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Porträtfoto des Philosophen Martin Heidegger

Heideggers Antisemitismus: Immer wieder neu

Martin Heidegger gilt als einer der wichtigsten und umstrittensten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Seine Nähe zum Nationalsozialismus ist seit langem bekannt, neue Schriften deuten aber darauf hin, dass sein Antisemitismus platter und radikaler war als bisher vermutet. Die Aufregung in der Zunft der Philosophen ist dementsprechend groß.

Philosophie 21.01.2014

Peter Trawny, Leiter des Heidegger-Instituts an der Bergischen Universität in Wuppertal, gibt im März den ersten Teil der "Schwarzen Hefte" heraus. Dabei handelt es sich um Notizen von Gedanken, die sich Heidegger zwischen 1931 und Anfang der 70er Jahre gemacht hat. Wie Trawny vor kurzem in der Wochenzeitschrift "Die Zeit" schrieb, enthalten diese Notizen antisemitische Aussagen "in neuer Dimension".

Die beiden Heidegger-Experten Florian Grosser von der Universität St. Gallen und Matthias Flatscher von der Universität Wien versuchen, die neuen Erkenntnisse in das bisher bekannte Bild einzuordnen.

science.ORF.at: Wie sind die aktuellen Äußerungen in die jahrzehntelange Debatte um Heideggers NS-Affinität einzuordnen?

Porträtfotos der Philosophen Florian Grosser und Matthias Flatscher

Universität St. Gallen, Universität Wien

Florian Grosser (li.) ist wissenschaftlicher Assistent am Fachbereich Philosophie der Universität St. Gallen sowie Autor zweier Bücher über Martin Heidegger ("Revolution denken. Heidegger und das Politische 1919-1969", "Theorien der Revolution. Zur Einführung").
Matthias Flatscher ist Assistent am Institut für Philosophie der Universität Wien und beschäftigt sich u.a. mit der Herausgabe diverser Korrespondenzen von und mit Heidegger.
Grosser war im Rahmen der Vortrags- und Workshop-Reihe "Transformationen des Politischen" Gast in Wien.

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Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 21.1., 13:55 Uhr.

Florian Grosser: Das kann man erst beantworten, wenn die Hefte erschienen sind. Das sind 1.200 Seiten, und bisher sind nur einige wenige Passagen bekannt. Diese lassen aber vermuten, dass wir uns fragen müssen, ob wir zwei klassische Argumente zur Verteidigung Heideggers neu bewerten müssen. Das erste lautet mit Richard Rorty gesprochen: Heidegger habe einen "nasty character" gehabt, man müsse zwischen der Privatperson und dem NS-Politfunktionär auf der einen Seite und dem Philosophen auf der anderen Seite unterscheiden. Das zweite Argument stammt von Richard Polt. Er hat argumentiert, dass Heidegger einen nicht-rassischen Rassismus verfolgt und auf einen metaphysischen, nicht-bluthaften Charakter des deutschen Volkes abgehoben hätte. Beide Argumente müssen im Licht der neuen Texte kritisch überprüft werden.

Der Herausgeber dieser Texte, Peter Trawny, weiß es wohl am bisher besten. In seinem "Zeit"-Beitrag hat er einige Kostproben vorgestellt - etwa dass "das 'Weltjudentum' beinahe allgegenwärtig Ökonomie und Politik kontrolliert, nach Weltherrschaft strebt und einen Existenzentwurf ohne Heimat verkörpert" - ist das nicht eine sehr unoriginelle und NS-typische Art von Antisemitismus?

Grosser: Dass er sich so positiv auf die Protokolle der Weisen von Zion bezieht, ist tatsächlich etwas Neues, das war seinen bisher bekannten Texten nicht zu entnehmen. Dagegen muss man schauen, wie genau andere Stellen aus den "Schwarzen Heften" zu verstehen sind. Denn Bemerkungen zur Geschichtslosigkeit, Bodenlosigkeit, Entwurzelung etc. tauchen bei Heidegger häufig auf, nicht nur im Zusammenhang mit dem Judentum. Sie sind bei ihm Attribute der Existenz des modernen Menschen im Allgemeinen. Heidegger verwendet sie, wenn er über die Großstadt spricht, über wissenschaftliche Forschung oder die Effekte moderner Technik. In einem weiteren Sinn ist Heimatlosigkeit bei ihm ein Grundzug menschlicher Existenz.

Aber auch ein klassisches antisemitisches Stereotyp. Muss man da wirklich noch lange neu bewerten?

Matthias Flatscher: In den philosophischen Schriften, die man bisher kannte, gibt es keine eindeutig antisemitischen Äußerungen. Heidegger bringt zwar immer wieder Kapitalismus, Amerikanismus und Bolschewismus mit Entwurzelung in Verbindung, aber nicht dezidiert mit dem Judentum - das ist neu. Die einzige mir bekannte Ausnahme betrifft eine Seminar-Mitschrift von 1933/34, in der sich Heidegger mit Hegel auseinandersetzt und wo es problematische Äußerungen über "semitische" Völker gibt. Semitische Völker, Nomaden hätten laut Heidegger nicht denselben Bezug zu Boden und Heimat wie andere Völker.

Heidegger denkt nach über "Blut und Boden", über das "deutsche Volk", die "Volksgemeinschaft" und andere NS-Vokabeln - wie war generell sein philosophisches und politisches Verhältnis zum Nationalsozialismus?

Grosser: Auf jeden Fall eines der seltsamen Nähe. Ich denke, man muss dieses Verhältnis aber näher bestimmen und dazu die konkreten Begriffe genauer untersuchen - allen voran das "Volk", der "Rang" und ähnliches. Dann kann man schauen, welche Art politischen Denkens sich daraus ergibt. Und da gibt es eine Reihe gefährlicher Momente: etwa sein überzogenes Verständnis von Revolution, das für die Findung von Gemeinsamkeiten keine Räume gibt. Oder sein Zug zum Antiegalitären, seine Überbetonung von Konflikt. Heidegger reduziert Politik auf Konflikte. Konsens gilt für ihn als Rechnen, Aushandeln, Verhandeln, er verwendet dafür eine Reihe von abwertenden Begriffen.

All diese bedenklichen Elemente kann man nicht abstreiten. Dennoch hat es bisher so ausgesehen, dass Heidegger nur mit einem Eckpfeiler der NS-Ideologie massive Schnittflächen hatte, nämlich mit der Gleichschaltung. In Texten der ersten Hälfte der 30er Jahre betrachtet er "das Volk" als ultrahomogene Einheit, die in sich hierarchisch, nach dem Rangprinzip strukturiert ist. Das kommt dem Führerprinzip sehr nahe. Nun könnten aber auch die Schnittflächen zum anderen Eckpfeiler - Antisemitismus und Rassismus - größer sein als bisher gedacht. Dass diese bisher als überschaubar galten, liegt daran, dass Heidegger den Rassegedanken dem "rechnenden Denken", das absolute Planung und Kontrolle will, zugeordnet hat. Und das ist bei ihm absolut negativ besetzt.

Auch für das "Rechnerische" hätte die Juden eine besondere Begabung, heißt es in den Schwarzen Heften …

Flatscher: Dieser Kurzschluss ist extrem überraschend, weil Heidegger das rechnende Denken ansonsten immer stark an der Metaphysik der Neuzeit festgemacht hat; an Descartes, der nicht nur eine Subjektphilosophie installiert hat, sondern auch meinte, dass man nur in jenem Umkreis forschen kann, von dem man eine sichere mathematische Erkenntnis erlangen kann. Das Zeitalter der Technik und der Naturwissenschaften sieht er nur als Konsequenz dieser philosophischen Entscheidung. Bisher war das ein rein innerphilosophisches Narrativ. Seit ich die Äußerungen von Trawny gelesen habe, denke auch ich, dass man Heideggers Oeuvre eventuell grundsätzlich neu bewerten muss.

Auch Aussagen zum "Volk der Deutschen"?

Flatscher: Heidegger verwendet oft Begriffe, die mit der NS-Diktion in Zusammenhang gebracht werden, tut dies aber auf seine eigene Art und Weise. Er will etwa "Volk" nicht rassistisch verstehen, sondern knüpft an Hölderlin an, und versteht es im Sinne einer Sprachgemeinschaft, die sich auf ihre geschichtliche Herkunft besinnen muss. Das ist nicht essenzialistisch zu verstehen, sondern "die Deutschen" sollen als etwas verstanden werden, das es noch gar nicht gibt. Es geht ihm um eine geschichtliche Rückbesinnung, die es erst zu gewinnen gilt. Heidegger schreibt explizit, dass das nur in Auseinandersetzung mit der Fremde gelingen kann. Und die Fremde versteht er als Beginn der Philosophie im antiken Griechenland, erst von dort könne man so etwas wie ein eigenes Selbstverständnis gewinnen. Dieses Fremde oder Andere wird bei ihm nicht zum Gegenpol, den man vernichten muss, sondern dessen man eingedenk werden soll.

Warum sollten überhaupt "die Deutschen" eine derartige, wenn auch nur metaphysische Sonderrolle einnehmen?

Flatscher: Das habe ich mich auch schon oft gefragt und halte es für hochproblematisch. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat Heidegger davon Abstand genommen, begonnen vom "Abendland" zu sprechen und versucht Europa neu zu denken.

Was muss geschehen, um ein für alle Mal zu klären, ob Heidegger Antisemit war?

Flatscher: Es müssen alle Texte von ihm publiziert werden, was die Herausgeber der Heidegger-Gesamtausgabe auch vorhaben. Es hat ähnliche Antisemitismus-Spekulationen bei Heideggers Briefen an Hannah Arendt gegeben, die sich dann nicht bestätigt haben.

Grosser: Aber selbst wenn alles publiziert ist, halte ich es für fraglich, ob es eine eindeutige Klärung der Frage geben kann.

Warum ist das so schwierig?

Grosser: Weil Zweideutigkeit ein wesentliches Merkmal der Sprache Heideggers ist. Positiv bewertet könnte man sagen, dass sie eine große Offenheit an den Tag legt, viele Begriffe sind nicht so fixiert wie z.B. in der analytischen Philosophie. Kritisch betrachtet könnte man sagen, dass genau diese fehlende Fixierung das Problem ist. Seine Sprache ist so angelegt, dass es weiterhin möglich ist, ein ziemlich breites Spektrum an Interpretation zuzulassen.

Hat Heidegger gewusst, was und in welcher Reihenfolge nach seinem Tod publiziert wird? Konnte er damit rechnen, dass sein "Antisemitismus in neuer Dimension" bekannt wird?

Flatscher: Heidegger hat klare Vorstellungen gehabt, was, wie und wann veröffentlicht werden soll. Er hat seinen Nachlass minutiös geordnet und wollte, dass zuerst sein gesamtes philosophisches Oeuvre erscheint, d.h. die Vorlesungen und Seminare, seine öffentlichen Schriften und andere Texte, die lange als geheime Werke galten, die wir mittlerweile aber kennen. Erst vor diesem Hintergrund, seiner Auseinandersetzung mit der Metaphysik, sollten die Schwarzen Hefte erscheinen.

Peter Trawny deutet im "Zeit"-Artikel an, dass Heidegger absichtlich nichts von seinem Antisemitismus vertuscht hat - was er ja hätte tun können - sondern die Welt sozusagen teilhaben lassen wollte, an einem eigenen Irrtum. Können Sie dieser Interpretation etwas abgewinnen?

Flatscher: Das halte ich zwar für eine bedenkenswerte These, aber zugleich auch für eine Spekulation, solange wir keine expliziten Reflexionen von Heidegger dazu haben. Ich würde das viel eher so verstehen, dass er den Boden bereiten wollte, vor welchem Hintergrund diese Äußerungen zu lesen sind.

Grosser: Trawny ist in der derzeitigen Debatte am relevantesten, weil er am besten informiert ist. Diese Interpretation würde ich aber derzeit auch nicht teilen, weil man bei Heidegger immer wieder vorservierte Arten der Selbstinterpretation findet. Gerade was seine persönliche Verwicklung in den Nationalsozialismus betrifft, finden sich schon in bisher bekannten Texten Stellen, in denen er diese Strategie fährt. Ich finde das schwierig, weil es dadurch kaum möglich wird, ihn persönlich für etwas verantwortlich zu machen. Aber wie gesagt: Jetzt müssen die Hefte einmal erscheinen, und dann muss man sie sehr genau und kritisch lesen.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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