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Eine Schale Mais und Maiskeimöl

Not macht erfinderisch

Kriegsbrot mit Streckbutter und Ersatzkaffee - was wenig verlockend klingt, hat im Ersten Weltkrieg zum Alltag gezählt. Lebensmittel waren knapp und Nachschub nicht zu erwarten. Der Mangel zwang die Menschen zum Improvisieren. Manche Erfindungen von damals gibt es bis heute, zum Beispiel Maiskeimöl.

Erster Weltkrieg 24.01.2014

Durch amtliche Regelungen wurde der Konsum von Grundnahrungsmitteln mehr und mehr eingeschränkt. Den Hunger der Menschen versuchte man zudem mit sogenannten Ersatzlebensmitteln zu stillen.

Verordnete Einsparungen

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmete sich auch ein Beitrag in den Dimensionen am 24. Jänner um 19:05 Uhr.

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Das alltägliche Leben muss weitergehen, auch im Krieg. Dass das nicht immer so einfach ist beziehungsweise war, zeigt ein Blick auf die Versorgung der daheimgebliebenen Bevölkerung im Ersten Weltkrieg. Niemand hatte mit einer so langen Kriegszeit gerechnet, weswegen keine ausreichenden Vorkehrungen getroffen worden waren, wie der Lebensmittelchemiker Franz Vojir von der Ignaz-Lieben-Gesellschaft erklärt: "Alles musste aus den aktuellen Vorräten heraus organisiert werden." Hinzu kam die Kontinentalblockade, die insbesondere die Mittelmächte - Deutsches Reich und Österreich-Ungarn - von der Versorgung abschnitt. Mit umfangreichen Verordnungen versuchten die Behörden ab dem ersten Kriegsjahr, dem Mangel zu begegnen.

Zuerst wurden Einschränkungen bei den Grundlebensmitteln erlassen. "Um die gleiche Menge an Brot auf den Markt bringen zu können, mussten bereits ab dem Oktober 1914 Ersatzmittel in den Teig eingearbeitet werden", so Vojir. Der Anteil des eigentlichen Brotgetreides, also Weizen und Roggen, durfte zu Beginn noch 70 Prozent betragen, der Rest wurde durch Gerste, Hafer, Mais und Kartoffelmehl ersetzt. Schon im Jänner 1915 wurde die Ersatzmittelmenge auf 50 Prozent erhöht. "Das war dann das sogenannte Kriegsbrot, das weder besonders gut zu essen noch zu lagern war", beschreibt der Chemiker das Nahrungsmittel.

Auch die Verwendung von Milchprodukten wurde ab 1915 per Verordnung stark eingeschränkt. Schlagobers und Rahm durften nicht mehr getrennt verkauft und nur zu Butter verarbeitet werden. Auch für Eis, Schokolade und Zuckerwaren war die Verwendung von Milchprodukten verboten. Ähnliche Vorschriften wurden dann 1917 für Zucker erlassen: Er durfte für viele Produkte nicht mehr verwendet werden und in Gaststätten nicht mehr zum Süßen zur Verfügung stehen.

Fleischfreie Tage

Ab 1915 wurde der Fleischverbrauch ebenfalls staatlich reguliert. Die Behörden sahen in der Rationierung den einzigen Ausweg, nachdem es für Fleisch praktisch keinen Ersatz gab. Aus heutiger Sicht unvorstellbar wurden dann zuerst für Gewerbebetriebe und dann für die gesamte Bevölkerung fleischfreie Tage verordnet. Zuerst waren es zwei. "Ab 1916 wurde das Verbot auf drei Tage ausgeweitet, nämlich dezidiert Montag, Mittwoch und Freitag", so Vojir. Das Verbot galt für alle Fleischsorten, die einzigen Ausnahmen waren Blut- und Leberwürste.

Im Lauf des Krieges wurde praktisch der Verbrauch von fast allen Lebensmitteln von amtlicher Seite geregelt. Und wo es Vorschriften gibt, muss natürlich auch kontrolliert werden. Mit 5.000 Kronen bzw. bis zu sechs Monaten Arrest musste bei Übertretung gerechnet werden (zum Vergleich: 1914 bekam man für eine Krone etwa drei Kilogramm Brot, Quelle: Österreichisches Staatsarchiv). 1917 wurde der Strafrahmen sogar auf 20.000 Kronen erhöht. Zuständig war das Ende 1916 eigens für diese Fragen gegründete Amt für Volksernährung.

Vojir erzählt von Berichten über diese Kontrollen, die er im Staatsarchiv gefunden hat. In Oberösterreich beispielsweise, wo die Versorgung mit Fleisch im Vergleich zu anderen Bundesländern noch relativ gut war, gab es einen eigenen Erlass, der besagte, dass die Kontrollorgane vor allem gutgestellte Leute aufsuchen sollten, die sich das Fleisch auch noch leisten konnten. "Da gab es tatsächlich ganz beträchtliche Beanstandungen, und es wurden durchaus auch Strafen verhängt. Nicht die Maximalwerte, aber ein paar hundert Kronen mussten die Beschuldigten dabei schon zahlen." Ins Gefängnis musste übrigens niemand.

Was sind Ersatzlebensmittel?

Abgesehen von den Einschränkungen beim Konsum versuchte man, die Versorgungskrise mit Hilfe sogenannter Ersatzlebensmittel zu meistern. Sie ersetzten dem Verbraucher jene Lebensmittel, die nicht mehr verfügbar waren. Aus amtlicher Sicht mussten sie so heißen, da sie nicht den Vorschriften im damaligen Codex alimentarius entsprachen, aber dennoch zum Verzehr geeignet waren. Gefälschte oder bedenkliche Surrogate, wie etwa Paprikapulver aus Ziegelstaub und Fischkonserven mit Mineralöl, die ebenfalls auf den Markt drängten, fielen nicht in diese Kategorie.

Ein klassisches Beispiel für ein Ersatzlebensmittel ist Kaffee, der schon vor dem Krieg oft mit anderen Rohstoffen wie Feigen, Zichorien und Malz gestreckt oder ersetzt wurde. Im Krieg wurden zusätzlich Eicheln, Dörrobst, Karotten, Zuckerrüben und Traubentrester verwendet. Das Surrogat sollte eine kaffeeähnliche Farbe ergeben und nicht schlecht schmecken. Schwarztee ersetzte man durch Brombeer- und andere Blätter.

Eine ganze Reihe von Ersatzstoffen wurden auch bei der Produktion von Konditorwaren verwendet, zum Beispiel Mehl aus Hülsenfrüchten, Kartoffelwalzmehl, Arrowroot-Stärke, Johannisbrot- und Edelkastanienmehl. Mitunter kam es dabei auch zu Verfälschungen durch Rosskastanien oder Holzmehl. Gesundheitlich bedenklich seien die Lebensmittel dennoch selten gewesen, sagt Vojir, besonders wertvoll aber vermutlich ebenso wenig. Andere Ersatzlebensmittel waren Suppenkonserven, Suppenmassen, Zitronensaftersatz, Ersatzbrösel und Kuchenmassen.

Nachhaltige Erfindungen

Mit Streckung der Grundmasse behalf man sich bei Fetten, so wurde zum Beispiel Butter durch ein deutsches Verfahren mit Magermilch verlängert, heraus kam die sogenannte Streckbutter. Dennoch blieb der Fettmangel in ganz Europa ein besonderes Problem. Das hatte zwei Gründe: Einer war die Handelsblockade. Fett war aber auch für militärische Zwecke notwendig. "Aus Fett wurde Glycerin hergestellt, ein Ausgangsstoff von Sprengstoffen. Daher haben sämtliche kriegsführenden Staaten Fettregelungen gehabt", erklärt Vojir.

Aus diesem Grund bemühte man sich auch hierzulande, neue Fettquellen zu erschließen. Sonnenblumen, Raps und Mohn gab es zu wenig, um ausreichende Mengen zu produzieren. Außerdem fehlte das landwirtschaftliche Personal, weil es bei der Armee war. Eine brauchbare Alternative fand man in einer anderen Pflanze, dem Mais, der immer noch in größeren Mengen vorhanden war. "Im Mais ist das Öl im Keimling. Wenn man diesen vom Korn trennt, kann man mit sehr guter Ausbeute das Maiskeimöl produzieren", erklärt Vojir. Bereits 1915 wurde eine Methode entwickelt, mit der man das bewerkstelligen konnte. Damit kann man durchschnittlich ein Kilogramm Öl aus hundert Kilogramm Mais pressen.

Seit damals wird in Österreich Maiskeimöl produziert. Aber nicht nur dieses hat sich auf dem Markt durchgesetzt, auch der Siegeszug anderer Produkte begann im Ersten Weltkrieg beziehungsweise in den Jahren danach. Dazu zählen beispielsweise Pökelsalz, Fertigsuppen, Backmischungen und Vanillinzucker.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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Forum

 
  • slartibartfast, vor 911 Tagen, 14 Stunden, 22 Minuten

    die Maikäfersuppe hat es allerdings schon vorher gegeben

  • logopezi, vor 911 Tagen, 18 Stunden, 16 Minuten

    ich habe irgendwo ein Kochbuch aus dem wk1, das ich grad nicht finde (ich hätt sonst ein paar Rezepte hier hereingestellt), darin ist auch von ei-ersatz die rede. was war das?

  • Hamstern

    karl273, vor 911 Tagen, 21 Stunden, 47 Minuten

    https://erster-weltkrieg.wien.gv.at/site/hamstern/

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