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Das Bild "Elementarteilchen" von Christoph Überhuber

Wissenschaft und Kunst in der Wunderkammer

An der Technischen Universität Wien treffen derzeit in einer sogenannten "Wunderkammer" aktuelle Wissenschaft und zeitgenössische Kunst aufeinander. Ausstellungskurator Christoph Überhuber, Wissenschaftler und Künstler, will eine Brücke zwischen den beiden Disziplinen schlagen.

Ausstellung 31.03.2014

Bewundern, Staunen, Nachdenken: Dazu laden sogenannte Wunderkammern ihre Besucherinnen und Besucher seit jeher ein. Skurriles, Fremdes, exotische Kostbarkeiten, aber auch Werke der Kunst wurden einst von Fürsten und Herrschern der Renaissancezeit gesammelt und in scheinbar ungeordneten Schatzkammern aufbewahrt. Diese Wunderkammern stellten eine Art Mikrokosmos der Welt dar und sollten die Macht und die Beherrschung ebendieser durch deren Besitzer symbolisieren. Aber nicht nur Herrscherhäuser sammelten interessante und kostbare Schätze – auch Wissenschaftler der damaligen Zeit legten ihre eigenen Wunderkammern an.

Die Wiener Wunderkammer ist von 1. bis 4. April im Prechtl-Saal der Technischen Universität Wien zu sehen. Sie kann auch im Rahmen der Langen Nacht der Forschung am 4. April besucht werden. 35 Projekte aus unterschiedlichsten wissenschaftlichen Disziplinen sowie aus der zeitgenössischen Kunst sind dort ausgestellt. Ziel ist es, das Wechselspiel und Zusammenwirken dieser Bereiche zu zeigen, Brücken zu schlagen und einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Ö1 Sendungshinweis:

Über die Wiener Wunderkammer berichtet auch "Wissen Aktuell" am 31. März 2014 um 13.55 Uhr.

Heute sorgen wissenschaftliche Erkenntnisse zumeist nur in der eigenen Community für Bewunderung und Staunen. Sei es, weil die zahlreichen Ergebnisse für eine breite Öffentlichkeit nicht verständlich sind, oder sie nur unzureichend kommuniziert werden. Das zu ändern ist ein Ziel der Wiener Wunderkammer, die von 1. bis 4. April 2014 im Prechtl-Saal der Technischen Universität zu sehen ist. Nach dem Vorbild früherer Wunderkammern werden dort Projekte ausgestellt, die die Besucher zum Nachdenken und Staunen anregen sollen.

Ausgewogen: Wissenschaft und Kunst

Dabei wird dem Publikum aber nicht nur aktuelle Wissenschaft präsentiert, sondern auch zeitgenössische Kunst ist ein gleichwertiger Bestandteil der Wiener Wunderkammer. Bewusst will man dort das Wechselspiel und das Zusammenwirken dieser beiden Bereiche zur Schau stellen. "Sowohl Kunst als auch Wissenschaft haben sehr viel mit Kreativität zu tun", erklärt Christoph Überhuber. Er selbst ist sowohl Künstler, als auch Wissenschaftler und Kurator der Wiener Wunderkammer. "Die Wiener Wunderkammer will hier ganz bewusst eine Brücke schlagen", so Überhuber.

Seit jeher stehen Kunst und Wissenschaft in einem spannenden, aber auch spannungsvollen Verhältnis. "Kunst und Wissenschaft haben sich fast ein bisschen als Kontrahenten entwickelt", beschreibt Überhuber das Wechselspiel dieser beiden Bereiche im Laufe der Jahrhunderte. Heute brauche die Wissenschaft die Kunst nicht unbedingt und auch die Kunst benötige die Wissenschaft nicht zwangsläufig. "Im Großen und Ganzen sind das zwei voneinander unabhängige Bereiche, wenngleich sich natürlich Grenzgebiete auftun", konstatiert der Mathematiker, der sich als Künstler in der digitalen Kunst betätigt.

Und dennoch sei momentan ein Trend zu beobachten, der zwar noch eher einseitig, aber durchaus bemerkenswert ist: die Annäherungsversuche der Kunst an die Wissenschaft. So ist inzwischen etwa die sogenannte künstlerische Forschung mit einem eigenen Programm im Österreichischen Forschungsförderungsfonds vertreten.

Wissenschaft auf der documenta 13

Als öffentlichkeitswirksames Beispiel für diese Annäherung zieht Überhuber die "documenta" in Kassel im Jahr 2013 heran. Auf der größten Ausstellung im Bereich der zeitgenössischen Kunst, wurde das berühmte Teleportationsexperiment von Anton Zeilinger ausgestellt. "Im Rahmen dieser riesigen Kunstveranstaltung wurde auch dieses physikalische Experiment gezeigt. Das ist wie das Tüpfelchen auf dem i, für mich hat das ein bisschen Alibi-Charakter", sagt Überhuber. Insofern sieht Überhuber die documenta zwar durchaus als Vorbild. Sein Anspruch bei der Gestaltung der Wiener Wunderkammer war aber dennoch, es besser zu machen.

"Wir wollten eben keine Kunstausstellung mit ein bisschen Wissenschaft, oder eine wissenschaftliche Ausstellung mit ein bisschen Kunst - unser Ziel war die Ausgewogenheit". So nennt er auch die Kunstkammer des Wiener Kunsthistorischen Museums als einen zentralen Impulsgeber: Diese sei zwar "fantastisch", auch dort gebe es zwar "wunderbare Automaten und geometrische Gerätschaften", aber relativ wenig aus dem Bereich der "echten Wissenschaft" zu sehen. Das sei auch eine Parallele zu den klassischen, historischen Wunderkammern: Wenngleich etwa die Medizin in der Renaissancezeit immense Fortschritte erzielte, wurde das in den Wunderkammern überhaupt nicht reflektiert, sagt Überhuber.

Jury hat Wunderkammer zusammen gestellt

Jene 35 Beiträge, die nun im Rahmen der Wiener Wunderkammer ausgestellt werden, wurden von einer prominent besetzten Jury aus 125 Einreichungen ausgewählt und zeigen sowohl Bemerkenswertes aus der Welt der Wissenschaft wie auch der zeitgenössischen Kunst - und eben Projekte, die beide Bereiche vereinen. "Von akustischen Phänomenen, über eine Laboreinrichtung bis hin zu wissenschaftlichen Analysen des Werkstoffs Eisen sind unterschiedlichste Projekte vertreten", beschreibt Überhuber die Vielfalt der ausgestellten Beiträge.

"Ich habe der Jury bewusst keine Vorgaben bezüglich der Auswahl gemacht. Sie sollten auswählen, was sie selbst gerne in einer Wunderkammer bestaunen würden", so Überhuber. So hat die Jury, bestehend aus den Künstlerinnen Valie Export und Elisabeth von Samsonow sowie der Wissenschaftlerin Renee Schroeder und Ö1-Wissenschaftschef Martin Bernhofer, sehr frei ihre Lieblingsstücke gewählt.

Wissenschaftler schwierig zu erreichen

Dabei war es bedeutend schwieriger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler für die Wunderkammer zu gewinnen, als Künstlerinnen und Künstler, erzählt Christoph Überhuber. Das habe einerseits mit dem von ihm angesprochenen Trend in der Kunst, sich der Wissenschaft anzunähern, zu tun. Andererseits sei die Teilnahme an einer Ausstellung wie der Wunderkammer für Wissenschaftler schlichtweg nicht für die eigene Laufbahn nutzbar. "Ein Wissenschaftler profitiert von einer Publikation in einem angesehenen Journal. Aber nicht von der Teilnahme an einer Wunderkammer", sagt Überhuber. Insofern sei es umso erfreulicher, dass es trotzdem genug wissenschaftliche Einreichungen gegeben hat.

Ob die Wissenschaft von der Zusammenarbeit mit der Kunst profitieren kann? Ja, ist sich Überhuber sicher. "Sowohl die moderne Wissenschaft wie auch die zeitgenössische Kunst präsentieren sich heutzutage als Elfenbeinturm. Hier wollen wir die Türen öffnen und die beiden miteinander in Verbindung bringen", sagt Überhuber. Denn der Wissenschaft würde es nicht schaden, sich wieder ein bisschen mehr auf die Form der Erzählung zu besinnen. Aktuell bleibe die wissenschaftliche Gesellschaft nur zu gern unter sich. "Sie betrachtet es als unter ihrer Würde, an eine breite Öffentlichkeit zu gehen. Und das finde ich nicht Ordnung", so Überhuber. Und genau diesem Umstand könne die Wunderkammer an der Technischen Uni Wien entgegentreten: "Das tolle an der Wunderkammer ist, dass wir mitten in einen solchen Elfenbeinturm einen Fremdkörper hineinsetzen, der eben nicht die klassische Wissenschaft präsentiert."

Theresa Aigner, science.ORF.at

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