal, wie viele Dollar wir aus einer Tonne Rohstoff, zum Beispiel Kupfer, gewinnen. Wir müssen die absoluten Mengen an verbrauchtem Kupfer reduzieren.

Sind nicht all diese Ideen lediglich ein Kratzen an der Oberfläche? Solange wir ein Wirtschaftssystem bedienen, das nach Wachstum strebt, kann eine echte Reduktion des Verbrauchs doch gar nicht funktionieren.

Ich bin sehr gespalten, ob das funktionieren kann. In einem System, das inhärent auf Wachstum ausgelegt ist, ist es sehr schwierig, eine absolute Reduktion unserer Umweltprobleme zu erreichen. Insbesondere dadurch, dass so viele Länder berechtigterweise nachziehen und aufholen wollen, was materiellen Konsum und Lebensstandard betrifft.

Andererseits: Wenn der politische Wille wirklich da wäre, radikalere umweltpolitische Instrumente ins Leben zu rufen und durchzusetzen - dann könnte es vielleicht gelingen. Wir wissen es letztendlich nicht, denn wir haben es ja noch nie ausprobiert. In Zeiten der Wirtschaftskrise und hoher Arbeitslosigkeit ist es natürlich umso schwieriger, solche Themen in die politische Debatte einzubringen.

Welche radikaleren umweltpolitischen Maßnahmen wären das?

Auf der politischen Ebene gilt es, an den Preisschrauben zu drehen. Die Kosten für umweltbelastendes Verhalten sind nach wie vor zu niedrig, es bräuchte signifikante Preissteigerungen, etwa bei den CO2-Steuern. Es muss das Anreizsystem geändert werden, Stichwort ökologische Steuerreform. Das kann natürlich nicht von heute auf morgen umgesetzt werden, auch die Unternehmen brauchen Planungssicherheit, das muss über einen Zeitraum von zehn bis 20 Jahren angedacht werden. Aber ohne Änderungen der Rahmenbedingungen wird ein Wandel nicht stattfinden können. Erst wenn die ökologischen Kosten für Unternehmen deutlich sichtbar werden, werden die Investitionen in eine andere Richtung gelenkt werden.

Und: Viele Unternehmen haben zu wenig Wissen darüber, wie viel sie im Bereich Energie- und Rohstoffkosten einsparen könnten. Der Fokus liegt nach wie vor auf den Personalkosten, und Stellenabbau ist die Nummer-eins-Methode, um Kosten zu reduzieren. Aber viele Studien belegen, dass Einsparungen im Bereich Rohstoffe die bessere Methode wäre - das würde wirtschaftlich mehr Vorteile bringen, als Leute rauszuwerfen. Man müsste die gesamtwirtschaftlichen, positiven Aspekte bündeln und sichtbar machen.

Was wären denn gesamtwirtschaftliche positive Aspekte?

Ressourceneffizientere Wirtschaft könnte etwa über Dienstleistungen gestärkt werden. Da gibt es viele Möglichkeiten, die derzeit ein Nischendasein fristen, die aber in die Breite gehen könnten, wenn es andere Anreize gäbe und die Wirtschaft anders organisiert wäre. Ich denke dabei an Dinge wie Produkt-Sharing, Leasing und Reparatursysteme. Beispielweise würden Chemiebetriebe dann keine Produkte mehr verkaufen, sondern das Service eines Chemieproduktes liefern. Das würde dazu beitragen, dass weniger verkauft wird und die Ressourcen stärker in einem Kreislauf geführt werden. Das sind alternative Konzepte, die noch nicht im Mainstream angekommen sind.

Man hört auch immer wieder Stimmen, die eine Post-Wachstums-Gesellschaft als Ziel definieren. Was halten Sie davon?

Aus meiner Sicht wäre das ein anzustrebender Zustand. Wie soll denn die Weltwirtschaft noch 100 Jahre auf diesem Planeten so weiter wachsen? Das geht sich ökologisch einfach nicht aus. In diesem Sinne finde ich die Debatte interessant und wichtig. Aber die Konzepte für eine Post-Wachstums-Gesellschaft sind noch nicht ausgereift.

Ich kenne kein wirklich schlüssiges Konzept, das auch die kniffligen Themen löst: die Verteilung der Einkommen und Reichtum in einer Gesellschaft, die Themen Arbeitsplätze und Pensionen. All das basiert derzeit auch auf einem Wachstumspfad. Das ist wahrscheinlich die zentralste Nachhaltigkeitsfrage überhaupt: Wie kann ein schlüssiges System jenseits von Wachstum aussehen? Diese Diskussion ist absolut notwendig, und ich hoffe, dass sie sich intensiviert.

Was kann Ihre Forschungsrichtung dazu beitragen?

Unsere Aufgabe ist es, die empirische Basis weiter zu stärken. Da gibt es auch eine steigende Nachfrage von politischen Entscheidungsträgern. Wir müssen einerseits die aktuellen Entwicklungen besser verstehen, andererseits auch Zukunftsszenarien aufzeigen, zum Beispiel in Form von Modellberechnungen. Es ist sehr spannend und wichtig, sich unter Annahmen von Verhaltensänderungen, umweltpolitischen Instrumenten wie einer Steuerreformen etc. anzuschauen, was die Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft wären.

Je mehr Studien aus verschiedenen Bereichen die Ansicht verdichten, dass die Auswirkungen vielleicht gar nicht so schlimm wären und sich insgesamt positive Effekte für die wirtschaftliche Entwicklung ergäben, desto eher kann der notwendige Wandel eingeleitet werden.

Interview: Theresa Aigner, science.ORF.at

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