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Verena Winiwarter

Auszeichnung für eine "Geschichtenerzählerin"

Verena Winiwarter erzählt "Geschichten, die dazu einladen, längerfristige Fragen zu stellen" - etwa über unerwünschte Nebenwirkungen beim Umgang des Menschen mit der Natur. Vom Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten wurde die Umwelthistorikerin zur "Wissenschaftlerin des Jahres 2013" gewählt.

Wissenschaftlerin des Jahres 07.01.2014

Die Auszeichnung wurde Österreichs einziger Professorin für Umweltgeschichte heute, Dienstag, in Wien überreicht.

Auszeichnung seit 1994:

Der Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten vergibt seit 1994 jährlich den Titel des Wissenschaftlers bzw. der Wissenschaftlerin des Jahres. Er zeichnet damit nicht die wissenschaftliche Qualität der Preisträger aus, sondern ihre Fähigkeit, ihre Arbeit einer breiten Öffentlichkeit verständlich vermitteln zu können.

Links:

Ö1 Sendungshinweis:

Über das Thema berichten auch die Ö1 Journale, 7.1., 12:00 Uhr.

Beispiel Skitourismus

An der Schnittstelle zur Öffentlichkeit wird für Verena Winiwarter (52) "entschieden, ob das, was wir als Wissenschaftler tun, Sinn macht. Wenn das unbekannt bleibt und keinen Einfluss auf gesellschaftliche Entwicklung hat, wozu tue ich es dann?", erklärte die Umwelthistorikerin am Institut für Soziale Ökologie und Dekanin der Fakultät für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung der Universität Klagenfurt. Ein Beispiel betrifft die Umweltgeschichte des Skitourismus in Österreich, die Winiwarter anhand des Vorarlberger Ortes Damüls untersucht.

"Die Damülser haben begonnen, ihre Umwelt für Zwecke des Tourismus massiv umzugestalten, indem sie den ersten Skilift gebaut haben. Nachdem sie den zweiten gebaut hatten, sind sie drauf gekommen, dass die Leute zwar wunderbar auf den Berg kommen, aber dann an der sehr anspruchsvollen Piste alle scheitern", erzählte Winiwarter im Ö1 Mittagsjournal.

Eine Pistenraupe wurde gekauft, um den Schnee auf der Piste kompakter zu machen - mit der Folge, dass der Schnee später geschmolzen ist. Die Bauern der Region haben daraufhin nach Ende der Skisaison Thomasmehl auf den Hängen ausgestreut. Das Düngemittel Thomasmehl ist Abfallprodukt aus der Stahlerzeugung. Weil es schwarz ist und deswegen Wärme absorbiert, schmilzt der Schnee in der nächsten Saison schneller.

Schwermetalle und Bodenerosion

"Die Schwermetalle aus dieser Thomasmehlphase, die erst geendet hat, als man das verboten hat, die haben wir heute noch dort im Boden", so Winiwarter.

Hinzukommen Landschaftsveränderungen in der Skiregion. Die Hangwellen auf den Pisten wurden eingeebnet. Solche hügelliegen Landschaften sind jedoch besser gegen Bodenerosion geschützt.

"Dort ist die Erosionswahrscheinlichkeit deutlich gestiegen. Das ist den Bewohnern von Damüls dann auch wieder aufgefallen. Und inzwischen versuchen sie das besser zu managen." Das Beispiel des Vorarlberger Dorfes sei typisch für Österreich, meinte die Umwelthistorikern. "Fast an jedem Ort könnten wir eine lange Kulturlandschaftsgeschichte finden."

Jede Flussregulierung hat Nebenwirkungen

Ein anderes Beispiel betrifft die Rekonstruktion des Verlaufs der Donau seit Beginn der Neuzeit. Winiwarter konnte im Rahmen eines Forschungsprojekts zeigen, dass "jede Regulierungsmaßnahme, die je an diesem Fluss gemacht wurde, neben den erwünschten auch unerwünschte Wirkungen gehabt hat", so Winiwarter.

Ein Beispiel: Unterhalb des Kraftwerks Freudenau müsse jeden Arbeitstag des Jahres ein großer Güterwaggon voll Schotter in die Donau geschüttet werden, damit sich das Flussbett nicht weiter eintieft. "Dieses Ausmaß an Selbstbindung der Gesellschaft durch eine Intervention in die Natur in der Vergangenheit zu vermitteln, erscheint mir eine Bildungsaufgabe", erklärte Winiwarter.

Verena Winiwarter vor einer Karte der Donau

HERBERT P. OCZERET

Verena Winiwarter vor einer Karte der Donau

Die Umweltgeschichte beschäftige sich mit dem Verhältnis zwischen Gesellschaft und Natur in der Vergangenheit, beschreibt Winiwarter ihr Fach. So untersucht sie mit ihrem Team derzeit etwa - nach der Donau-Studie - die grundlegenden Veränderungen der Wiener Gewässerlandschaft zwischen 1683 und 1918, also die zahlreichen Donau-Nebenflüsse auf Wiener Stadtgebiet, die ja im 19. Jahrhundert alle kanalisiert wurden. In einem anderen aktuellen Projekt steht die Umweltgeschichte des Wintertourismus in Österreich im Mittelpunkt.

Mit dem historischen Verlauf der Donau war die am 26. Juli 1961 in Wien geborene Tochter eines Zivilingenieurs schon früh konfrontiert. Im Büro ihres Vaters sei eine Karte der Donau von 1873 gehangen. Möglicherweise habe sie das beeinflusst, aber ins Realgymnasium sei sie wohl deshalb gegangen, "weil mein Vater als Techniker mich dorthin geschickt hat". Tatsächlich interessierte sie sich früh für Chemie, war bei einer Chemie-Olympiade dabei, absolvierte nach der Matura auch ein Kolleg für technische Chemie. "Das war das Paradies auf Erden, den ganzen Tag im Labor stehen", erinnert sie sich.

Jahrelang arbeitete sie dann an der Technischen Universität (TU) Wien im Bereich Umweltanalytik. Doch ihr wurde dabei nicht nur langweilig, sondern auch klar, "dass ich bei meiner Ausbildung immer die Labormaus bleiben werde". So begann sie nebenbei Geschichte und Publizistik zu studieren und war 1998 die erste, die im Fach Umweltgeschichte dissertierte.

Einzige Professorin für Umweltgeschichte

Es folgte 2003 die Habilitation in Humanökologie und - nach 26 Jahren ausschließlich in Projekten angestellt - schließlich 2007 der Ruf auf die erste und bisher einzige Professur für Umweltgeschichte am Institut für Soziale Ökologie an der Fakultät für interdisziplinäre Forschung und Fortbildung der Universität Klagenfurt.

Aber auch als Historikerin ist Winiwarter der technische Zugang zur Welt geblieben. "Das unterscheidet mich von vielen in der Geisteswissenschaft, dass ich letztlich immer wieder als Ingenieurin denke und mich frage, was könnte ich denn tun, um zur Lösung beizutragen", sagt die Mutter zweier erwachsener Kinder, die in ihre technischen Fußstapfen getreten sind, von sich selbst.

Vielen falle schwer, sie fachlich einzuordnen, doch Winiwarter findet den interdisziplinären Zugang ihres Fachs gut: "Eine interdisziplinäre Gruppe führt immer zu besseren Ergebnissen als eine disziplinäre Gruppe", deswegen sei sie auch - obwohl sie Leitungsfunktionen lange nicht so interessieren wie Umweltgeschichte - Dekanin der Fakultät für interdisziplinäre Forschung und Fortbildung.

Alle Bildungskanäle

Die Historikerin wünscht sich, dass das von ihrer Gruppe erarbeitete Wissen wirksam wird und sie "politikrelevante Informationen" liefern können. "Ich möchte ein Set an Argumenten, Fakten, Überlegungen zur Verfügung stellen, mit denen man seine Entscheidungen anders fundieren kann", so Winiwarter.

Dies tut sie "auf allen mir zur Verfügung stehenden Bildungskanälen", wie sie betont, nicht nur als gefragte Interviewpartnerin für Medien, sondern auch in Form von Schulmaterialien und der Mitwirkung an Ausstellungen. Im Frühjahr soll rechtzeitig zur Leipziger Buchmesse auch ihr erstes populärwissenschaftliches Buch im Primus Verlag erscheinen. Mit 60 Umweltgeschichten von Tasmanien bis Grönland will sie die Leser dazu animieren, über die (Umwelt-)Vergangenheit nachzudenken und "Lehren daraus zu ziehen".

Winiwarter will zu "Bürgern beitragen, die sich mit Nachhaltigkeit auseinandersetzen können". Denn es sei "eine zivile gesellschaftliche Bewegung notwendig, um die Gesellschaft nachhaltig zu machen". Das sei nicht allein eine staatliche Aufgabe. "Der Staat muss seine Aufgabe auch wahrnehmen, was er derzeit nicht gut macht, aber Staat und Zivilgesellschaft müssen miteinander arbeiten und ich möchte in beide Systeme unsere Informationen, die ich für entscheidungsrelevant halte, hineinbringen", sagte die Wissenschaftlerin.

Ö1 Wissenschaft/science.ORF.at/APA

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