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Grab auf dem Friedhof der Namenlosen

Vergiften oder Erschießen?

Schon die Suizidforschung um 1900 vermeinte zu wissen, dass sich Frauen lieber vergiften, während Männer bevorzugt zur Feuerwaffe greifen. Zur Erklärung schoben die Forscher häufig nach, dass Frauen eben auch im Tod schön sein wollten, hingegen Männer beim Sterben kein Pardon kennten. Wie entstehen solche Zuschreibungen?

Suizidforschung 27.01.2014

In einem Gastbeitrag geht die Historikerin Michaela Maria Hintermayr der Frage nach, wie solch unterschiedliche Interpretationen zustande kommen konnten und was sie mit der Auffassung von Geschlecht in der k. u. k. Monarchie zu tun hatten.

Hat der Suizid ein Geschlecht?

Von Michaela Maria Hintermayr

Michaela Maria Hintermayr

Michaela Maria Hintermayr

Über die Autorin:

Michaela Maria Hintermayr, Ing.in Mag.a phil., ist Junior Fellow am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften an der Kunstuniversität Linz. Ihr Dissertationsprojekt "Todernst. Eine Analyse des geschlechtsspezifischen Suiziddiskurses in Österreich (1870 bis heute)" wurde 2013 mit dem Theodor-Körner-Preis zur Förderung von Wissenschaft und Kunst ausgezeichnet. Sie studierte Geschichte an der Universität Wien und ist seit 2011 als Universitätslektorin an der WU Wien tätig.

Veranstaltungshinweis:

Am 25.1. hält Michaela Maria Hintermayr einen Vortrag mit dem Titel "Hat der Suizid ein Geschlecht? Eine Analyse des geschlechtsspezifischen Suiziddiskurses im frühen 20. Jahrhundert in Österreich."

Ort: IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften, Reichsratsstraße 17, 1010 Wien; Zeit: 18 Uhr c.t.

Bibliographie

Bartel, Julius, Zur pathologischen Anatomie des Selbstmordes. In: Wiener klinische Wochenschrift 23/14 (1910) 495-504.

Jaworski, Katrina, The author, agency and suicide. In: Social Identities 16/5 (2010) 675-687.

Kushner, Howard I., Women and Suicide in Historical Perspective. In: Signs 10 (1985) 537-552.

Pfeiffer, Hermann, Über den Selbstmord. Eine pathologisch-anatomische und gerichtlich-medizinische Studie (Aus dem Institute für gerichtliche Medizin der k. k. Karl Franzens-Universität zu Graz) Jena 1912.

Pilcz, Alexander, Die Verstimmungszustände. Studie. In: Grenzfragen des Nerven- und Seelenlebens. Einzeldarstellungen für Gebildete aller Stände 10/63 (1909) 5-44.

Von Krafft-Ebing, Richard. Psychosis Menstrualis. Eine klinisch-forensische Studie (Stuttgart 1902).

In Österreich töten sich konstant mehr Männer als Frauen, während das Verhältnis bei Suizidversuchen genau andersrum ist. Warum hier noch weiterforschen, wo uns die Statistik doch seit mehr als 100 Jahren klare Zahlen liefert? Oder ist die Sache mit den Statistiken doch komplexer?

Der US-Forscher Howard I. Kushner meint etwa, dass unser Vorwissen bei der Erfassung der Fälle eine erhebliche Rolle spielt. Und zwar dann, wenn es zu klären gilt, ob sich nun ein Suizid, ein Suizidversuch, ein Unfall oder gar ein getarnter Mord ereignet hat. Vorwissen bedeutet aber nicht nur das Wissen um die Statistik, sondern auch um Tabus, Normen und Geschlechterrollen.

Es gilt als ein Allgemeinplatz der älteren wie jüngeren Suizidforschung, dass Frauen eher zu sogenannten weichen (z. B.: Vergiftung) und Männer zu harten Methoden (z. B.: Erschießen, Erhängen) greifen. Dabei wird mit den weicheren Mitteln eine geringere Todesaussicht und sichtbare Körperbeschädigung assoziiert und vice versa. Spätestens an dieser Stelle wird deutlich, dass der Körper beständig ausgedeutet werden muss, um etwas über ihn zu erfahren. Denn der Körper spricht nicht von selbst.

Wir haben zwar gelernt, bestimmte körperliche Attribute als geschlechtsspezifisch zu erkennen, aber nicht ohne vorherige Einübung. Und so bestimmt bereits die Fragestellung, welche Antworten uns der Körper geben kann. Konkret bedeutet dies, dass der Körper für uns nicht ohne Geschlecht denkbar ist. Oder: Wer nach Geschlecht sucht, der wird Geschlecht finden.

It’s the biology, stupid?

Am Beginn des 20. Jahrhunderts rückte der geschlechtsspezifische Körper stärker in den Fokus der Suizidforschung. Bis dahin waren die Ärzte davon ausgegangen, dass suizidalen Personen ein uniformer Leib eigen ist. Wobei die unspezifische Bezeichnung nicht darüber hinwegtäuschen darf, dass dieser Leib als ein männlicher begriffen wurde. Mensch und Mann wurden synonym gedacht.

Besonders für die pathologisch-anatomische und psychopathologische Forschung sollte sich der Geschlechterunterschied als attraktiv erweisen. Denn mit der Indienstnahme des Faktors Geschlecht konnten neue Erklärungsansätze für suizidales Verhalten angeboten werden. Und neue Erklärungen waren durch das Hochschnellen der Suizidraten in vielen europäischen Ländern am Ende des 19. Jahrhunderts gefragter als je zuvor.

Weibliche Ausnahmezustände

Der Psychiater und Neurologe Alexander Pilcz postulierte 1909, dass Menstruation und Schwangerschaft zu Manie, Depression und Wahn führen können. Und genau diese Zustände würden spontane Suizidversuche auslösen. Damit schloss er sich einer These des prominenten Psychiaters und Sexualwissenschaftlers Richard von Krafft-Ebing an.

Eine ähnliche These wurde auch vom Grazer Pathologen Hermann Pfeiffer verfolgt. Dieser meinte, dass vor allem junge Frauen an einem "sexuellen Ausnahmezustand" leiden würden. Damit meinte er massive Schädigungen am reproduktiven Apparat, welche suizidbegünstigend wirkten. Damit wurde die angeblich ihrer Biologie unterworfene Frau, noch stärker in der Sphäre des Krankhaften verortet und ihre gesellschaftliche Nachrangigkeit verfestigt.

Männliche Erkrankungen und Alkoholismus

Bei Männern wollten die Forscher hingegen weniger an Erkrankungen der Geschlechtsorgane denken. So meinte etwa der Wiener Pathologe Julius Bartel, dass suizidale Männer primär an einem sogenannten 'Status thymico-lymphaticus' gelitten hätten. Damit war eine Schwellung des lymphatischen Apparates mit oder ohne auffälliger Thymusdrüse gemeint. Bartel vertrat die Ansicht, dass das Zusammentreffen einer solchen Schwellung mit einer temporären geistigen Störung einen besonderen Risikofaktor darstellten.

Gleichzeitig forschte Bartel auch nach möglichen suizidbegünstigenden Konstitutionsanomalien. Er kam dabei zum Schluss, dass chronische Erkrankungen wie Rachitis, Skrofulose und Lungentuberkulose den Boden für suizidale Handlungen bereiten könnten. In den Bereich der chronischen Erkrankungen ordnete er auch den Alkoholismus ein, dessen suizidbegünstigende Wirkung schon als gesicherter Wissensbestand galt.

Der andere Suizid der Frauen

Bei der Beschäftigung mit Suizidentinnen am Beginn des 20. Jahrhunderts muss gefragt werden, warum deren Handlungen als etwas "Anderes" gedacht wurden. Zu bedenken ist hier, dass suizidale Frauen gegen eine Reihe von sozialen Normen und Regeln verstießen: gegen das Suizidtabu selbst, aber auch gegen das Gewalt- und Handlungstabu. Gewalt, vor allem verstümmelnde Gewalt, galt als ein Privileg der Männer. Ein Recht, dass u. a. den männlichen Herrschaftsanspruch legitimierte. Daher musste selbstgerichtete Gewalt von Frauen, welche noch dazu deutliche Spuren am Körper hinterließ, als Einbruch in diese Sphäre gedeutet werden. Vor dieser Folie ist auch die Einteilung in sogenannte weiche und harte Suizidmethoden zu lesen.

Zwar wurde ein äußerlich intakter Körper mit geringer Gewalteinwirkung und ein stark entstellter mit Brutalität assoziiert. Gleichzeitig schloss man damit aber auch auf die Entschlossenheit und Ernsthaftigkeit der Todesabsichten. Hier zeigte sich das dritte Tabu und zwar jenes der Handlungs- und Selbstbestimmungsfähigkeit. Weibliches Suizidhandeln berührte nämlich auch das vermeintliche Vorrecht der Männer auf selbstbestimmtes Handeln. So gesehen stellten Frauen mit einer suizidalen Handlung eindrucksvoll unter Beweis, dass auch sie machtvoll und selbstbewusst handeln konnten.

Und heute?

An der Schwelle zum 20. Jahrhundert erlebte die körperzentrierte Suizidforschung einen regelrechten Boom. In einer Zeit der gesellschaftlichen Krisen und Verwerfungen sowie ansteigenden Suizidzahlen, schien der Körper sichere Erklärungen zu bieten. Diese Perspektive sollte aber nicht nur neue Erklärungen für suizidales Verhalten hervorbringen. Sie verlieh auch den ins Wanken gekommenen Geschlechterrollen neue Bodenhaftung. Am Beginn des 21. Jahrhunderts erleben wir eine ähnliche Hinwendung zur Beforschung des suizidalen Körpers.

Besonders genetische und neurowissenschaftliche Forschungen tragen Geschlecht noch tiefer in den Körper hinein. Indem sie etwa eruieren wollen, ob Frauen eine genetische Disposition für depressive Störungen haben und ihr Gehirn auf die Ausschüttung von Stresshormonen sensibler reagiert. Die Forschenden vermuten nämlich für eine depressive Symptomatik und die Stresshormonverarbeitung eine Korrelation mit suizidalem Verhalten.

Wie vor 100 Jahren wird der suizidale Körper unter der Prämisse erforscht, dass er eindeutig geschlechtlich markiert ist. Diese Vorannahme ist folgenreich, denn sie schreibt sich in die Forschungsergebnisse ein. Dergestalt arbeitet die Forschung unvermeidlich der Vergewisserung des Geschlechterunterschiedes zu. Und damit auch der Zementierung einer Differenz, die Hierarchisierung und Nachrangigkeit nach sich zieht.

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