Standort: science.ORF.at / Meldung: "Zwergplanet: Gestrandet im Niemandsland"

Zwergplanet: künstlerische Darstellung

Zwergplanet: Gestrandet im Niemandsland

Astronomen haben einen Zwergplaneten entdeckt, der in mehr als zwölf Milliarden Kilometer Entfernung die Sonne umrundet. Das bisher fernste Mitglied unseres Sonnensystems dürfte nicht alleine sein, wie die Forscher vermuten. Jenseits der Neptunbahn könnte sogar eine "Supererde" versteckt sein.

Rekorddistanz 27.03.2014

Traditionellerweise teilen Astronomen das Sonnensystem in drei Zonen. Nahe dem Zentrum kreisen Gesteinsplanten wie Erde und Mars um die Sonne, weiter außen ziehen die riesigen Gasplaneten ihre Bahnen, zwischen der Umlaufbahn von Neptun und Pluto beginnt Zone Nummer drei: Der Kuipergürtel - eine von gefrorenen Himmelskörpern bevölkerte Region, die das Sonnensystem vom kosmischen Niemandsland trennt.

Letzteres dürfte indes gar nicht so leer sein wie bisher angenommen. Bereits 2003 entdeckten Forscher den eisigen Körper Sedna, der - im wahrsten Sinne - auf exzentrische Weise um die Sonne kreist: Sednas sonnennächster Punkt ist 76 Astronomische Einheiten entfernt (eine Astronomische Einheit ist die Distanz zwischen Erde und Sonne), seine elliptische Bahn führt allerdings auch in Distanzen von mehr als 1.000 Astronomischen Einheiten.

Die Studie

"A Sedna-like body with a perihelion of 80
astronomical Units", Nature (26. März 2014; doi: 10.1038/nature13156).

Ö1-Sendungshinweis

Über diese Studie berichtet auch das Ö1-Journal, 27.3.2014, 10 Uhr.

Weitere Funde prognostiziert

Wie Forscher um Chadwick Trujillo im Fachblatt "Nature" berichten, gibt es da draußen, in der inneren Oortschen Wolke, noch so einen Wanderer, der von der Gravitation der Sonne eingefangen wurde. Trujillo und seine Mitarbeiter haben mit Hilfe der Dark Energy Camera des NOAO-Teleskops in Chile ein Objekt mit dem vorläufigen Namen 2012 VP113 entdeckt. Sein sonnennächster Punkt ist noch um 600 Millionen Kilometer weiter entfernt als jener Sednas.

Teleskopaufnahme zeigt 2012 VP113 inmitten anderer kosmischer Objekte

Scott S. Sheppard: Carnegie Institution for Science

Die ersten Aufnahmen von 2012 VP113

Der neue Rekordhalter unter den Mitgliedern des Sonnensystems hat einen Durchmesser von 450 Kilometern, möglicherweise ist der spektakuläre Fund nur die Spitze eines Eisberges. Laut Hochrechnungen könnten sich in der inneren Oortschen Wolke noch rund 900 Himmelskörper mit einem Durchmesser von mehr als 1.000 Kilometern tummeln.

Neunter Planet im Sonnensystem?

Auffällig ist jedenfalls, dass die Umlaufbahnen von Sedna und 2012 VP113 einige Übereinstimmungen zeigen. Ihre Bahnen schneiden etwa in ähnlichen Winkeln in die verlängerte Ebene unseres Planetensystems - das dürfte kein Zufall sein. Trujillo geht davon aus, dass die beiden Zwergplaneten von der Schwerkraft eines bisher nicht entdeckten um die Sonne kreisenden Himmelskörpers in diese Lage gezwungen wurden.

Bei dem großen Unbekannten könnte es sich um eine "Supererde" oder gar um ein noch größeres Objekt handeln. Sollte sich das bewahrheiten, hätte das Sonnensystem wieder neun Planeten. Seit Pluto 2006 zum Zwergplaneten degradiert wurde, sind es nämlich nur noch acht.

Suche nach Nemesis

Wie Sedna und 2012 VP113 zu ihrem gegenwärtigen Aufenthaltsort gekommen sind, ist bisher ungeklärt. Bereits 2003 vermutete der Caltech-Astronom Michael Brown, dass Sedna dereinst von einem fremden Stern in die innere Oortsche Wolke bugsiert wurde.

Diese Erklärung böte sich nun auch für 2012 VP113 an - und würde die alte Nemesis-Hypothese wiederbeleben, der zufolge unsere Sonne einen fernen Begleiter hat. Statistisch betrachtet wäre das keineswegs ungewöhnlich: Etwa zwei Drittel aller Sterne in der Milchstraße treten im Doppel- oder Tripelpack auf. Einzelsterne sind relativ selten.

Robert Czepel, science.ORF.at

Mehr zu diesem Thema: