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Rückenansischt einer übegewichtigen Jugendlichen

Gebildete Eltern haben schlankere Kinder

Dass Übergewicht nicht nur ein gesundheitliches, sondern auch ein soziales Phänomen ist, untermauert eine neue US-amerikanische Studie. Denn während Kinder von gut ausgebildeten Eltern heute weniger Speck ansetzen als noch vor zehn Jahren, steigt der Anteil der stark übergewichtigen Kinder bei Eltern mit geringer Schulbildung weiter.

Soziale Kluft 14.01.2014

Die wachsende soziale Kluft müsse bei Informations- und Präventionsmaßnahmen berücksichtigt werden, schreiben Robert Putnam und seine Kollegen von der Harvard University. Auch in Österreich zeigte eine 2013 veröffentlichte OECD-Untersuchung einen starken Konnex zwischen Bildung und Übergewicht.

Die Studie:

"Increasing socioeconomic disparities in adolescent obesity" ist am 13. Jänner 2014 in den "Proceedings of the National Academy of Sciences" erschienen (DOI:10.1073/pnas.1321355110).

Trügerische Zahlen

Die Freude scheint verfrüht gewesen zu sein: Nach Jahrzehnten des kontinuierlichen Anstiegs schien sich der Anteil übergewichtiger Kinder und Jugendlicher laut einer 2012 erschienen Studie endlich einzupendeln. Nicht nur die absoluten Zahlen deuteten darauf hin, sondern auch einzelne Messgrößen: So sanken die täglich von zwei- bis 19-jährigen Buben konsumierten Kalorien zwischen 1999 und 2010 um sieben Prozent, jene der gleichaltrigen Mädchen um vier Prozent. Eine andere Studie stellte fest, dass Teenager mehr Sport betreiben, weniger Zucker zu sich nehmen und mehr Obst und Gemüse essen.

Diese Zahlen beschreiben die Realität aber nicht detailliert genug, stellen Robert Putnam, Kaisa Snellman und Carl Frederick fest. Sie zogen zwei umfassende landesweite Studien heran, um das Bild des Übergewichts bei Jugendlichen im Alter zwischen zwölf und 17 Jahren detaillierter zeichnen zu können. Ihr Ergebnis: Tatsächlich sei der Zuwachs an übergewichtigen Teenagern abgeklungen. Der Rückgang sei aber ein auf bestimmte soziale Gruppen beschränktes Phänomen - oder anders gesagt: Je besser die Bildung der Eltern, desto wahrscheinlicher ist es, dass ein Kind schlank bleibt.

Ernährung und Bewegung

Diesen "Klassenfaktor" machen die Forscher an zwei Variablen fest: Die täglich verzehrte Kalorienanzahl sei zwar sowohl bei den Kindern besser gebildeter Eltern (in Österreich wären das Erwachsene mit Matura bzw. Studium) als auch beim Nachwuchs von Eltern mit geringerer Schulbildung (Hauptschulabschluss) gesunken - bei Ersteren aber deutlich stärker.

Auch beim Sport zeigte sich ein Unterschied: In der Studie zu den Jahren 2009 und 2010 gaben knapp 95 Prozent der Kinder besser ausgebildeter Eltern an, in den vergangenen 30 Tagen Sport betrieben zu haben. Unter den Kindern von Eltern mit geringerer Schulbildung waren es hingegen 82,1 Prozent. Erfasst wurden dabei nicht nur sportliche Aktivitäten in der Freizeit, sondern auch schulische Aktivitäten.

Lebensumfeld entscheidend

Der Rückgang an Übergewicht und der damit verbundene Bewusstseinswandel seien nur bei einer bestimmten Gruppe eingetreten, schreiben die Forscher. Sie appellieren an die Politik, Maßnahmen gegen diese sich verbreiternde Bildungskluft zu setzen. Das betreffe nicht nur Information und Prävention, sondern auch die Gestaltung des Lebensumfelds von Kindern aus weniger gebildeten Familien. "Wenn sie keine Möglichkeit haben, sich in Parks, auf Spielplätzen oder auf einem sicheren Schulweg zu bewegen, bleibt ihnen ein Weg versperrt, sich gegen Übergewicht zu wehren", schreiben die Forscher.

Nach Angaben des US-Landwirtschaftsministeriums lebt ein Zehntel der Bevölkerung in einkommensschwachen Gegenden und hat keine Supermärkte in Laufentfernung. Den Studienautoren zufolge erledigen sie ihre täglichen Einkäufe deshalb besonders häufig in Tankstellen, Fast-Food-Restaurants und schlecht sortierten Straßengeschäften, "die vor allem Nahrungsmittel mit viel Fett, Zucker und Salz verkaufen".

Auch in Österreich

Grafische Darstellung des Zusammenhangs zwischen Bildung und Übergewicht

APA

Der Zusammenhang zwischen Bildung und Übergewicht

Der nun anhand der USA skizzierte Zusammenhang wurde 2013 auch für Österreich belegt, hier allerdings bisher nur für Erwachsene: Laut der OECD-Studie "Bildung auf einen Blick 2013" sind hierzulande zehn Prozent der Akademiker in Österreich extrem übergewichtig (Body-Mass-Index bei 30 oder darüber), bei Personen ohne Abschluss der Sekundarstufe II (z. B. Matura, Lehre) beträgt der Prozentsatz schon rund 20 Prozent. Besonders stark ausgeprägt ist der Zusammenhang bei Frauen: 24 Prozent der Frauen ohne Matura, Lehre oder vergleichbarem Abschluss sind fettleibig, aber nur sieben Prozent der Akademikerinnen.

Gesundheitliche Risiken

Bei den Kindern gelten laut den letzten Zahlen des Österreichischen Akademischen Instituts für Ernährungsmedizin (ÖAIE) 23 Prozent als übergewichtig, rund sechs Prozent davon leiden an Adipositas, drei weitere Prozent an extremer Adipositas.

Dass Maßnahmen zur Prävention von Übergewicht bei Kindern besonders wichtig sind, daran erinnern auch die Harvard-Forscher in ihrer Studie: Ist ein Bursche im Alter von 16 übergewichtig, wird er es mit 80-prozentiger Wahrscheinlichkeit auch als Erwachsener sein, bei den Mädchen liegt die Wahrscheinlichkeit sogar bei 92 Prozent - inklusiver aller gesundheitlichen Risiken wie einer höheren Häufigkeit von Knochenveränderungen, Asthma, Allergien und Kreislauferkrankungen. Altersdiabetes und Erkrankungen der Gefäße können dann schon Jugendlichen zu schaffen machen.

Elke Ziegler, science.ORF.at

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