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Eine politische Karte Europas

Geschichte nicht nur aus nationaler Perspektive

"Wozu brauchen wir das?" Mit dieser Frage sehen sich Geschichtslehrer häufig konfrontiert, insbesondere, wenn sie ihre Schüler allein mit Zahlen, Daten und Fakten "quälen". Dass dem Fach aber auch eine Orientierungsfunktion für Politik und Gesellschaft zukommt, spielt im Unterricht europaweit nur selten eine Rolle.

Aktionstage Politische Bildung 22.04.2014

Dabei gehe es auch darum, Schüler auf das Leben in einer multikulturellen demokratischen Gesellschaft vorzubereiten, meint Tatiana Minkina-Milko, Leiterin der Abteilung Geschichtsunterricht des Europarates.

Es reiche nicht, die Geschichte stets nur aus der nationalen Perspektive zu betrachten, sagt die Historikerin. Im Interview mit science.ORF.at erklärt sie, warum es wichtig ist, den Sinn für die "geteilte" europäische Geschichte im Geschichtsunterricht zu schärfen.

Der dänische Historiker Pieter Geyl meinte einmal, Geschichte sei eine Diskussion ohne Ende. Wenn man an die vielen unterschiedlichen nationalen Geschichtsschreibungen denkt: Kann es in diesem Sinn überhaupt so etwas wie eine gemeinsame europäische Geschichte geben?

Porträtfoto der Historikerin Tatiana Minkina-Milko

Universität Wien

Tatiana Minkina-Milko ist Historikerin und Leiterin der Abteilung "History Education" des Europarates.

E-Book "Shared Histories":

"Shared Histories" ist ein interaktives E-Book mit umfangreichen Themendossiers und teilweise neuem Quellenmaterial, das primär für die Ausbildung von Geschichtslehrern entwickelt wurde; darüber hinaus beinhaltet es für jede Schulstufe unterschiedliches Lern- und Unterrichtsmaterial. Die vier thematischen Schwerpunkte sind: "The impact of the Industrial Revolution", "The development of education", "Human rights as reflected in the history of art" und "Europe and the world".
Das E-Book ist ab 5. Mai kostenlos downloadbar unter: http://shared-histories.coe.int.

Aktionstage Politische Bildung:

Vom 23. April bis 9. Mai finden die Aktionstage Politische Bildung 2014 statt, die heuer unter dem Motto "Europa gestern | heute | morgen" stehen. (Programmheft).

Ö1 Sendungshinweise:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell am 22.4., 13:55 Uhr.
Ö1 begleitet die Aktionstage mit einer Reihe von Sendungen.

Tatiana Minkina-Milko : Es kommt darauf an: Meint man damit jene Seiten der Geschichtsbücher, die wir teilen und als gemeinsam erachten, dann ja. Jedoch wissen wir auf der anderen Seite, dass mehrere Versuche, ein einheitliches Geschichtslehrbuch für Europa zu verfassen, gescheitert sind. Das ist insofern wenig überraschend, als alle europäischen Länder unterschiedliche Unterrichtssysteme haben und damit auch eine unterschiedliche Stundenanzahl, die für den nationalen oder europäischen Geschichtsunterricht bestimmt ist.

Den ersten Versuch, ein einheitliches Geschichtslehrbuch für Europa zu schreiben, gab es schon vor 20 Jahren. Was war das Problem damals und warum ist es bis jetzt nicht gelungen, ein solches Lehrbuch zu verfassen?

Nun, das war zu einer Zeit, als Geschichtsbücher die primäre Informationsquelle für den Geschichtsunterricht waren. Heute ist die Situation eine ganz andere, heute verwenden sowohl Schüler als auch Lehrer auch eine Reihe anderer Quellen, allen voran natürlich das Internet. Als wir in den 90er Jahren einen multiperspektivischen Zugang zur Geschichte entwickelt haben, war das neu und für einige unserer Partner auch sehr unangenehm. Heute gehört ein Ansatz mit mehreren Perspektiven zum Alltag, und das ist ein Riesenunterschied. Es kommt niemand mehr auf die Idee, ein Geschichtslehrbuch für ganz Europa zu machen. Was wir tun, ist einen gemeinsamen Rahmen und einen gemeinsamen Zugang zu Geschichte zu geben, die Europa teilt.

Sie verwenden den Begriff "geteilte Geschichte" ("shared history") lieber als "gemeinsame Geschichte" - warum?

Weil "gemeinsam" oft mit "gleich" verwechselt wird. Und genau diesen Eindruck wollen wir vermeiden. "Geteilte Geschichte" betont die Balance zwischen nationaler Geschichte, die oft unterschiedlich ist, und dem größeren Bild der Welt- oder Europageschichte. Diese gilt es zu erhalten und dabei Eigenheiten als auch Gemeinsamkeiten hervorzuarbeiten. Für den Europarat - als eine 47 europäische Staaten umfassende Organisation - steht unser gemeinsamer Zugang zu Geschichte im Vordergrund. Er basiert auf Respekt und vor allem auf Multiperspektivität. Das heißt, wenn wir Geschichte lernen, lehren oder diskutieren, sollten gleichzeitig unterschiedliche Blickwinkel präsentiert, analysiert und berücksichtigt werden. Und es sollte auch daran erinnert werden, dass eine einzige Wahrheit nicht existiert.

Wie verträgt sich das mit dem Wahrheitsanspruch, den die Geschichtswissenschaft immer hat?

Das ist eine wichtige Frage. Die Position des Europarats ist dabei ganz klar: Multiperspektivität sollte nicht mit Relativismus verwechselt werden. Auch wenn es unterschiedliche Perspektiven gibt, müssen sie auf den gleichen Werten und Haltungen beruhen: in erster Linie auf den Menschenrechten, den Grundfreiheiten und der Würde des Menschen. Natürlich gibt es etwa im Ersten oder Zweiten Weltkrieg viele schreckliche Dinge, die wir nicht in Frage stellen oder als "eine weitere Perspektive" akzeptieren sollten. Alles, was nicht im Einklang steht mit den Menschenrechten, Grundfreiheiten und menschlicher Würde, passt nicht zu unseren Werten.

Wenn man das runterbricht auf Ihr E-Book: Was bedeutet das für den konkreten Geschichtsunterricht an den Schulen?

Natürlich sind die nationalen Regierungen zuständig für die nationale Geschichte. Jedes Land entscheidet, wie es seine eigene, die europäische und die globale Geschichte unterrichtet. Von Seiten des Europarats betonen wir aber immer wieder, wie wichtig die Balance ist zwischen nationaler Geschichte und dem "bigger picture" von europäischer und Weltgeschichte. Denn wir wissen, dass wir alle verschieden sind, zugleich aber auch vieles teilen. Beispielsweise Regionen, das Klima, Traditionen, Stereotypen - und eben auch bestimmte Werte. Geschichte soll nicht nur Information über die Vergangenheit sein, sondern auch jungen Menschen helfen, ihren Platz in der heutigen Welt zu finden.

Diese Sichtweise scheint doch sehr über den Inhalt des klassischen Geschichtsunterrichts hinauszugehen?

Stimmt. Geschichte zu unterrichten besteht unseres Erachtens nicht nur aus Zahlen, Daten und Fakten. Es geht in erster Linie darum, Werte und Haltungen zu vermitteln. Nicht nur darum, Informationen aufzusaugen, sondern bestimmte Kompetenzen zu entwickeln. Wir wollen den Geschichtsunterricht deshalb auf eine gute Art und Weise pragmatischer gestalten und jungen Menschen dabei helfen, Fähigkeiten zu erwerben, die es ihnen ermöglicht, als verantwortungsbewusste Bürger zu agieren. Sie sollen lernen, sich selbst und auch andere zu respektieren, da es ohne einen solchen wechselseitigen Respekt keine Möglichkeit gibt, friedlich und demokratisch in dieser multikulturellen Gesellschaft zu agieren.

Wie soll sich das mit dem Projekt "Shared Histories for a Europe without dividing lines" bzw. mit dem daraus resultierenden E-Book realisieren?

Bei der Ausarbeitung des E-Books legten wir den Fokus auf jene gemeinsamen Werte, die alle Mitgliedsländer des Europarates teilen - an erster Stelle der Wert des menschlichen Lebens. Die Todesstrafe etwa ist in allen Mitgliedsländern des Europarats verboten. Möchte ein Land Mitglied des Europarates werden, so muss die Todesstrafe komplett aus den nationalen Gesetzen gelöscht sein. Das bedeutet einen gemeinsamen Ansatz. Es ist uns nun wichtig, Jugendlichen beizubringen, dass der Wert eines Menschenlebens nicht etwas ist, das einfach so vom Himmel gefallen ist. Gerade junge Menschen neigen oftmals dazu, diese Dinge für selbstverständlich zu erachten. Wir wollen zeigen, dass sie nicht selbstverständlich sind, sondern eine lange geschichtliche Entwicklung hinter sich haben. Die europäische Gemeinschaft musste viele Schwierigkeiten überwinden, ehe der Wert des Menschenlebens anerkannt wurde und nun auch vom Europarat geschützt wird.

Ein Kapitel in dem E-Book widmet sich der Industriellen Revolution - warum?

Weil das ein gutes Beispiel für "geteilte Geschichte" ist. Jeder weiß, was damit gemeint ist. Jedoch beim Blick in diverse Geschichtslehrbücher sieht man, dass diese Epoche von einem sehr eigenen, nationalen Blickwinkel behandelt wird. Meist geht es schlicht darum, welche Nation Vorreiter war, welche die Industrielle Revolution eher verschlafen hat oder welche Länder überhaupt nicht daran beteiligt waren. Dieser chronologische Ansatz ist natürlich wichtig, jedoch unseres Erachtens nicht genug. In unserem E-Book schlagen wir nun vor, darüber hinaus auch noch zu schauen, wie wir alle dadurch profitieren konnten.

Zum Beispiel?

Durch die Wahrnehmung von Raum und Zeit. Heute schätzen wir Menschen, die einen Zeitplan respektieren. Pünktlichkeit ist jedoch erst nach der Industriellen Revolution zu einer positiven Eigenschaft geworden. In der bäuerlichen Gesellschaft davor, in der sich die Menschen nach Sonnenauf- und Sonnenuntergang gerichtet hatten, war es dagegen völlig egal, ob man eine halbe Stunde früher oder später kam.

Ein weiteres Kapitel Ihres E-Books heißt "Europe and the world". Warum wollen Sie über die gemeinsame innereuropäische Geschichtsschreibung noch hinausgehen?

Um den Blickwinkel zu erweitern, der einer globalisierten Welt gerecht wird. So haben wir für unser Projekt nicht nur mit Experten aus Europa zusammengearbeitet, sondern beispielsweise auch mit Historikern aus China, Indien, den USA und Mozambique. Es war sehr spannend zu sehen, wie Europa im Laufe der Zeit von außen wahrgenommen wurde. Für China zum Beispiel war Europa bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts ein exotischer, nicht entwickelter Kontinent. Erst mit der Aufklärung hat China begonnen, das kulturelle Erbe Europas neu zu bewerten.

Interview: Ruth Hutsteiner, science.ORF.at

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