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Fingerabdruck auf weißem Grund

Vom Fingerabdruck zum Augenscan

Als Ende des 19. Jahrhunderts die Kriminalität in Großstädten zunahm, entwickelten findige Kriminalisten die "Daktyloskopie" - besser bekannt als Fingerabdruckmethode. Der deutsche Kulturwissenschaftler Daniel Meßner zeichnet in einem Gastbeitrag die Geschichte der messenden Identifizierung nach.

Biometrie 20.01.2014

Biometrie und die Geschichte der Identifizierung

Von Daniel Meßner

Mitte des 19. Jahrhunderts war Biometrie noch kein Begriff, der im Umfeld des Polizei- und Sicherheitswesens in Verwendung war. Vielmehr galt Biometrie als eine "Lebens-, Meß- und Rechnungskunst". Eine Kunst, deren Ziel es war, durch "Eintheilung und Benutzung der Zeit das menschliche Wohlbefinden zu begründen", wie es im Allgemeinen Handwörterbuch von Wilhelm Traugott Krug aus dem Jahr 1832 heißt. Kurze Zeit später begann sich die Bedeutung des Wortes zu ändern.

Heute werden unter Biometrie alle körperlichen Merkmale oder Verhaltensweisen subsumiert, von denen angenommen wird, dass sie individuell sind und keiner Veränderung unterliegen. Die Identifizierung von Personen beruht deshalb auf der Annahme, dass es individuelle Merkmale gibt, die einen Menschen zweifelsfrei kennzeichnen.

Über den Autor

Daniel Meßner, geb. 1979 in Regensburg, Studium der Geschichte und Cultural Studies/Kulturwissenschaften an der Uni Wien; zwischen 2010 und 2013 DOC-Team-Stipendiat der österreichischen Akademie der Wissenschaften mit dem Projekt "Verdaten. Klassifizieren. Archivieren. Identifizierungstechniken zwischen Praxis und Vision"; seit Oktober 2013 IFK_Junior Fellow am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften an der Kunstuniversität Linz; Betreiber des digitalen Radioformats "Stimmen der Kulturwissenschaften".

Literaturhinweise

About, Ilsen; Brown, James; Lonergan Gayle (Hg.) (2013): Identification and Registration Practices in Transnational Perspective: People, Papers and Practices. New York: Palgrave Macmillan.

Caplan, Jane; Torpey, John (Hg.) (2001): Documenting individual identity. The development of state practices in the modern world. Princeton N.J. u.a.: Princeton Univ. Press (Princeton paper- backs).

Cole, Simon A. (2002): Suspect identities. A history of fingerprinting and criminal identification. 2nd print. Cambridge, MA: Harvard Univ. Press.

Körpervermessung und Erkennungsdienste

Der Ausbau des Polizei- und Sicherheitswesens in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts führte zur Entwicklung neuer Formen des Identifizierens. Nachdem Individuen vor allem schriftlich durch Steckbriefe und Personenbeschreibungen wiedererkannt wurden, änderte sich die Situation durch den Einsatz der Fotografie. Anhand welcher Merkmale lässt sich aber eine Person durch ein Bild wiedererkennen?

Eine Lösung für dieses Problem waren körperliche Merkmale. Sie sollten die Wiedererkennung eindeutig sicherstellen. Alphonse Bertillon, ein französischer Kriminalbeamter, entwickelte in den 1880er Jahren mit der Anthropometrie eines der ersten biometrischen Verfahren. Es bestand in der Vermessung von Personen. Von der Körpergröße bis zur Ohrenlänge wurden insgesamt elf Maße genommen und auf einer Karte notiert, die anschließend in eine Registratur abgelegt wurde.

Innerhalb kurzer Zeit etablierten sich daraufhin nicht nur Identifizierungstechniken, sondern auch spezielle Behörden, die sich auf die Wiedererkennung von Personen spezialisierten: die Erkennungsdienste. Sie bilden bis heute wichtige kriminalpolizeiliche Abteilungen.

Fingerabdrücke und Fahndungsnetzwerk

Viele europäische Sicherheitsbehörden begannen in der Folge, ausgehend vom Pariser Erkennungsdienst, mit der Vermessung von Personen, die als verdächtig eingestuft wurden. Auch in Wien wurde 1898 mit dem Erkennungsdienst eine "anthropometrische Registratur" eingerichtet. Nur wenige Jahre später setzte sich aber mit dem Fingerabdruckverfahren eine andere Identifizierungstechnik durch.

Polizeifoto 1899

Fotoalbum Tatbestandsaufnahmen, Bundespolizeidirektion Wien, 1899

Bundespolizeidirektion Wien, 1899

Seine Anfänge liegen in Indien, wo die britische Kolonialverwaltung nach Möglichkeiten zur Erfassung von Personen suchte. Die Daktyloskopie fand ihren Weg bald nach England und von dort verbreitete sie sich vor allem in Europa, Nord- und Südamerika. Die Polizeibehörden rechtfertigten den Ausbau sicherheitspolizeilicher Institutionen mit dem Argument, dass Kriminalität von einem lokalen zu einem überregionalem Problem geworden war.

Die Erkennungsdienste tauschten systematisch biometrische Informationen über erfasste Personen aus, so dass noch vor Ausbruch des 1. Weltkriegs ein (weltweites) Fahndungsnetzwerk für gesuchte, straffällige Personen entstand. Das Sammeln und Verarbeiten von Informationen prägt seither das polizeiliche Selbstverständnis. Wie es der Kriminalbeamte Anton Walitschek in den 1930er Jahren formulierte: "Information und Evidenz sind das Um und Auf der Polizei in allen ihren Zweigen, die erste Voraussetzung für ihre Tätigkeit."

Biometrie zwischen Sicherheit und Bequemlichkeit

Jede biometrische Identifizierungstechnik beruht auf dem Abgleich von Merkmalen. Beim Fingerabdruckverfahren werden beispielsweise Muster und Eigenschaften der Fingerkuppen, sogenannte Minutien, miteinander verglichen. Deshalb müssen Grenzwerte festgelegt werden, ab wie vielen Übereinstimmungen zwei Fingerabdrücke als identisch gelten. Eindeutige Wiedererkennung ist bei biometrischen Verfahren daher keine objektive Beobachtung, sondern ein Aushandlungsprozess.

Heute verlagert sich der Einsatz dieser Techniken weg vom kriminalpolizeilichen oder erkennungsdienstlichen Einsatz hin zu Anwendungen, die unseren Alltag prägen. Der Fingerabdruck wird verwendet, um Türen zu öffnen oder ein Retina-Scan ermöglicht einen schnelleren Check-in am Flughafen, vorausgesetzt der Reisepass enthält Fingerabdrücke und ein biometrisches Passbild.

Das kriminalisierende Stigma, das die Erfassung durch biometrische Verfahren im 20. Jahrhundert kennzeichnete, haben sie inzwischen verloren. Gegenwärtig sind biometrische Techniken zu einem großen Wirtschaftsfaktor innerhalb der Sicherheitsbranche geworden, die vor allem als praktische Anwendungen verkauft werden, die gleichzeitig Sicherheit versprechen. Ihre große Überzeugungskraft ist nicht zuletzt ihrem kriminalpolizeilichem Entstehungshintergrund geschuldet.

Datenbanken und Registraturen

Biometrische Registraturen sind Wissensbestände, die eine Vorform moderner Datenbanken darstellen. In einer historischen Perspektive lässt sich daher zeigen, welche gesellschaftspolitischen Effekte Datenbanken und Wissensbestände haben und wie sich Gesellschaftsordnungen und Sicherheitsvorstellungen in diese Formen der Wissensverwaltung einschreiben.

Das zeigt sich bei biometrischen Identifizierungstechniken im Wesentlichen auf zwei Ebenen. Einerseits bieten die Registraturen eine Möglichkeit des verdachtsunabhängigen Abgleichs von Datenbeständen, so dass durch die Verknüpfung von Informationsquellen Muster erkennbar werden. Bevor die Nadel im Heuhaufen gesucht werden kann, muss nicht nur der Heuhaufen aufgetürmt werden, sondern brauchen die Suchenden eine Vorstellung davon, wie die Nadel beschaffen ist, nach der sie suchen. Allein die Speicherung in einer Datenbank kann daher eine Form der Vorverurteilung darstellen.

Andererseits stellt sich die Frage, inwiefern die erkennungsdienstlichen Methoden als eine Art Katalysator bei der repressiven Behandlung diskriminierter Bevölkerungsgruppen wirkten? Schließlich schrieben sich Kriminalitäts- und Ordnungsvorstellungen auch deshalb in die Registraturen ein, weil die erkennungsdienstliche Erfassung auf bestimmte Bevölkerungsgruppen gerichtet war. Beispielsweise wurde bei der Einführung des Fingerabdruckverfahrens 1912 im Deutschen Reich festgelegt, dass "alle Zigeuner ohne Rücksicht auf Straffälligkeit und Strafmündigkeit" erfasst werden sollten.

Die historische Perspektive ist bei der Auseinandersetzung mit biometrischen Identifizierungstechniken von Bedeutung für gegenwärtige Anwendungen, weil langjähriger Einsatz statt wissenschaftliche Überprüfung bis heute die Legitimationsgrundlage für biometrische Verfahren darstellt und dabei gesellschaftliche Implikationen häufig nicht reflektiert werden.

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