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Geöffneter Mund beim Biss in einen Hamburger

Je wirtschaftsliberaler, desto dicker

Dass zu viel Fast Food dick macht, ist nicht unbedingt neu. Eine Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat den Zusammenhang nun aber genau untersucht. In den Industrieländern wachsen demzufolge die Besuche in Fast-Food-Stätten parallel zu den Bäuchen. Das gilt besonders in wirtschaftsliberalen Staaten wie den USA.

Ernährung 03.02.2014

In Ländern wie Österreich, in denen die Lebensmittelproduktion stärker reguliert ist, ist das Problem geringer: Zwar essen auch in ihnen die Menschen immer öfter Fast Food und sie werden immer dicker, die Tendenz ist aber geringer.

Das Fazit ihrer Studie fasst der Hauptautor und Mediziner Roberto De Vogli von der University of California Davis deshalb so zusammen: "Wenn die Regierungen keine Schritte unternehmen um ihre Wirtschaften zu regulieren, wird die unsichtbare Hand des Marktes weiterhin Fettleibigkeit produzieren - mit desaströsen Folgen für die öffentliche Gesundheit und wirtschaftliche Produktivität in der Zukunft."

Die Studie:

"The influence of market deregulation on fast food consumption and body mass index: a cross-national time series analysis" von Roberto De Vogli und Kollegen ist am 2.2.2014 im "Bulletin of the World Health Organization" erschienen (doi: 10.2471/BLT.13.120287).

Ö1 Sendungshinweis:

Über das Thema berichteten auch die Ö1 Journale, 3.2., 6:00 Uhr.

Von Burgern bis Würsteln

Schon in der Vergangenheit hat es eine Reihe empirischer Untersuchungen gegeben, die den Zusammenhang von Fast Food und Übergewicht demonstrierten. Eine Studie zeigte, dass die Dichte bestimmter Schnell-Ess-Ketten mit der lokalen Rate an Dickleibigkeit verknüpft ist.

Die WHO-Forscher haben nun einen anderen - wie sie sagen: bisher einzigartigen - Versuch unternommen. Sie verglichen den durchschnittlichen Body-Mass-Index der Bewohner von 25 OECD-Staaten - darunter auch Österreich - mit den Besuchen von Fast-Food-Lokalen.

Die Studie lief von 1999 bis 2008, mit "Fast Food" waren nicht nur die "üblichen Verdächtigen" gemeint wie Burgerlokale, sondern auch Pizzaketten, Kebab- und Würstelstände.

Nordamerikaner am dicksten

Hauptaussage der Studie: Sowohl Körperumfang als auch Fast-Food-Frequenz wachsen allerorts. Im Schnitt aller OECD-Länder erhöhte sich der BMI von 25,8 auf 26,4; die Anzahl der Schnell-Ess-Besuche von 27 auf 33 pro Jahr. Die Zahlen sind in den einzelnen Staaten aber sehr unterschiedlich.

Der durchschnittliche Kanadier und US-Amerikaner etwa hat im Jahr 2008 über 100 Mal ein Fast-Food-Restaurant besucht; das ist 16 bzw. acht Mal mehr als noch zehn Jahre zuvor. Parallel dazu wuchs auch ihr Körperumfang. "Rekordhalter" dabei sind die USA: Hier stieg der durchschnittliche BMI von 27,5 im Jahr 1999 auf 28,3 im Jahr 2008. Zum Vergleich: Ab einem BMI von 25 spricht man von Übergewicht.

Auch in allen anderen untersuchten Ländern stiegen beide Werte an, aber auf deutlich niedrigerem Niveau. Hinter mehreren angelsächsischen Ländern verzeichnen Griechenland, Finnland, Schweden und Österreich die meisten Fast-Food-Besuche. Hierzulande stiegen sie innerhalb des Untersuchungszeitraums von 22 auf knapp 28 pro Jahr. Ähnlich entwickelte sich auch das Körpergewicht. In Österreich etwa wuchs der durchschnittliche BMI von 25,2 auf 25,7 - das ist im internationalen Vergleich relativ wenig.

Eine Frage der wirtschaftlichen Freiheit

Roberto De Vogli und seine Kollegen blieben nicht bei diesen Vergleichen stehen, sondern kümmerten sich auch um einen sehr grundlegenden Faktor, der die Essenskultur eines Landes bestimmt: den Grad der wirtschaftlichen Freiheit. In Ländern wie Kanada, Australien, Irland oder den USA sind die Märkte besonders stark dereguliert. Für Lebensmittel bedeutet das: geringere Kontrollen sowohl in der Landwirtschaft als auch beim Handel und Verkauf.

Vergleiche mit Daten des Index of Economic Freedom zeigten, dass Fast-Food-Frequenz und BMI-Wachstum mit diesem Wirtschaftsliberalismus zusammenhängen. Je weniger Staaten in die "unsichtbare Hand des Marktes", wie es der Ökonom Adam Smith genannt hat, eingriffen, desto größer ist ihr Problem mit Dickleibigkeit.

Deswegen auch die "dicken Spitzenpositionen" der angelsächsischen Länder - und hintere Ränge für Länder wie Frankreich, Italien oder Portugal.

WHO will Regulierungen

Die Studie zeigt laut Francesco Branca, dem Direktor der WHO-Abteilung für Ernährung, "wie wichtig die Politik ist, um die Epidemie der Dickleibigkeit zu bekämpfen". Entsprechende Gegenmaßnahmen würden auf der Hand liegen, meint die Weltgesundheitsorganisation.

Dazu gehören Steuern auf Fast Food und Soft Drinks, eine Regulierung der Anzahl von Schnell-Ess-Lokalen, die Einschränkung der einschlägigen Werbung - speziell für Kinder, ein besseres Kennzeichensystem und dem allen zugrundeliegend: weniger Chemie und Antibiotika in der Landwirtschaft bzw. Viehzucht.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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