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Ein schwarzes und ein weißes Pferd - beides Schachfiguren - stehen entgegengesetzt auf einem Schachbrett

Wie das Eigene das Andere braucht

Nachdem die Großmächte Europas im 19. Jahrhundert Afrika aufgeteilt hatten, haben die Schriftsteller ihre Arbeit verrichtet. Indem sie den Kontinent als "ganz anders" beschrieben, konstruierten sie die eigene, europäische Identität. Kritik daran übt die postkoloniale Literaturtheorie - diese Woche sogar "vor Ort": 60 Germanistinnen und Germanisten treffen sich in Togo.

Literaturwissenschaft 14.04.2014

Das Land in Westafrika mit seinem kolonialem Erbe - um 1900 deutsche Kolonie, danach französisch verwaltet - ist der ideale Ort für dieses "einzigartige Experiment", wie es Anna Babka ausdrückt. Die Germanistin von der Universität Wien hat die Konferenz gemeinsam mit ihren Kollegen AdjaÏ Oloukpona‐Yinnon von der Universität Lomé und Axel Dunker von der Universität Bremen organisiert. Sie findet in Lomé, der an der Atlantikküste gelegenen Hauptstadt Togos, statt.

Die Fachtagung in Togo:

Rund 60 Forscherinnen und Forscher sollen von 12. bis 16. April an der Tagung "Germanistik als Sprach‐ Kultur‐ und Geschichtswissenschaft: Der 'neue deutsche (Kolonial)roman' und die postkolonialen, kulturwissenschaftlichen und interkulturellen Studien" teilnehmen. Hauptfinanziert wird sie von der deutschen Humboldt-Stiftung, unterstützt auch von der Uni Wien. Rund 35 Vorträge werden gehalten, ein Drittel davon von Vertretern afrikanischer Universitäten. Die Themenpalette reicht von der Verantwortung von Schriftstellern als "Geschichtsschreibern" über deutsche koloniale Reiseliteratur bis zum "vergessenen Erbe Togos 100 Jahre danach".

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Eine Tagung "am Rand"

"Wir rühren an einigen zentralen Fragen der Wissenschaftskritik", sagt die Germanistin gegenüber science.ORF.at. "Wo finden Kongresse statt? Wer wird zu ihnen eingeladen?" Selbst bei kritischen Studienrichtungen wie Queer Studies oder Postcolonial Studies werde üblicherweise in den zentralen Industrienationen getagt, würden Forscher und Forscherinnen von den sogenannten Rändern oft gar nicht erst eingeladen.

"Wir wollten den Gegenschritt machen: Jetzt sind wir die Eingeladenen. Und das verändert die ganze Perspektive. Es ist ein anderes Gefühl, in der eigenen Mehrheitsgesellschaft argumentieren zu müssen - und sei diese auch nur diskursiver Natur in einem bestimmten Wissenschaftskontext -, als man befindet sich anderswo in einer Minderheit. Diese Leistung müssen afrikanische Kollegen und Kolleginnen permanent erbringen, wenn sie germanistisch arbeiten. Jetzt machen wir das einmal."

Das Eigene …

Wichtig für die Etablierung der Postcolonial Studies war der amerikanisch-palästinensische Literaturtheoretiker Edward Said. "In seinem Buch 'Orientalism' hat er aufgezeigt, dass das, was als Orient oder als 'das Andere' betrachtet wird, eine kulturelle Konstruktion ist. An dieser Konstruktion haben kulturelle Artefakte einen Anteil, und der literarische Text ist ein solches Artefakt. Deshalb steht er im Zentrum der postkolonialen Studien", erklärt Babka.

Als ein Klassiker kolonialer Romane gilt die 1899 erschienene Erzählung "Herz der Finsternis" von Joseph Conrad. An ihm sei beispielhaft ablesbar, wie Literatur europäische Identität "vor der Folie des Anderen" erzeugen konnte. "Das funktioniert über stereotype Beschreibungen, die immer wiederholt werden: etwa die ungezügelte Sexualität des Afrikaners, die Faulheit des Asiaten oder der weibische Charakter des Mannes."

… und das Andere

Diese vermeintlichen Eigenschaften sollten die Fremden als "ganz Andere" charakterisieren. Im Umkehrschluss wurde damit auch die eigene Identität konstruiert - etwa von Europa oder von dem, was es heißt, "weiß zu sein", wie Babka beispielhaft anführt. "Die postkoloniale Literaturwissenschaft versucht, diese Konstruktion aufzudecken und nachzuzeichnen. Natürlich ist das ein politisches, emanzipatorisches Projekt."

Kritik an diesem Projekt wird (auch) in der Zunft selbst geübt - von den Vertretern des "l'art pour l'art". Sie halten literarische Texte für Kunst um ihrer selbst willen: Romane, Erzählungen, Gedichte seien Werke ohne gesellschaftlichen Zusammenhang. Eine Position, der Babka wenig abgewinnen kann.

"Die kulturwissenschaftliche Sicht auf Literaturwissenschaft geht im Gegensatz zu diesem Gedanken davon aus, dass Texte massiv Anteil an der Hervorbringung von Wirklichkeit haben. Kein Text ist in diesem Sinne 'unschuldig'."

Postkoloniale Romane: Rushdie und Kracht

Postkoloniale Romane sind sich dieses Umstands bewusst und bauen ihn in das Geschriebene mit ein. Etwa indem sie Schlüsseltexte europäischer Klassiker umschreiben, die Konstruktion des "Anderen" bewusst sichtbar machen und der Lächerlichkeit preisgeben. Oder wenn sie europäische Geschichts- und Wirklichkeitsvorstellungen in Frage stellen - so wie es Salman Rushdie in seinem Roman "Mitternachtskinder" gemacht hat, wenn sich im Text vermeintlich Historisches am Ende als fantastische Fiktion erweist und er binäre Ordnungsmuster in Frage stellt, wie etwa Gut und Böse in der Figur des Engels und des Teufels, deren Rollen nicht mehr so klar sind.

Vor zwei Jahren ist der Roman "Imperium" des Schweizer Schriftstellers Christian Kracht erschienen, der auf der Tagung in Togo ebenfalls diskutiert wird. "In manchen Facetten kann er postkolonial gelesen werden", meint Anna Babka. Die Hauptfigur der Geschichte - der Aussteiger August Engelhardt, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts in die damalige Kolonie Deutsch-Neuguinea fährt, um eine Kokosplantage zu betreiben und sich ausschließlich von Kokosnüssen zu ernähren - wird extrem ironisiert. Ob Kracht deshalb den "postkolonialen Stempel" verdient, ist sich Babka nicht sicher.

Hybride Sprache, vermischte Wörter

Ganz sicher ist sie hingegen beim Roman "Faruq" von Semier Insayif. Der österreichische Schriftsteller mit irakischen Wurzeln schildert darin die Erinnerungen eines jungen Mannes ähnlicher Herkunft und bedient sich dabei einer hybriden, nicht-eindeutigen Sprache. "Das erzeugt im Text einen kritischen Moment", sagt die Germanistin.

"Insayif verwischt Strukturen, er mischt arabische Buchstaben und Wörter in deutsche Sätze, er vermischt Zeitebenen. Sein Roman ist extrem brüchig, seine Sätze sind nicht immer linear oder kohärent, er vermeidet in jeder Hinsicht binäre Muster. Und dennoch erzählt er eine Geschichte."

Über diese und andere Schreibstrategien wird in diesen Tagen diskutiert - einmal nicht in den Zentren der postkolonialen Literaturwissenschaft, sondern dort, wo der Kolonialismus gelebt wurde.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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