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Volle Espressotasse

Koffein stärkt das Gedächtnis

Als Wachmacher ist Koffein schon seit jeher bekannt. Studien zeigen nun: Die Substanz unterstützt offenbar auch das Merkvermögen - sowohl bei Menschen als auch bei Tieren.

Experiment 13.01.2014

Was der morgendliche Kaffee bewirkt, zeigt sich am deutlichsten an seiner Absenz. Ohne ihn laufen die Dinge zäh an. Mit ihm hingegen - wer könnte es besser sagen als Honoré de Balzac "rücken die Ideen an wie Bataillone der Grande Armée auf einem Schlachtfeld". Und nicht nur die Ideen. Auch die Geistesblitze bewegen sich laut Balzac wie die "Tirailleure" der leichten Infanterie, während die "Artillerie der Logik" für die nötige Klarheit im Getümmel der Ideen sorgt.

Die Studie:

"Post-study caffeine administration enhances memory consolidation in humans", Nature Neuroscience (12.1.2014; doi: 10.1038/nn.3623).

Kurzum, Kaffee (bzw. das darin befindliche Koffein) macht wach und wirkt "kognitiv unterstützend", wie das die Wissenschaft ebenso kurz wie nüchtern ausdrückt. Balzac bestand darauf, dass nach einer Tasse Kaffee auch die Erinnerungen "mit fliegenden Fahnen" herbeieilen würden - ein Befund, der von der Forschung bisher nicht bestätigt werden konnte. Eine Studie amerikanischer Neurobiologen scheint dem französischen Dichter nun doch Recht zu geben.

Hirndoping im Labor

Ö1 Sendungshinweis:

Über diese Studie berichtet auch "Wissen aktuell", Mo, 13.1.2013, 13:55 Uhr.

44 Testpersonen betrachteten im Labor Bilder von Gegenständen: etwa einem Sessel, einem Tisch, einer Gummiente. Danach bekam eine Gruppe eine Pille mit 200mg Koffein, die zweite Gruppe eine Placebopille. Am nächsten Tag kamen die Testpersonen wieder ins Labor und schauten wieder Bilder an. Sie mussten dann angeben: War ein Bild neu, hatten sie es schon am Vortag gesehen oder war es bloß sehr ähnlich? Michael Yassa von der University of California in Irvine über das Ergebnis:

"Die Testpersonen in der Koffein-Gruppe hatten ein deutlich differenziertes Gedächtnis. Sie wussten genau: Ja, diese Kaffeetasse habe ich schon gesehen. Oder: Nein, diese Tasse ist sehr ähnlich, aber nicht identisch. "

Michael Yassa von der Johns Hopkins University bat Koffein-Abstinenzler in sein Labor, zeigte ihnen Bilder und servierte dazu eine Tablette mit 200 Milligramm Koffein. 24 Stunden später mussten die Probanden zum Erinnerungstest antreten und die zuvor gezeigten Bilder wiedererkennen. Yassa baute in den Test eine kleine Hürde ein: Manche der Bilder aus der neuen Serie zeigten nämlich nicht nur völlig neuartige Gegenstände, sondern auch solche, die den vorher präsentierten ähnelten.

Diese Finte zu erkennen erwies sich erwartungsgemäß als besonders schwierig. Und genau hierin zeigten sich die durch Koffein gedopten Probanden überlegen. Dass in früheren Untersuchungen keine Effekte auf das Langzeitgedächtnis nachgewiesen wurden, erklärt Yassa mit seiner Methode. Ähnliche von identischen Mustern unterscheiden zu können ("pattern separation" im Fachjargon) ist ihm zufolge eine grundlegende, "tief sitzende" Fähigkeit des Erinnerungsvermögens. Dies sei in früheren Studien schlichtweg nicht untersucht worden, schreibt der Hirnforscher im Magazin "Nature Neuroscience".

Für die alltägliche Praxis dürften die Resultate dennoch keine allzu großen Auswirkungen haben. Denn Yassas Probanden waren in Sachen Koffeinkonsum mehr oder minder unberührt, was statistisch betrachtet nicht allzu oft vorkommt. Laut US Food and Drug Administration nehmen 90 Prozent der Weltbevölkerung koffeinhaltige Nahrung oder Getränke zu sich.

Die durchschnittliche Tagesmenge liegt in den USA bei 200 Milligramm - genau jene Dosis, die die Forscher auch in ihren Versuchen verwendet haben. Fazit: Der gemeine Kaffeekonsument stützt sein Langzeitgedächtnis ohnehin. Ob eine Steigerung der Dosis etwas (Positives) bewirken würde, ist durchaus fraglich.

Wirkt auch bei Bienen

Erfahrungen mit der Wirkung des Koffeins können übrigens auch Bienen vorweisen. Geraldine Wright von der Newcastle University hat vergangenes Jahr untersucht, wie die Substanz auf Honigbienen wirkt. Ihr Resümee: Koffein stärkt im Experiment das Merkvermögen der Insekten.

Ein Umstand, den sich Kaffee- und Zitruspflanzen in der freien Natur längst zunutze gemacht haben ("Science" Bd. 339, S.1202). Diese Gattungen versetzen ihren Nektar nämlich mit Koffein - trinkt die Biene davon, erinnert sie sich besser an die Blüten und stellt sich später erneut in den Dienst der Bestäubung.

Robert Czepel, science.ORF.at

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