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Seniorin in gebückter Haltung

Wie es sich anfühlt, ein Greis zu sein

Gewicht an Beinen und Armen, steife Gelenke, eingeschränkte Sicht - ein Anzug zur Alterssimulation ermöglicht es, für einige Zeit in die Haut eines älteren Menschen zu schlüpfen. Projektleiter Andreas Lauenroth erhofft sich davon eine Sensibilisierung der Jüngeren für die Lebenssituation älterer Mitmenschen.

Technologie 15.01.2014

Die Einschränkung des Phänomens Alter auf körperliche Gebrechen nimmt der Sportwissenschaftler in Kauf: Der Anzug soll lediglich ein Instrument sein, um einen Aspekt des Älterwerdens spürbar zu machen, erklärt er im science.ORF.at-Interview. Auch seinen Kollegen tut eine solche Erfahrung gut.

Andreas Lauenroth

Andreas Lauenroth

Andreas Lauenroth ist Sportwissenschaftler und Projektleiter des "Age-Simulators", mit dem er und seine Kolleginnen und Kollegen im Rahmen des interdisziplinären Netzwerks Alternsforschung arbeiten.

Links:

Ö1 Sendungshinweis:

Über den Alterssimulationsanzug berichtet auch "Wissen Aktuell" am 15. Jänner 2014 um 13.55 Uhr.

science.ORF.at: Die Werbung will uns ständig Produkte verkaufen, die in uns das Gefühl erwecken, jünger und fitter zu sein. Der Alterssimulationsanzug hat genau den gegenteiligen Effekt - mit welchem Zweck?

Andreas Lauenroth: Der Anzug soll jüngere Menschen dazu motivieren, sich mit dem Alter und dem Prozess des Alterns auseinanderzusetzen. Menschen, die den Anzug tragen, sollen einen Eindruck davon bekommen, wie es älteren Menschen in alltäglichen Situationen geht - beispielsweise an der Supermarktkassa, wenn hinter einem andere ungeduldig warten und man selbst mühsam seine Münzen zusammensuchen muss. Zum zweiten soll der Anzug auch die Auseinandersetzung mit einem eigenen Altern und dem Umgang damit anregen.

Wie viel älter macht der Anzug den Träger bzw. die Trägerin?

Als Sportwissenschaftler habe ich nach einer Methode gesucht, wie ich den Alterssprung quantifizieren kann, und bin auf die Methode der Ganganalyse gestoßen: Wir ließen unsere Versuchspersonen unter verschiedenen Bedingungen über eine Gangmatte gehen, sowohl mit als auch ohne Anzug, und maßen die Differenz hinsichtlich Geschwindigkeit, Schrittlänge und -breite. Unsere Auswertungen ergaben, dass ein 40-Jähriger mit dem Anzug das Gangverhalten eines 60-Jährigen zeigt. Insofern kann man davon ausgehen, dass sich das Gangverhalten einer Versuchsperson um 20 bis 25 Jahre erhöht.

Sie schreiben auf Ihrer Website, dass der Anzug dazu beitragen kann, den demografischen Wandel zu bewältigen - können Sie das konkretisieren?

Den gesamten demografischen Wandel werden wir mit einem Anzug natürlich nicht bewältigen, aber er ist ein sehr anschauliches Instrument, um mehr Bewusstsein für den Prozess des demografischen Wandels zu schaffen. In Unternehmen beispielsweise kann man Mitarbeiter und Führungskräfte dazu anregen, sich mit diesem Thema der alternden Gesellschaft auseinanderzusetzen. Wenn ich als Führungskraft weiß bzw. selbst erlebt habe, dass bestimmte Arbeitsprozesse für ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer anders gestaltet werden müssen, können entsprechende Maßnahmen umgesetzt werden.

Der Anzug simuliert Alter als etwas in erster Linie Beschwerliches - ist das nicht sehr einseitig?

Eine Frau steigt mit dem Alterssimulationsanzug die Stiegen hinauf.

dpa

Der Alterssimulationsanzug GERT ist rund 20 Kilo schwer. Gewichte an Hand- und Fußgelenken und fingerlose Handschuhe erschweren die Beweglichkeit und Feinmotorik. Ein Gehörschutz gaukelt altersbedingte Schwerhörigkeit vor, eine Spezialbrille schränkt das Sichtfeld ein. Dadurch sollen jüngere Menschen ein Gefühl dafür bekommen, wie sie alltägliche Situationen als älterer Mensch erleben würden. Entwickelt wurde der Anzug vom Produktdesigner Wolfgang Moll.

Auf den ersten Blick ist es tatsächlich ein einseitiger Eindruck, aber es war nie die Zielsetzung, mit dem Anzug Alter als mehrdimensionales Phänomen zu simulieren. Das Alter hat natürlich auch viele schöne und positive Seiten, die man mit dem Anzug nicht simulieren kann. Der Anzug soll einen ersten Eindruck davon geben, wie es sein wird, wenn man in 20 bis 30 Jahren weniger Muskulatur hat. Da kann im besten Fall für die Testperson ein Impuls sein, sich sportlich mehr zu betätigen, das gesellschaftliche Umfeld aufrecht zu erhalten, auch geistig fit zu bleiben.

Welche Einsatzgebiete sehen Sie für den Anzug?

Prinzipiell kann und sollte der Anzug überall dort eingesetzt werden, wo jüngere Menschen Kontakt mit Seniorinnen und Senioren haben. Das kann in Sparten sein, in denen ältere Menschen einen Großteil der Kundinnen und Patienten ausmachen wie beispielsweise der Pflege und Teilen der Medizin. Das kann aber auch innerbetrieblich etwa im Rahmen des Gesundheitsmanagements in großen Unternehmen sein - Stichwort Arbeitsorganisation. Zusätzlich kann man den Anzug auch nutzen, um bestimmte Produkte und Dienstleistungen seniorengerechter zu machen. Ingenieure und Designer können sich durch den Anzug zumindest ein bisschen besser in die Lebenssituation älterer Menschen hineinversetzen.

Welches Feedback bekamen Sie nach den ersten Einsätzen?

Die Nachsicht mit älteren Menschen war nach den Tests deutlich größer. Um ein Beispiel zu erzählen: Straßenbahnfahrer waren nach den Erlebnissen mit dem Anzug viel eher bereit, noch einmal anzuhalten und auf eine ältere Person zu warten, als vorher. Hier hat der Anzug seinen Auftrag eindeutig erfüllt.

Das Netzwerk Alternsforschung, in dessen Rahmen Sie arbeiten, ist inhaltlich sehr breit angelegt, da arbeiten viele verschiedene Disziplinen zusammen. Spielen die Erfahrungen mit dem Anzug auch in anderen Bereichen eine Rolle?

Sich theoretisch mit dem Phänomen des Alterns auseinander zu setzen, ist das eine. Aber selbst die Erfahrung gemacht zu haben, wie es sich mit bestimmten altersbedingten Einschränkungen lebt, ist einfach etwas anderes. Man bekommt ein neues Bild, was die eigenen Forschungsfragen betrifft, und kann sich viel besser in die Situation derer hineinversetzen, die Gegenstand der eigenen Forschung sind. Das scheint mir ein sehr positiver Effekt für die Forschung selbst zu sein.

Interview: Elke Ziegler, science.ORF.at

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