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Menschen vor TV-Bildschirmen

"Verständigung in Zeiten der Globalisierung"

Die Gesellschaft wird immer vielfältiger - nicht nur, was die Herkunft ihrer Mitglieder betrifft, sondern auch hinsichtlich des Medienangebots und dessen Nutzung. Eine Hauptaufgabe für öffentlich-rechtliche Medien sei deshalb, Angebote zum kreativen Umgang mit dieser Vielfalt zu machen - und dabei alle Kanäle zu nützen, meint Barbara Thomaß.

Öffentlich-rechtliche Medien 23.04.2014

Vielfalt in den und für die Migrationsgesellschaften zu leben und damit zu einem kulturellen Fundament der Verständigung beizutragen - darum müssten sich öffentlich-rechtliche Medien in Zeiten der Globalisierung kümmern, schreibt die Medienwissenschaftlerin in ihrem Gastbeitrag.

Wie wichtig sind öffentlich-rechtliche Medien im digitalen Zeitalter?

von Barbara Thomaß

Barbara Thomaß

Zur Autorin:

Barbara Thomaß ist Professorin am Institut für Medienwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum. Ihre Forschungsschwerpunkte sind der internationale Vergleich von Mediensystemen, internationale Kommunikation, Mediensysteme in West- und Osteuropa, europäische Medienpolitik, Medienethik und journalistischer Ethik. Sie ist Mitglied des ZDF-Verwaltungsrates, der European Media Research Group, Vorstandsvorsitzende der Akademie für Publizistik in Hamburg sowie Gründungsmitglied des Netzwerkes Medienethik.

ORF Dialogforum:

Der durch Google, Apple und Co veränderten Mediennutzung und ihrer Bedeutung für journalistische Qualitätsstandards widmet sich ein vom ORF organisiertes DialogForum am 23. April 2014. Zusätzlich präsentiert der ORF als Teil seines "Public-Value-Berichts" die Kommentare und Perspektiven von 35 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus allen EU-Staaten im Heft "Texte 13" - darunter auch der Langbeitrag von Barbara Thomaß.

Öffentlich-rechtliche Medien in einer globalen Perspektive zu denken, heißt, sich zu vergegenwärtigen, woher sie kommen, und welche Anforderungen sich im Zuge von Globalisierungsprozessen stellen. Jeder öffentliche Rundfunkveranstalter in Europa und in der Welt ist unter spezifischen sozialen, politischen und kulturellen Bedingungen entstanden. Diese haben die Unterschiede begründet, die wir in der Vielfalt der öffentlichen Sender und ihrer Ausprägungen weltweit finden.

Ihr Auftrag und die jeweilige Sprache sind die Bereiche, in denen die nationale Reichweite öffentlicher Medien immer noch fortdauernd sind – abgesehen von den Kleinstaaten, in denen der Overspill größerer Nachbarstaaten empfangen wird wie in Österreich, der Schweiz oder Irland. Allerdings können wir in den Bereichen vom Recht – man bedenke den Einfluss der EU-Medienpolitik – und der Kultur allenthalben Entgrenzungsprozesse beobachten. So sind das nationale Verständnis und die Reichweite öffentlicher Medien immer noch prägend für ihre Leistungen. Aber Prozesse der Internationalisierung, Transnationalisierung und Globalisierung erfordern, diesen begrenzten Auftrag in Frage zu stellen.

Interkulturelle Kompetenz

Ein Aspekt solcher Entgrenzungsphänomene ist, dass alle Gesellschaften mittlerweile mehr oder minder Migrationsgesellschaften sind. Migration, Einwanderung, kulturelle Vielfalt und die Erfahrung von Fremdheit im unmittelbaren Umfeld sind konstitutiv für moderne Gesellschaften. Dies gilt auch für Österreich, das als Einwanderungsland auf Migranten und Migrantinnen angewiesen ist, um die künftigen demographischen Herausforderungen zu bewältigen.

Um das Potenzial, das Menschen mit Migrationsgeschichte für die Wirtschaftskraft eine Landes und für dessen gesellschaftliche Weiterentwicklung mitbringen, zu nutzen, ist eine Willkommenskultur notwendig, die Fremdheit und kulturelle Vielfalt nicht nur als Normalität akzeptiert sondern auch dazu anregt, Pluralismus und Diversität bewusst zu leben. Zuwanderung zu gestalten und ihre Akzeptanz zu fördern, ist ein Zukunftsprojekt.

Nach der medialen Aufbereitung dieser Themen und der interkulturellen Kompetenz, dies zu tun, besteht ein großer gesellschaftlicher Bedarf. Öffentlich-rechtliche Medien haben sich kulturelle Vielfalt als ein wichtiges Anliegen ihres Programmauftrages gesetzt; sie streben danach – einen breiten Kulturbegriff zugrunde legend – Kulturbegegnungen in einer globalisierten Gesellschaft als Bestandteil des Alltäglichen darstellen, Kultur als zentrales Verbindungselement von Individuen und Gruppen zu thematisieren und damit Programme und digitale Angebote gegen Stereotypisierungen und monoperspektivische Betrachtungsweisen zu liefern.

Neue Interpretation

Sie können das Bewusstsein über den Beitrag der kulturellen Vielfalt zur Entwicklung der Gesellschaft erweitern und das Verständnis und die Akzeptanz der kulturellen, sprachlichen, religiösen und ethnischen Vielfalt der Bürgerinnen und Bürger in ihrem jeweiligen Land fördern. Medien können eine wichtige Rolle bei der Reduktion von Vorurteilen, Stereotypen und Diskriminierung spielen, weil sie in der Lage sind, individuelle Begegnungen mit Vertretern anderer Kulturen bis zu einem gewissen Grad zu ersetzen und Themen der Migration und der kulturellen Vielfalt ihren Rezipienten nahe zu bringen. Diesen Auftrag haben öffentlich-rechtliche Medien und sie kommen ihm nach - wenn auch noch nicht in ausreichendem Maße. So tragen sie zu zivilgesellschaftlicher, sozialer und kultureller Integration bei.

Kulturelle Vielfalt ist in modernen Gesellschaften sowohl eine Realität und ihre Akzeptanz ist eine Notwendigkeit. In einer Zeit, in der Medien wie die politischen Institutionen – und in jüngerer Zeit auch wie die Finanzinstitutionen – eine Krise des Vertrauens und der Glaubwürdigkeit erfahren, sind Initiativen erforderlich, die den Zusammenhalt der sich fragmentierenden Gesellschaften stärken.

Stellt man dies in Rechnung und berücksichtigt man, dass Integration ein wichtiger fundamentaler Auftrag öffentlich-rechtlicher Medien ist, so lässt sich argumentieren, dass dieser Auftrag in einer globalisierten Gesellschaft erneuert, neu interpretiert und implementiert werden muss. Öffentlich-rechtliche Medien können Vielfalt in den und für die Migrationsgesellschaften leben und tragen damit zu einem kulturellen Fundament der Verständigung im Zuge der Globalisierung bei.

Online Leuchttürme schaffen

Um diese Vielfalt als Normalität zu etablieren, sind interkulturelle Informationen, Unterhaltung und Bildung notwendig, die die Interessen von Minderheiten mit denen von Mehrheiten verschränken. Orientierung zu geben in einer unübersichtlichen Welt, interkulturelle Kompetenzen durch Wissen über andere Kulturen zu vermitteln, Horizonte zu eröffnen und Perspektiven zu verschränken – das können öffentlich-rechtliche Medien, wenn sie den Integrationsauftrag ernst nehmen.

Dass ein solcher Auftrag nicht mit den Technologien von einst zu leisten ist, sondern sich aller Plattformen bedienen muss, die im Rahmen der online-vermittelten Kommunikation zu Verfügung stehen, versteht sich von selbst. Öffentlich-rechtliche Internet-Angebote zu stärken, heißt Leuchttürme zu schaffen, an denen sich die User im Meer der kommerziell ausgerichteten Inhalte orientieren können.

Dass sie das tun, zeigen Studien, die den Zulauf zu öffentlichen Nachrichtenangeboten im Netz in nachrichtenintensiven Zeiten belegen. Aber auch Studien, nach denen Länder mit starken öffentlichen Medien auch einen qualitätsvolleren kommerziellen Sektor haben als solche mit schwachen Sendern, zeigen das Potential öffentlich-rechtlicher Medien auch im Online-Sektor.

Veränderungen bewältigen

Öffentlich-rechtliche Medien müssen alle verfügbaren Plattformen und Technologien nutzen, damit ihre Rezipienten und User ihren Horizont jenseits der ihnen vertrauten Angebote erweitern können. Dass dies möglich ist, hängt natürlich stark vom regulativen Rahmen der Medienpolitik ab. Regeln für die Netzneutralität und die Sichtbarkeit öffentlich-rechtlicher Angebote sind hier das wegweisende Stichwort.

Die gegenwärtigen Gesellschaften werden zunehmend von der Globalisierung geprägt. Die damit einhergehende Schwächung sozialer und ökonomischer Solidarität wird sich fortsetzen, und die Bevölkerung wird noch pluraler und fragmentierter. In diesem Kontext wird der Bedarf nach den Leistungen öffentlich-rechtlicher Medien größer denn je, weil sie den Menschen Angebote machen können, wie diese Veränderungen und auf welchen gemeinsamen Grundlagen sie zu bewältigen sind. Öffentlich-rechtliche Medien müssen sich im digitalen globalen Zeitalter diesen Herausforderungen stellen. Und: Man muss es ihnen möglich machen.

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