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Viele Satellitenschüsseln an einem Haus

Medien können Ihre Gesundheit gefährden

Als am 15. April 2013 beim Marathon in Boston zwei Bomben explodiert sind, haben sich die Medienberichte überschlagen. US-Psychologinnen analysierten nun, wie sich diese auf die psychische Gesundheit des Publikums auswirken. Ihr Ergebnis: Bei entsprechender Vorgeschichte kann allein durch Medienberichte akuter Stress ausgelöst werden.

Psychologie 10.12.2013

Brigitte Lueger-Schuster, Psychologin an der Universität Wien, bestätigt, dass sich exzessiver Medienkonsum über traumatisierende Ereignisse negativ auswirken kann. Opfern Ratschläge für einen "gesunden" Umgang mit Medien zu geben sei deshalb anerkannter Teil der psychologischen Betreuung.

Die Studie:

"Media’s role in broadcasting acute stress following the Boston Marathon bombings" ist am 9. Dezember 2013 in den "Proceedings of the National Academy of Sciences" erschienen (DOI:10.1073/pnas.1316265110).

Ö1 Sendungshinweis:

Über das Thema berichtet auch "Wissen Aktuell" am 10. Dezember 2013 um 13.55 Uhr.

Bilder und Töne mit Wirkung

Katastrophen - seien es nun Anschläge, Naturkatastrophen oder vom Menschen verursachte Unfälle - sind ein wichtiger Teil aktueller Berichterstattung. Sie beschränkt sich aber oft nicht darauf zu informieren, was passiert ist, und Verhaltensempfehlungen zu geben, sondern beinhält auch Bilder und Originaltöne, die den Vorfall lebendig und auch für Unbeteiligte anschaulich machen.

Schon frühere Studien lieferten Hinweise, dass der intensive Konsum von Medienberichten nach traumatisierenden Ereignissen seine Wirkung beim Publikum nicht verfehlt. Eine 2013 erschienene Untersuchung etwa weist darauf hin, dass intensiver Medienkonsum während und unmittelbar nach den Attacken auf das World Trade Center 2001 die Wahrscheinlichkeit, an einer Posttraumatischen Belastungsstörung zu erkranken, erhöht hat.

Roxane Silver von der Universität Kalifornien und ihre Kolleginnen wollten nun anhand der Bombenanschläge beim Marathon in Boston im April herausfinden, ob die Berichterstattung über diese Ereignisse Stress hervorrufen kann - nicht nur bei den unmittelbar Betroffenen, sondern im ganzen Land.

Sechs Stunden verursachen akuten Stress

Sie starteten eine Internetumfrage, an der sich US-weit 4.675 Menschen beteiligten, und erfragten Details zur persönlichen Betroffenheit durch traumatisierende Ereignisse wie eben die Bostoner Anschläge bzw. 9/11. Außerdem interessierten sich die Psychologinnen für die psychische Gesundheit der Befragten sowie ihren Medienkonsum.

Grundsätzlich zeigte die Befragung einen Zusammenhang zwischen der Intensität, mit der die Medien verfolgt wurden, und der Entstehung von akutem Stress. Im Fall des Bostoner Marathons gelang es ihnen, eine konkrete Zahl zu ermitteln: Mehr als sechs Stunden täglich vor dem Fernseher, Radio oder Computer erhöhte das Risiko für akuten hohen Stress um das Neunfache.

"Tagelanger, intensiver Medienkonsum zu einem traumatisierenden Ereignis kann akuten zu chronischem Stress machen", schreiben Silver und ihre Kolleginnen. Bei Menschen, die die Anschläge auf das World Trade Center miterlebt hatten, ließ intensiver Medienkonsum zu den Bostoner Anschlägen die früheren Gefühle "wiederaufleben".

Dosis und Wirkung

Brigitte Lueger-Schuster

Privat

Psychologin und Trauma-Expertin Brigitte Lueger-Schuster

Dieses Ergebnis der US-Psychologinnen bestätigt Brigitte Lueger-Schuster von der Universität Wien: "Medien können bei verletzlichen Menschen tatsächlich die Belastung noch einmal erhöhen - die Vorgeschichte muss nicht unbedingt eine vorherige Traumatisierung sein, es kann sich auch um andere psychische Probleme handeln."

Medienkonsum sei aber nicht nur negativ zu sehen, im Gegenteil: "Information dient dem Verständnis des eben Erlebten. Sie ermöglicht es, Kontrolle zu erlangen und damit ein mögliches Trauma zu verarbeiten", erklärt die Expertin.

Aber: "Die Dosis macht die Wirkung." Und die Dosis könne leicht zu hoch werden, wenn man an Social Media wie Twitter und Facebook denkt: "Durch die Social Media hat sich die Berichterstattung über traumatisierende Erlebnisse nicht nur vervielfacht, sondern auch massiv dramatisiert."

Social-Media-Benutzer würden - im Unterschied zu seriösen Medien - oft jedes grauenhafte Detail filmen, wodurch schlimmste Bilder entstehen. Bei jenen, die Interesse an der Berichterstattung in Social Media haben, könne dadurch die Belastung steigen, so die Psychologin.

Verantwortung von Opfern und Medien

Dass das Amerikanische Rote Kreuz nach den Anschlägen in Boston die Menschen dazu aufgerufen hat, ihren Medienkonsum bewusst zu begrenzen, ist für die Trauma-Expertin nichts Neues: "Wenn man Kontakt mit Opfern von Katastrophen hat, wird sehr dosiert mit Informationen aus öffentlichen Medien umgegangen. Als Leitlinie gilt: Information ist wichtig, aber bitte immer wieder mal abschalten, ansonsten ist man pausenlos konfrontiert mit dem, was man gerade erlebt hat und zu verarbeiten versucht."

Auch Medien könnten dazu beitragen, seelische Verletzungen nicht noch zu verschlimmern, sagt Lueger-Schuster: "Aus psychologischer Sicht ist es ganz wichtig, dass die Berichterstattung sachlich bleibt. Emotionalisierende Bilder verstärken Gefühle bei Menschen, die schon verletzlich sind. Wenn man Interviews macht, sollte man den Menschen die Möglichkeit geben, darüber zu bestimmen, wie sie gezeigt werden. Durch die Traumatisierung geht ein Stück Würde verloren."

Wenn möglich, solle der Blick auf die Zukunft gelegt werden, in der die Menschen wieder etwas für sich tun können. Dass Medien Verantwortung übernehmen müssen, darin ist sich die Wiener Psychologin mit ihren US-amerikanischen Kolleginnen einig: "Die gleichen grausamen Bilder immer wieder zu zeigen, ist nicht im öffentlichen Interesse", schreiben sie in ihrer Studie und plädieren sogar für Warnhinweise, bevor derartige Szenen "on air" gehen.

Elke Ziegler, science.ORF.at

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