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Weiße Maus sitzt auf dem Boden

Das Beziehungsleben betrunkener Mäuse

Die Folgen von Trunkenheit auf das Paarungsverhalten sind Gegenstand einer aktuellen Studie an Präriemäusen. Versuche zeigen: In alkoholisiertem Zustand neigen Mäusemännchen zur Promiskuität, Weibchen hingegen zur Treue.

Verhalten 08.04.2014

Man erinnere sich, in den 80ern hatte man Konrad Lorenz noch des Biologismus geziehen und ihm vorgeworfen, er, der Tierbeobachter, würde "von der Gans aufs Ganze" schließen. Heute scheint der Schluss vom Tier auf den Menschen keinen mehr aufzuregen. Das mag an Lorenz' politischer Vergangenheit oder der Überzeugungskraft der modernen Genetik liegen, vielleicht hat man sich auch einfach daran gewöhnt, dass Fiege, Maus und Fadenwurm an unserer statt Modell stehen.

Die Präriewühlmaus jedenfalls erfreut sich in Forscherkreisen großer Beliebtheit, wenn es um die Untersuchung von Sucht- und Sozialverhalten geht. Sie ist monogam und uns offenbar neurobiologisch nicht unähnlich. Zumindest flottieren im Gehirn der Maus die gleichen Signalstoffe, wenn sie sich erregen im Angesicht möglicher Paarungspartner, oder Süchte entwickeln nach dem Konsum bewusstseinsverändernder Subtanzen. Oxytocin, Amphetamin und Vasopressin heißen die Signalstoffe, die man hier wie dort im Gehirn nachweisen kann.

Mäusemännchen kuscheln wahllos

Andrey Ryabinin präsentiert nun eine Kombination der beiden Forschungsfelder, Sucht- und Sozialverhalten quasi in einem Experiment. Der Neurobiologe von der Oregon Health and Science University verabreichte Mäusen eine Mischung aus 90 Prozent Wasser und zehn Prozent Alkohol, um herauszufinden, wie sich die Trunkenheit auf das Paarungsverhalten auswirkt.

Die Studie

"Drinking alcohol has sex-dependent effects on pair bond formation in prairie voles", PNAS (doi: 10.1073/pnas.1320879111 ).

Wie Ryabinin im Fachblatt "PNAS" schreibt, war die Wirkung je nach Geschlecht unterschiedlich. Die an sich monogamen Mäusemännchen verloren in alkoholisiertem Zustand die Präferenz für ihre Partnerin und begannen auch mit fremden Mäusedamen zu kuscheln. Die Weibchen waren für die Wirkungen des Alkohols weniger empfänglich und reagierten, wenn überhaupt, im umgekehrten Sinne. Mit Promille im Blut schien sich ihre Hinwendung zum Partner eher noch zu verstärken.

Die US-Forscher führen diese Wirkung auf die stresslösende Wirkung des Alkohols zurück, was gut zu den Ergebnissen früherer Versuche passen würde. Sie hatten nämlich gezeigt, dass gestresste Mäuseweibchen das Interesse an ihrem Liebsten verlieren, während Männchen unter Stress noch anhänglicher werden.

Die neurologischen Ursachen können Ryabinin und sein Team ebenfalls benennen. Der Unterschied zwischen den Geschlechtern dürfte von einem Faserstrang im Gehirn namens "Stria terminals" ausgehen - eine Hirnregion, die bereits in ganz anderem Zusammenhang mediale Beachtung fand, und zwar bei Studien am Menschen.

Hirnstudie: Wie entsteht sexuelle Identität?

In den 1990er Jahren berichtete der niederländische Neurobiologe Dick Swaab im Fachjournal "Nature", dass eine Region in der Stria terminalis ("BSTc") bei Männern etwa doppelt so groß sei, wie jene von Frauen. Die Studie löste einige Kontroversen aus. Swaab behauptete nämlich, an der Anatomie die sexuelle Identität ablesen zu können. Ihm zufolge besitzen transsexuelle Männer einen typisch weiblichen BSTc, sein Schluss daraus: Ist das Kerngebiet klein, fühlt man sich als Frau, ist es groß, fühlt man sich als Mann.

Die These blieb nicht unwidersprochen, der Neurobiologe Marc Breedlove aus Berkeley etwa wies darauf hin, dass die Hirnanatomie der Transsexuellen auch durch Hormonbehandlungen verändert worden sein könnte - womit sich Ursache und Wirkung umdrehen würden.

Neurosex sells

Swaab hat sich in seinem im Jänner erschienen Buch "We are our Brains" auch in manch anderer Hinsicht aus dem Fenster gelehnt. Im Gespräch mit der "Sunday Times" sagte er kürzlich: "Die Einwirkung von Nikotin und Amphetamin [im Mutterbauch] erhöht die Wahrscheinlichkeit lesbischer Töchter."

Auch gegenüber dem "Guardian" vertrat er seine neurosexuellen Thesen mit einiger Vehemenz. Und klagte: "Seit ich herausgefunden habe, dass sich das männliche und weibliche Gehirn unterscheiden, werde ich von Feministinnen attackiert. Weil es nicht erlaubt ist, Unterschiede zu haben, nicht im Gehirn. Alle Unterschiede im Verhalten müssen durch die Gesellschaft bestimmt sein."

Die Autorin des "Guardian", ihrerseits bekennende Feministin, attestierte dem Direktor des Niederländischen Instituts für Hirnforschung zwar "wegweisende Theorien" vorgelegt zu haben, ließ sich aber inhaltlich nur bedingt überzeugen. "Viele von Dick Swaabs kühnsten Thesen erweisen sich bei genauerer Betrachtung als MRI-Scan von Chauvinismus", lautete ihr Resümee. Dem Verkaufserfolg von Swaabs Buch dürfte es nicht geschadet haben. "We are our Brains" ist dem Vernehmen nach ein Bestseller.

Dass die Mäusestudie von Andrey Ryabinin und seinen Mitarbeitern jemals so hohe Wellen schlagen wird, ist auszuschließen. Die Autoren bleiben bei der Interpretation der Daten betont vorsichtig und wagen bloß am Ende der Studie einen sachten Hinweis auf den Menschen. Die Ergebnisse, heißt es da, würden an die "negativen Wirkungen des Alkohols auf Langzeitbeziehungen und Eheglück" erinnern.

Robert Czepel, science.ORF.at

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