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Noam Chomsky

Noam Chomsky wird 85

Sein Haar ist schlohweiß geworden, die Stimme weicher. Doch Noam Chomsky lässt keinen Tag vergehen, ohne seiner Heimat USA die Leviten zu lesen. Auch an Israels Nahostpolitik übt der wortgewaltige Jude häufig Kritik. Morgen feiert der einflussreiche Linguist seinen 85. Geburtstag.

Personalia 06.12.2013

Fünf Jahre liegt es zurück, dass Noam Chomsky die Wahl von Barack Obama ins Weiße Haus freudig begrüßte. Inzwischen ist die graue Eminenz der amerikanischen Linken auch von diesem US-Präsidenten ernüchtert.

Ö1 Sendungshinweis:

Über den Geburtstag berichtet auch Wissen Aktuell am 6.12. um 13:55.

Amerika sei "ein Schurkenstaat, der dank seiner Macht ungestraft weite Bereiche der Welt mit Drohnenangriffen terrorisiert", schrieb der Provokateur Anfang November in einem Artikel. Innenpolitisch habe sich seine Heimat zu einem von nur einer Partei, der "Business Party", beherrschten Staat entwickelt. Chomsky, den die "Financial Times" erst kürzlich als "prominentesten politischen Aktivisten der Welt" würdigte, wird am 7. Dezember 85 Jahre alt.

Revolutionäre Theorien

1928 in Philadelphia als Sohn eines jüdischen Gelehrten geboren, studierte er Philosophie und Linguistik an der Universität von Pennsylvania. Nach weiteren Studien bei Harvard ging er 1961 an das renommierte Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge bei Boston. Seine Theorien waren so revolutionär, dass sie weltweit Aufmerksamkeit erregten und ihn zu einem der bedeutendsten Forscher des 20. Jahrhunderts machten. Laut Chomsky wird zum Beispiel jeder Mensch mit einer gewissen Sprachfähigkeit geboren. Das hieße, dass Sprache mehr vorgegeben als vom kulturellen Umfeld geprägt wird.

Politisch schwang sich der "wichtigste Intellektuelle der Gegenwart", wie ihn die "New York Times" einmal titulierte, zum Vordenker unter anderem der Anti-Globalisierungsbewegung auf. Nach dem 11. September 2001 blies Chomsky ins selbe Horn wie viele andere Kritiker der amerikanischen Außenpolitik. Seiner Auslegung nach waren die Terroranschläge auf New York und Washington eine unvermeidliche Antwort der Dritten Welt auf die Ausbeutung und Unterdrückung durch die USA.

Scharfer Kritiker

Aus Chomskys Sicht kämpft Washington seit Jahrzehnten hemmungslos um die uneingeschränkte Weltherrschaft. Dass der mächtigste Staat der Welt vor nichts zurückschrecke, um seine Dominanz zu festigen, habe er unter anderem im Irak gezeigt, sagt Chomsky. Dass es im Nahostkonflikt immer weniger Aussicht auf die angepeilte Zwei-Staaten-Lösung gebe, kreidet er ebenfalls den USA an. Mithilfe von Washington, das heiße jetzt auch mit Obamas Unterstützung, dehne sich Israel systematisch auf palästinensisches Gebiet aus und strebe ganz offensichtlich einen Großstaat für Israelis und Palästinenser an.

Seinem jüngsten Buch, erschienen im September, gab Chomsky den Titel "On Western Terrorism: From Hiroshima to Drone Warfare" (etwa: Westlicher Terrorismus: Von Hiroshima zum Drohnenkrieg). Insgesamt hat der Wissenschaftler und Kritiker der US-Politik mehr als 70 Bücher geschrieben, dazu weit über 1000 Artikel. Auf Deutsch erschienen unter anderen "Der gescheiterte Staat" (2006), "Interventionen" (2008) und "Die Verantwortlichkeit der Intellektuellen" (2008). Zuletzt kam im Oktober 2012 sein Buch "Occupy!" in deutscher Sprache heraus.

Gisela Ostwald, dpa

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