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Daumen, die nach oben zeugen und Sprechblasen zeigen

Bei Aufregung wird mehr, aber kürzer getwittert

Twitter-Nachrichten sind dank 140-Zeichen-Obergrenze nie sehr lang. In Zeiten kollektiver Erregung - etwa bei Sportbewerben oder Wahlen - werden sie laut einer neuen Studie aber noch kürzer.

Kommunikation 03.03.2014

Parallel dazu steigt ihre absolute Anzahl - ein Phänomen, das nicht nur Twitter betrifft, sondern auch andere Soziale Medien - und möglicherweise unser gesamtes Kommunikationsverhalten. Das berichtet ein Team um den Wiener Mathematiker Michael Szell, derzeit Postdoc am Senseable City Lab des Massachusetts Institute of Technology in Boston.

Die Studie:

"Contraction of Online Response to Major Events" von Michael Szell und Kollegen ist am 26.2.2014 in "PLOS ONE" erschienen.

Links:

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell am 3.3., 13:55 Uhr.

40 Millionen Tweets bei Golfturnier

Hierzulande ist es selbst für überdurchschnittlich begeisterte Sportfans kaum zu glauben: Das Interesse am Masters-Golfturnier, das alljährlich Anfang April in Augusta, US-Bundesstaat Georgia, stattfindet, ist riesengroß. Alleine 40 Millionen Tweets haben sich weltweit auf das Golfturnier 2012 bezogen. Es war ein besonders spannendes Turnier, das der US-Profigolfer Bubba Watson erst hauchdünn in der Verlängerung gewinnen konnte.

Für die Forscher war dies das ideale Terrain für ihre Untersuchungen. Sie werteten rund 400.000 Twitter-Nachrichten aus, die sich im April 2012 auf den Sportbewerb bezogen hatten.

Verlauf der Twitternachrichten während des Master-Turniers 2012

MIT

Die gelbe Linie zeigt die durchschnittliche Anzahl der Zeichen pro Tweet

An den fünf Spieltagen zeigte sich dabei immer das gleiche Bild (siehe oben): Vor und nach den Spielzeiten twitterten die Menschen weniger als während des Geschehens. Und ihre Nachrichten wurden immer kürzer, je mehr sie das Geschehen live - in erster Linie vor den Fernsehgeräten - verfolgten.

Besonders auffällig war das am Finaltag, dem 9. April: Lag die Anzahl der verwendeten Zeichen vorher durchschnittlich zwischen 80 und 100, so reduzierte sie sich beim letzten Put von Watson auf weniger als 40. Im Moment seines Sieges überschlugen sich kurze, emotionale Tweets wie "Let's go Bubba", "Hole-in-One" oder einfach nur "BUBBA"!

Bei Emotion: Mehr, aber kürzere Kommunikation

Der Schluss der Forscher: In gefühlsmäßig weniger heißen Momenten twittern die Menschen weniger, aber länger. In Momenten der Erregung kehrt sich dieser Trend um. Vergleiche mit anderen Netzwerken und Ereignissen brachten das gleiche Resultat.

Gleichgültig ob der Blizzard Nemo im Februar 2013 auf Facebook kommentiert wurde oder die letzten US-Präsidentschaftswahlen im November 2012 in einem Forum: Immer zeigte sich das gleiche Phänomen - und das mit mathematischer Regelmäßigkeit.

Die Anzahl der Texte und ihre Länge hängen direkt (negativ) miteinander zusammen, und zwar unabhängig von der Plattform, auf der sie geschrieben werden. Ein Zusammenhang, der auch bei anderen, nicht-digitalen Kommunikationsformen bestehen könnte, wie die Forscher vermuten.

Kritik an 140-Zeichen-Obergrenze

Im Mittelpunkt ihrer Studie stand die öffentliche Aufregung, die Ereignisse wie ein Golfturnier, Präsidentschaftswahlen oder Naturkatastrophen auslösen können. Individuell sind Reaktionen auf aufregende Erlebnisse ganz gut messbar, für große Menschenmengen war das bisher aber eher schwierig.

"Dank der digitalen Kommunikation ist es möglich geworden, große Datenströme zu untersuchen, die das Gefühl von Einzelnen zum Ausdruck bringen", erklärt Michael Szell in einer Aussendung des MIT. Mit seinen Kollegen geht er davon aus, dass es die überschäumenden Gefühle sind, die die Kommunikation in erregtem Zustand kürzer machen.

Es könnte aber auch andere Gründe geben - etwa dass sich Menschen beim entscheidenden Golfschlag lieber auf den TV-Schirm konzentrieren als lange in ihr Smartphone zu tippen. Oder dass eine Art Herdeneffekt zur Verkürzung beiträgt.

Der genaue Grund dafür soll in kommenden Studien untersucht werden. Als Nebenprodukt der aktuellen Untersuchung sind die Forscher aber noch auf etwas draufgekommen. Eine nicht zu unterschätzende Minderheit hat stark mit der 140-Zeichen-Obergrenze von Twitter zu kämpfen. Sie muss ihre Botschaften mutwillig an der Grenze abbrechen und ärgert sich über die notwendige Verkürzung. Laut den Forschern könnte das Problem schon ein Verlängern um 30 Zeichen deutlich erleichtern.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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