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Palmen im Sturm

"Die Passatwinde spielen verrückt"

Die Lufttemperatur ist in den letzten anderthalb Jahrzehnten trotz Klimawandels kaum gestiegen. Grund dafür könnten die Passatwinde sein. Sie sind so stark wie nie zuvor, sagt der deutsche Klimaforscher Stefan Rahmstorf in einem Interview. Warum das so ist, weiß niemand: Kein Klimamodell sah das Phänomen voraus.

Klima 28.02.2014

Es gibt nicht nur eine Möglichkeit, die globale Lufttemperatur auf der Erde zu bestimmen. Welche Methode beschreibt die Realität am besten?

Die vorhandenen Datensätze gehen unterschiedlich mit der lückenhaften Abdeckung durch Messstationen in manchen Weltregionen um. Insbesondere in der Arktis klaffte lange eine große Lücke. Seit letztem Jahr wurde diese Lücke nun mit einer neuen Methode, u.a. mit Hilfe von Satellitendaten, geschlossen. Dieser neue Datensatz modifiziert die "HadCRUT4"– Daten des britischen Wetterdienstes und ist aus meiner Sicht der aktuelle Stand der Wissenschaft.

Die globale Temperatur ist seit den späten 70er Jahren sehr stark angestiegen. Seit 1998 hat sich dieser Trend jedoch stark abgeschwächt - warum?

Das kann man so beschreiben, allerdings war 1998 in Bezug auf den Langzeittrend extrem warm. Wir wissen auch, warum dieses Jahr so ein Ausreißer war: 1998 gab es das stärkste bisher verzeichnete El-Niño-Ereignis. Doch trotz dieses Sonderfalles liegen die wärmsten Jahre seit Beginn der Messungen im letzten Jahrzehnt. 2010 war das bisher wärmste Jahr gefolgt von 2005, darin sind sich alle Datensätze einig.

Stefan Rahmstorf

Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung

Stefan Rahmstorf ist Professor für Ozeanphysik an der Uni Potsdam und Klimatologe am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. In seinem Weblog schreibt er regelmäßig über sein Fach.

Ö1-Sendungshinweis

Über dieses Interview berichtet auch "Wissen aktuell", Fr. 28.2.2014, 13:55 Uhr.

Temperaturkurve von 1880 bis jetzt

Stefan Rahmstorf

Temperaturentwicklung seit 1880: NASA-Daten und korrigierte "HadCRUT4" – Daten (blau) im Vergleich.

Allerdings waren die letzten zwei, drei Jahre relativ kühl.

Das stimmt, 2011 und 2012 waren kühl, vor allem weil wir in diesem Zeitraum ein La-Niña-Ereignis hatten. El-Niño und La-Niña bilden eine natürliche Klimaschaukel im pazifischen Ozean und sind die wichtigste Ursache für globale Temperaturschwankungen von Jahr zu Jahr.

Welcher Faktor entscheidet, ob wir ein kühles La-Niña- oder ein warmes El-Niño-Jahr bekommen?

Der Zufall spielt eine große Rolle. Der Wechsel zwischen diesen beiden Zuständen ist eine unregelmäßige Oszillation, wie man sie auch in vielen anderen Bereichen der Natur beobachten kann. Wenn die Passatwinde stark sind, blasen sie warmes Oberflächenwasser im tropischen Pazifik nach Westen. Im Gegenzug kommt im Osten kaltes Wasser aus der Tiefe hoch. Die Ozeantemperaturen beeinflussen wiederum die Passatwinde - dadurch kommt das System ins Schaukeln.

Die Katze beißt sich in den Schwanz.

So ist es, man kann nicht sagen, dass die Ursache nur im Ozean oder nur in der Atmosphäre liegt . Sie liegt in der Wechselbeziehung oder Rückkoppelung der beiden.

Starke Passatwinde sorgen dafür, dass Wärme aus der Atmosphäre im Ozean gespeichert wird. Das könnte laut aktuellen Studien erklären, warum der Klimawandel seit Ende des 20. Jahrhunderts gebremst wird.

Ich würde nicht sagen, dass der Klimawandel gebremst wurde. Gebremst wurde nur der Anstieg der globalen Lufttemperatur. Der Anstieg der Ozeantemperatur ist in diesem Zeitraum ungebremst weitergelaufen, ebenso wie sich die Gebirgsgletscher und die arktische Eisdecke zurückgezogen haben und sich der Meeresspiegel weiter erhöht hat. Aber was die Passatwinde anlangt, gebe ich Ihnen recht: Sie spielen in den letzten zehn Jahren verrückt und sind so stark wie nie zuvor.

Mein Kollege Matthew England hat kürzlich diese starken Passatwinde in ein Klima- und ein Ozeanmodell eingegeben und genau das beobachtet, was wir in der Natur sehen: ein relativ schwacher Anstieg der Lufttemperatur, im Osten ist der tropische Pazifik ungewöhnlich kalt, im Westen ist er ungewöhnlich warm. Übrigens führt der Effekt auch zu einem überdurchschnittlichen Meeresspiegelanstieg im westlichen Pazifik. Das ist einer der Gründe dafür, dass der Tropensturm Hayan 2013 eine so verheerende Sturmflut ausgelöst hat.

Warum haben sich die Passatwinde verstärkt?

Wir wissen es nicht. Bisher hat diese Zunahme kein Modell vorhergesagt.

Die Passatwinde sind der blinde Fleck ihrer Wissenschaft?

Sie sind zweifelsohne eine große Herausforderung. Wir müssen herausfinden, was mit ihnen los ist.

Wenn ihr Kollege Matthew England den Verlauf der Lufttemperatur in der Vergangenheit erklären kann, dann müsste es auch möglich sein, mit dem Modell in die Zukunft zu blicken.

Das hat er auch getan. Laut Modell setzt sich die Erderwärmung in jedem Fall fort – selbst bei weiter starkem Passat. Sollten sich die Passatwinde wieder abschwächen, was wir erwarten, dann holt die Erwärmung sogar sehr rasch den Rückstand gegenüber den Prognosen auf, der in den letzten zehn Jahren entstanden ist.

Von welchem Zeithorizont sprechen wir?

Ich persönlich rechne schon nach dem nächsten El-Niño-Ereignis mit einer neuen globalen Rekordtemperatur. Wenn es diesen Herbst schon einen El Niño gibt, dann bereits im Jahr 2015.

Ab den 70er Jahren hat der Ausstoß von Aerosolen in westlichen Industriestaaten abgenommen. Das war gut für die Luftqualität, damit fiel aber auch der kühlende Klimaeffekt der Aerosole weg. Ab den 70ern stieg auch die globale Temperatur - kein Zufall, oder?

Der kühlende Effekt dürfte zumindest für die Temperaturstagnation zwischen den 1940ern und den 1970ern verantwortlich sein. In dieser Zeit hielten sich die Treibhausgase und die Aerosole die Waage. Gesetzt den Fall, die USA und Europa hätten keine flächendeckenden Filteranlagen eingeführt: Selbst dann hätten sich die Treibhausgase früher oder später durchgesetzt.

Das liegt an den unterschiedlichen Lebensdauern dieser Stoffe. CO2 und andere Treibhausgase bleiben lange in der Atmosphäre und sammeln sich dort an. Aerosole sind kurzlebig und verschwinden wieder, wenn man sie nicht konstant in die Atmosphäre bläst.

Die in den letzten Jahren in Asien gestiegene Luftverschmutzung könnte das Klima nicht abgekühlt haben?

Man kann damit nur einen kleinen Teil der verlangsamten Erwärmung erklären. Das gleiche gilt übrigens für die Sonnenzyklen.

Was ist mit stratosphärischem Wasserdampf?

Da bin ich skeptisch. Global lässt sich damit wenig erklären.

Sie nehmen sich bei der Beurteilung von Medienberichten über Klimaforschung kein Blatt vor den Mund. Kürzlich haben Sie eine Spiegel-Schlagzeile kritisiert, die da lautete: "Die Erwärmung der Luft pausiert seit 16 Jahren". Was ist so schlimm daran?

Sie ist übertrieben. Der Temperaturanstieg hat sich seither verlangsamt, aber er pausiert nicht.

Die beiden Klimaforscher Amy Clement und Pedro DiNezio sprechen in der aktuellen Ausgabe von "Science" von einer "Pause der globalen Erwärmung seit 2000". Ist das nicht das Gleiche?

Nicht ganz. Weil die Formulierung "seit 16 Jahren" das extreme El-Nino-Jahr 1998 an den Beginn der Trendkurve setzt, und trotzdem ist die Temperatur sogar ab 1998 weiter gestiegen, wenn auch schwächer als zuvor.

Solche Darstellungen sind doch immer zu einem gewissen Teil willkürlich: Wer zeigen möchte, dass die Ölpreise schon einmal höher waren, wird die Trendkurve mit der Ölkrise in den 1970ern starten. Und wer das Gegenteil nachweisen will, muss den Startpunkt eben später setzen. Beides ist gleich legitim.

Ich als Wissenschaftler finde es ein bisschen irreführend, wenn man ein Extremjahr an den Anfang einer Trendberechnung setzt. Grundsätzlich ist es so: Je mehr wir in kurze Zeiträume hineinzoomen, desto größer wird das Gewicht der natürlichen Schwankungen.

Wenn man aber die letzten 30 Jahre oder länger betrachtet, geht der Trend hoch signifikant nach oben. Die Hauptursache dafür ist der Mensch, wie die Energiebilanz unseres Planeten zeigt. Das ist unumstritten.

Interview: Robert Czepel, science.ORF.at

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