Standort: science.ORF.at / Meldung: "Widersprüchliches Gedenkjahr in Ungarn"

Versammlung der ungarischen Pfeilkreuzler im Oktober 1944 in Budapest, in der Mitte Parteiführer Ferenc Szalasi

Widersprüchliches Gedenkjahr in Ungarn

Bis zur Besetzung durch die deutsche Wehrmacht konnten die 900.000 Juden in Ungarn einigermaßen sicher leben. Danach wurden sie aber in einem Rekordtempo deportiert, zwei Drittel von ihnen ermordet. Daran soll das heurige Holocaust-Gedenkjahr zum 70. Jahrestag der Besetzung erinnern - die offizielle Politik Ungarns bleibt aber widersprüchlich.

Holocaust-Gedenktag 27.01.2014

Zwar wird von einem Teil der regierenden rechtskonservativen Partei Fidesz die Mittäterschaft "einiger weniger Ungarn" nicht bestritten, sagt die Historikerin Regina Fritz von der Universität Wien. In erster Linie wolle sie aber ein Bild vermitteln, wonach Ungarn ein historisches Opfer ist - erst des Nationalsozialismus und dann des Kommunismus. Ein neues Denkmal in Budapest, das alle Opfergruppen des Krieges in einen Topf wirft, sei dafür das beste Beispiel.

Zur Person:

Porträtfoto der Historikerin Regina Fritz

Ludwig Boltzmann-Institut für Historische Sozialwissenschaft

Regina Fritz ist Lektorin am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Ludwig Boltzmann-Institut für Historische Sozialwissenschaft. Zu Ihren Forschungsschwerpunkten zählen: Holocaust-Studies, Nationalsozialismus, osteuropäische Zeitgeschichte mit Schwerpunkt Ungarn, Geschichtspolitik und Erinnerungskultur.

Historischer Hintergrund:

Ungarn tritt am 20. November 1940 dem Dreimächtepakt bei, der zwischen Nazi-Deutschland, dem faschistischen Italien und Japan geschlossen wurde, und beteiligt sich - zwischenzeitlich - mit bis zu 200.000 Mann am Krieg gegen die Sowjetunion. Nachdem Italien das Bündnis verlässt, nehmen Teile der ungarischen Regierung Kontakt zu den Alliierten auf. In der Folge marschieren deutsche Truppen im Herbst 1944 in Ungarn ein.

Holocaust-Gedenktag:

Am 27. Jänner ist Internationaler Holocaust-Gedenktag der Vereinten Nationen. Er erinnert an die Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz am 27.1.1945 durch die Rote Armee - und an den Genozid von Millionen Juden, Sinti und Roma, Homosexuellen und anderen Opfergruppen durch die Nationalsozialisten.

Buch:

Regina Fritz: "Nach Krieg und Judenmord. Ungarns Geschichtspolitik seit 1944", 364 Seiten, Wallstein Verlag

Links:

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 27.1., 13:55 Uhr.

science.ORF.at: Am 19. März 1944 besetzte die deutsche Wehrmacht Ungarn. Das war aber nicht der Beginn des dortigen Antisemitismus?

Regina Fritz: Nein, vereinzelte Pogrome und Massaker gab es bereits nach 1919. In den 20er Jahren galt an den Hochschulen ein Numerus Clausus für Juden. Von 1938 an wurden - zum Teil nach deutschem Muster - drei antijüdische Gesetze erlassen, wobei das letzte bereits auf der NS-Rassenideologie aufbaute. 1941 wurde ein Teil der staatenlosen Juden aus Ungarn ausgewiesen und danach in Kamenez-Podolsk von deutschen und ukrainischen Einheiten massakriert. 1942 ermordeten ungarische Einheiten in Novi Sad in Vergeltung von Partisanenaktivitäten zahlreiche Juden und Serben.

Dennoch wurden Juden bis 1944 in Ungarn nicht gezielt vernichtet …

Die Politik war widersprüchlich. Einerseits gab es Verfolgung, Zwangsarbeit und antijüdische Gesetze. Andererseits hat sich die ungarische Regierung lange geweigert, den deutschen Forderungen nach einer Auslieferung "ihrer" Juden nachzukommen. Es saßen jüdische Abgeordnete lange Zeit im Parlament, viele jüdische Flüchtlinge aus Polen wurden aufgenommen. Diese Widersprüchlichkeit macht es bis heute schwierig, die Vergangenheit Ungarns aufzuarbeiten.

Wie war generell das Verhältnis Ungarns zum Dritten Reich?

Ambivalent, beherrscht vom "Geben und Nehmen". Ungarn hatte etwa im Zuge der Wiener Schiedssprüche Territorien zurückbekommen, die es nach dem Ersten Weltkrieg verloren hatte. Ungarn ist schließlich auch auf Seite des Dritten Reiches in den Krieg eingetreten. Die Deutschen haben aber mehrfacht bemängelt, dass es sich dabei nicht sehr stark engagiert. Goebbels hat Ungarn in seinen Tagebucheinträgen und Korrespondenzen immer wieder beschimpft. Er kritisierte, dass die Ungarn immer nur fordern und wenig geben, sich etwa gegen die Rumänen stark machen, aber im Krieg nicht engagieren. Und dass sie auch zu sanft mit den Juden umgehen.

Bis März 1944 haben trotz antisemitischer Vorgeschichte 900.000 Juden in Ungarn gelebt, ein paar Monate später sind zwei Drittel von ihnen tot - wie konnte das passieren?

Nach der deutschen Besetzung wurden innerhalb von acht Wochen 440.000 Menschen deportiert. Ein großer Teil wurde in Auschwitz-Birkenau sofort nach der Ankunft ermordet, der Rest als Zwangsarbeiter eingesetzt. Ohne eine starke ungarische Kollaboration hätte es nicht zu diesem Tempo und zu dieser großen Zahl kommen können. Das Sonderkommando unter Adolf Eichmann, der für die Deportation zuständig war, bestand nur aus 150 bis 200 Personen. Sie waren angewiesen auf die ungarische Verwaltung, die Gendarmerie etc. Es gab Personen, die schon vor 1944 nach einer radikaleren Judenpolitik gedrängt hatten. Nach der Besetzung bekamen sie teilweise wichtige Positionen in den Ministerien bzw. in der Verwaltung und konnten nun ihre Forderungen energisch in die Tat umsetzen.

Versammlung der Pfeilkreuzler im Oktober 1944 in Budapest, in der Mitte salutiert Parteiführer Ferenc Szálasi

AP Photo / Fotoarchiv des Ungarischen Nationalsmuseums

Versammlung der Pfeilkreuzler im Oktober 1944 in Budapest, in der Mitte salutiert Parteiführer Ferenc Szálasi

Die Nazis hatten Frankreich 1944 bereits vier Jahre lang besetzt, dennoch überlebten drei Viertel der französischen Juden den Krieg. In Ungarn hingegen nur ein Drittel - war der Widerstand dort so klein?

Er war kleiner als in den meisten anderen europäischen Staaten. Der deutsche Generalfeldmarschall Maximilian von Weichs hat es auf den Punkt gebracht, als er meinte: "Ungarn kann man in 24 Stunden besetzen. Sollte es Widerstand geben, geht es in zwölf Stunden, weil dann fallen die Dankesreden weg." Das erschwert auch die Auseinandersetzung mit dem Holocaust nach 1945, weil man nicht auf einen organisierten antifaschistischen Widerstand verweisen konnte wie in anderen kommunistischen Staaten. Auch wenn die jetzige Fidesz-Regierung sehr stark darauf pocht, dass es diesen Widerstand gegeben hat. Aber das war nicht so.

Gibt es dennoch einen Fünkchen Wahrheit daran?

Natürlich hat es Einzelne gegeben, die Juden versteckt haben. Es war auch nicht so, dass alle begeistert die deutsche Besetzung begrüßt haben. Aber es war normal wegzuschauen und sich nicht allzu viele Gedanken zu machen.

Zumindest bei den Budapester Juden, die im Sommer 1944 auf Wunsch der Deutschen deportiert werden sollten, war das aber anders. Warum?

Der Antisemitismus in Ungarn hat sich von Anfang an mehr gegen die orthodoxen Juden gerichtet, die v.a. in den annektierten Gebieten gelebt haben. Die Juden in Budapest waren stärker assimiliert, Horthy hatte gute Verbindungen zu diesem jüdischen Bürgertum und wenig Interesse ihre Deportation zuzulassen. Außerdem hatte er auch starke außenpolitische Interessen: Man befand sich in der letzten Phase des Kriegs, die internationale Kritik an den Deportationen war stark, sie reichte vom US-Präsidenten bis zum Vatikan. Horthy hatte also ein starkes Interesse, sich dem Wunsch der Nazis zu widersetzen und die Deportation der 80.000 Budapester Juden zu stoppen. Was er dann auch gemacht hat.

Die Budapester Juden waren damit aber nur vorerst gerettet. Denn nachdem die Pfeilkreuzler im Oktober 1944 die Macht ergriffen hatten, wurden die Juden in Ghettos gesperrt und in Todesmärschen nach Österreich getrieben. Viele von ihnen starben auf dem Weg oder anschließend in Konzentrationslagern wie Mauthausen. Einige kleinere radikale Pfeilkreuzler-Gruppen massakrierten Juden auch in Budapest selbst. D.h. die Morde liefen diesmal vor den Augen der Bevölkerung ab. Darauf wurde reagiert, es gab viel mehr Empörung, Solidarität und Hilfsaktionen für die Juden.

An diese Formen des Widerstands scheint die Fidesz-Regierung in Ungarn nun anknüpfen zu wollen. Wie macht sie das?

Sie verweist auf Rettungsaktionen und betont, dass Ungarn mit der deutschen Besetzung die eigene Selbstbestimmung verloren hat und für die Taten in erster Linie die deutsche Besatzungsmacht verantwortlich war. Die Kollaboration wird auf einige wenige Mittäter reduziert.

Was ist vom Holocaust-Gedenkjahr 2014 in Ungarn zu erwarten, etwa Horthy betreffend?

In den letzten Jahren wurden immer wieder Denkmäler für Horthy enthüllt. Das wird zum Teil von Regierungsseite kritisiert, aber auch toleriert. Generell setzt die Regierung viele erinnerungspolitische Schritte, blickt dabei aber stark aufs Ausland. Nach dem Motto: Seht her, wir setzen uns auch mit diesem Teil unserer Geschichte auseinander! Letztlich wird dabei aber eine Opfergeschichte erzählt - Ungarn als Opfer von Unterdrückung, erst die deutsche Besetzung, dann die kommunistische.

Trotzdem gibt es Aussagen von Fidesz-Politikern, die auch die Kollaboration der Ungarn mit dem Dritten Reich unterstreichen. Wie sind solche Aussagen einzuordnen?

Sie gibt es, und in den vergangenen Monaten sogar immer mehr. Generell bin ich der Meinung, dass Fidesz eine ambivalente Politik macht. Einerseits verweisen einzelne Politiker auf die Kollaboration, andererseits geht es weniger um die tatsächliche Mittäterschaft, als um die Integration der Juden in eine kollektive Opfererzählung. Es wird in erster Linie auf Widerstandsaktivitäten verwiesen, und das Verhältnis zum Ausmaß der Kollaboration stimmt dabei oft nicht. In vielen Reden steht ein Satz über die Mittäterschaft, darauf folgen zehn Sätze über Rettungsaktionen.

Die Regierung plant auch ein neues Denkmal zur deutschen Besetzung - was ist darüber bisher bekannt?

Ende Dezember hat die Regierung überraschend entschieden, das Denkmal zu errichten - es soll im März zum Jahrestag der Besetzung präsentiert werden, üblicherweise dauert so etwas viel länger und es gibt einen Diskussionsprozess. Erst vor wenigen Tagen wurden Details präsentiert, und so wie es aussieht, wird auch bei dem Denkmal an die nationale Opfergeschichte angeknüpft. Alle werden in einen Topf geworfen - von den Juden bis zu den gefallenen Soldaten waren alle Opfer.

Und das am "Platz der Freiheit" in Budapest - einem Platz, der erinnerungspolitisch bereits besetzt ist. Dort steht ein Denkmal, das in Erinnerung an die Befreiung Ungarns durch die Sowjets errichtet wurde. Jobbik war das schon lange ein Dorn im Auge. Das neue Denkmal - quasi als Gegengewicht - wurde hingegen begrüßt. Was nochmal die Problematik eines Denkmals aufzeigt, das aller Opfergruppen gleich gedenkt.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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