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Street-Art aus Berlin: Ein Mann hält eine Bild mit einem Frauengesicht vor sein eigenes Gesicht

Die Medusa lacht bis heute

Die französische Philosophin Hélène Cixous zählt zu den bedeutendsten feministischen Autorinnen der Gegenwart. In ihrem Werk entfaltet sie eine "écriture féminine" - ein weibliches Schreiben, das die Grenzen von Philosophie, Feminismus und Psychoanalyse vermischt.

Philosophie 18.04.2014

Ein zentrales Werk von Cixous stellt der bereits 1975 geschriebene Text "Le Rire de la Méduse" dar, der nunmehr in deutscher Sprache unter dem Titel "Das Lachen der Medusa" vorliegt. Im Tanzquartier Wien präsentierten kürzlich Cixous und ein Übersetzerinnenkollektiv dieses provokative Dokument des radikalen Feminismus, das durch seine radikale Kritik des männlichen Herrschaftsdiskurses auch heute noch höchst aktuell ist.

Rousseau: Die Frau soll dem Mann angenehm sein

Hélène Cixous lacht bei der Vorstellung ihres Buches „Lachen der Medusa“ im Passagen-Verlag

Passagen Verlag

Hélène Cixous bei der Vorstellung ihrer beiden Bücher "Das Lachen der Medusa" und "Insister" im Tanzquartier Wien

Biografie:

Hélène Cixous wurde als Tochter jüdischer Eltern am 5. Juni 1937 in Oran/Algerien geboren. 1955 kam sie nach Frankreich, wo sie nach einem erfolgreichen Studium als Literaturwissenschaftlerin für Anglistik an verschiedenen Universitäten lehrte. Nach den Studentenprotesten des Mai 68 war sie Mitbegründerin der Reformuniversität in Vincennes, wo sie mit Michel Foucault, Gilles Deleuze und speziell mit Jacques Derrida zusammenarbeitete. Als Literaturwissenschaftlerin und Philosophin, aber auch als Roman- und Theaterautorin hat Cixous seit 1967 etwa 70 Bücher veröffentlicht und arbeitete mit Ariane Mnouchkines Théâtre du Soleil zusammen.

Literaturhinweise:

Hélène Cixous im Passagen Verlag:

Das Lachen der Medusa, zusammen mit aktuellen Beiträgen, Herausgegeben von Esther Hutfless, Gertrude Postl, Elisabeth Schäfer, übersetzt von Claudia Simma
Insister. An Jacques Derrida, übersetzt von Esther von der Osten
Hypertraum, übersetzt von Esther von der Osten
Manhattan. Schreiben aus der Vorgeschichte, übersetzt von Claudia Simma
Der Tag, an dem ich nicht da war, übersetzt von Esther von der Osten, Elisabeth Güde
Benjamin nach Montaigne. Was man nicht sagen darf, übersetzt von Helmut Müller-Sievers
Jacques Derrida, Hélène Cixous: Voiles. Schleier und Segel, übersetzt von Markus Sedlaczek
Jacques Derrida: H.C. für das Leben, das heißt..., übersetzt von Markus Sedlaczek

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Dieser Diskurs, der die Frauen als quantité négligeable diskriminiert, beherrscht laut Cixous seit der Antike die europäische Geistesgeschichte. Als Paradigma dafür fungiert der Logos und auf der körperlichen Ebene der Phallus.

Der männliche Herrschaftsdiskurs reduziert die Frauen auf ein defizientes Geschlecht, dessen Hauptaufgabe Jean-Jacques Rousseau in seinem Erziehungsroman "Emile" so definiert hat: "Die Frau ist dazu geschaffen, dem Mann zu gefallen, ihm nützlich sein und ihm ein angenehmes Dasein zu bereiten; das sind die Pflichten der Frau zu allen Zeiten, die man sie von Kindheit an lehren muss."

Gegen diesen patriarchalischen Anspruch revoltiert Cixous in ihrem gesamten Werk. Im Text "Das Lachen der Medusa" findet die Empörung gegen den Chauvinismus einen leidenschaftlichen Niederschlag: "An den Frauen haben sie das schwerste aller Verbrechen geübt. Sie haben sie unmerklich, gewaltsam dazu gebracht, die Frauen zu hassen, ihre unermessliche Kraft gegen sich selbst aufzubieten, die Handlangerinnen der männlichen Schmutzarbeit zu sein."

"Triebe sind unsere guten Kräfte"

Das "Lachen der Medusa" ist das Manifest einer Subversion dieser "männlichen Schmutzarbeit"; es fordert die Frauen dazu auf, all das, was im Namen der Rationalität, des Logos verdrängt wurde, wieder zurückzugewinnen. Es sind dies die Lust und das Genießen des weiblichen Körpers, die nicht an irgendwelche Normen gebunden sind. Sie ermöglichen "einen Zugang zu den riesigen unter Verschluss geratenen Körperreichen."

Cixous schildert ein ständig fließendes Konglomerat aus psychischen Vorgängen, Wünschen und Triebregungen, ohne dabei die übliche Zensurbehörde der Moral einzuschalten. "Wir werden doch nicht so etwas so Einfaches wie die Lust auf Leben verdrängen", heißt es im Text, "oraler Trieb, analer Trieb, Stimmtrieb, alle Triebe sind unsere guten Kräfte."

Die Erfahrungen, die in diesem Reich der Sinne gemacht werden, bedürfen einer eigenen Sprache - eben der écriture féminine. Cixous ortet einen signifikanten Unterschied zwischen Männer- und Frauentexten. Männliche Texte enthalten formale Kriterien, seien zielgerichtet und verfügten über einen Ursprung und ein Ende; "sie sind letztendlich Dosen, Fertigprodukte". Texte von Frauen hingegen würden sich durch eine explodierende Sprache auszeichnen und auch den Körper, das Begehren und das Unbewusste mit einbeziehen. Exemplarisch dafür sind für Cixous die Werke der österreichischen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann. Auch sie vertrete eine écriture féminine, die noch einer gewissen konventionellen Schreibweise verpflichtet ist.

Textgewebe wie bei James Joyce

Diese "neue, aufrührerische Schreibweise" - bestimmt auch den Text "Das Lachen der Medusa". Es handelt sich dabei nicht um einen argumentativ vorgehenden Diskurs, der bestimmte Positionen herausarbeitet, sondern um ein polyphones Textgewebe. Den Leser und die Leserin erwartet eine Vielzahl von philosophischen, literaturwissenschaftlichen, psychoanalytischen und feministischen Stimmen, die kunstvoll miteinander verwoben werden.

Dabei knüpft Cixous an den Schreibexperimenten der Avantgardeliteratur des 20. Jahrhunderts an. Besonders schätzt die Anglistin den Roman "Ulysses" von James Joyce. Hier ortet sie - ähnlich wie bei ihrem engen Freund Jacques Derrida - eine Form der écriture féminine. Zwei Zitate, die das illustrieren:

Aus "Ulysses":
"Und ich hab ihm zuerst die Arme um den Hals gelegt und ihn zu mir niedergezogen dass er meine Brüste fühlen konnte wie sie dufteten ja und das Herz ging ihm wie verrückt und ich hab ja gesagt ja ich will ja."

Aus "Das Lachen der Medusa":
"Frauenstürmerisch sind wir, was unser ist, löst sich von uns ab, ohne dass wir fürchten dadurch geschwächt zu sein. Unsere Blicke ziehen davon, unser Lächeln läuft, das Lachen all unserer Münder, unser Blut rinnt und wir verströmen uns ohne uns zu erschöpfen."

Medusa lacht über Freuds Penisneid

Ähnlich kryptisch wie diese Passage ist auch der Titel des Werks: "Das Lachen der Medusa". In der griechischen Mythologie lacht Medusa keineswegs, da erscheint sie als monströse Gestalt, in die sie von der Göttin Athene als Strafe für eine sexuelle Affäre mit Poseidon in ein mit Schlangen behaartes Monster verwandelt wurde. Ihr Blick ließ jedes menschliche Wesen zu Stein erstarren, was schließlich Perseus veranlasste, sie im Schlaf zu enthaupten.

Medusa wurde gleichsam zum Synonym für die Vorstellung von der Frau als eines bedrohlichen Wesens, das die Männer paralysiert. Laut Cixous hat der Mythos der Medusa weitreichende Konsequenzen, der auch bei Sigmund Freud zu finden ist, der von der Frau als "dunklem Kontinent" spricht.

Diese Interpretation des Mythos löst bei Cixous ein großes Gelächter aus, das den gesamten Text orchestriert. Es ist dies ein befreiendes Lachen, das sich auch über verschiedene andere "phallozentrische" Theorien lustig macht. Neben Freuds Theorie des Penisneids wird auch die Theorie des französischen Psychoanalytikers Jacques Lacan mit einem subversiven Lachen quittiert.

Lacans Grundthese, die von der Mangelhaftigkeit der Frau ausgeht, reiht sich für Cixous in den theoretischen Imperialismus, der seit der Antike Frauen diskriminiert. "Hier begegnen wir dem unvermeidlichen Männerfels", schreibt Cixous, "steif aufgerichtet", in der permanenten Angst vor dem versteinernden Blick der Medusa, die darüber in Lachen ausbricht.

Fazit: Leben, Körper, Lust und Poesie

"Das Lachen der Medusa" versteht Cixous als radikale Vermischung von Leben, Körper, sexueller Lust, philosophischer Reflexion und poetischen Experimenten. Dabei wird eine Dimension weiblichen Existierens evoziert, die mit den üblichen Konventionen nichts mehr zu tun hat und meist auf Unverständnis und Befremden stößt.

Zitat: "Die Frau lässt sich gehen, sie fliegt, sie geht ganz und gar in ihre Stimme ein; mit ihrem Körper unterstreicht sie die Logik ihrer Rede, ihr Fleisch sagt die Wahrheit. Sie exponiert sich. Tatsächlich materialisiert sie fleischlich, was sie denkt, sie bedeutet es mit ihrem Körper."

Nikolaus Halmer, Ö1 Wissenschaft

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