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Das Denkmal "Der Denker" von Auguste rodin

Besser handeln mit Kant und Hegel

Immanuel Kant und Georg Wilhelm Friedrich Hegel sind zwar schon lange tot. Die beiden Philosophen können aber heute noch zur Lösung ethischer Probleme beitragen. Bezogen etwa auf Umweltschutz zeigen sich ihre Unterschiede: Während Kant an das moralische Gesetz "in uns" appelliert, vertraut Hegel eher dem sanften Druck des Staats.

Philosophie 24.04.2014

Welche ethischen Lektionen die beiden heute noch liefern, erklärt der deutsche Philosoph Pirmin Stekeler-Weithofer im science.ORF.at-Interview.

science.ORF.at: Verzeihen Sie, dass ich mit einer persönlichen Frage beginne, aber: Lügen Sie mitunter im Alltag?

Pirmin Stekeler-Weithofer: Das ist schwierig zu beantworten. Es heißt ja immer: Man darf nicht lügen. Ich find das ein bisschen zu streng. Denn es gibt Situationen, in denen der, der fragt, gar kein Recht hat auf eine Antwort.

Porträtbild des Philosophen Pirmin Stekeler-Weithofer

Universität Leipzig

Pirmin Stekeler-Weithofer ist Professor für Theoretische Philosophie an der Universität Leipzig.

Veranstaltung:

Vom 23. bis 26. April 2014 findet in Wien der 30. Internationale Hegel-Kongress der Internationalen Hegel-Gesellschaft und der Universität Wien statt.

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Wann etwa?

Als Bill Clinton gefragt wurde, ob er Sex mit Monica Lewinsky hatte: Ich denke, die Fragenden hatten kein Recht, ihn das zu fragen. Insofern hätte er ruhig mit "Nein" antworten können.

Kennen Sie das auch aus Ihrem eigenen Leben?

Natürlich. Die wenigsten Leute wissen aber, dass man, wenn man jemandem eine Frage stellt, ihn damit auch unter Druck setzt. Manchmal kann man sich nicht anders wehren als mit einer Notlüge. Das wird oft als ein Herausreden missverstanden. In Wirklichkeit ist es etwa bei Politikern oft eine Zumutung, was gefragt wird.

Gut, dann weg von der Zumutung, hin zur prinzipiellen Frage nach ethischem Verhalten: Empirisch überprüfen lässt sich dieses mit den zuletzt sehr beliebten Beispielen der Spieltheorie, etwa dem Gefangenendilemma. Halten Sie das für sinnvoll?

Ich halte das nicht für empirische Überprüfungen, sondern für die Beschreibung von Situationen, die wir aus dem Alltag sehr gut kennen. Dazu bräuchte man die ganze Spieltheorie nicht. Es sind Situationen, in denen wir es meistens besser hätten, wenn wir den anderen vertrauen und mit ihnen zusammenarbeiten würden. Aber weil wir wissen, dass die anderen Filous oder Trittbrettfahrer sind, kommen wir zu dieser Idee, dass der Tugendhafte immer der Dumme ist. In der Praxis tendieren wir dann etwa dazu, keine Steuern zu bezahlen, weil die anderen es ja auch nicht tun. "Cosi fan tutte." Diese Haltung wird von den Spieltheoretikern bloß formal dargestellt.

Ein Beispiel?

Klima- oder Umweltschutz. Wir wissen natürlich alle, was wir tun müssten, damit die Welt schöner wird: alles aufräumen, wenn da Dreck rumliegt. Oder dass man nicht so viel Kohlendioxid in die Luft jagen soll. Aber jeder denkt "Warum soll ich das machen? Die anderen tun es ja auch nicht!" Ich vertraue nicht in die bloßen moralischen Appelle: Die sind billig, die ganzen Zeitungen sind voll damit. Die Leute brauchen auch ein bisschen einen Schubser, etwa über Steuern, oder einen Anreiz, denn sonst werden wir z.B. den Klimawandel nicht in den Griff kriegen. Ich denke: Die Leute liegen halt gerne so, wie sie sich betten. Freiwillig macht niemand etwas.

Der Kategorische Imperativ Kants: "Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne."

Sie sind zu Gast bei einem großen Hegel-Kongress in Wien und sprechen dabei über die Ethiken von Kant und Hegel. Die Überlegungen des Ersteren gipfeln in seinem berühmten Kategorischen Imperativ. Davon gibt es eine Reihe von Formulierungen - darf man sie folkloristisch vereinfachen als "Was du nicht willst, dass man dir tu’, das füg’ auch keinem anderen zu"?

Diese Goldene Regel geht schon auf Konfuzius zurück. Das ist die einfachste Formel, die jeder verstehen kann. Wenn ich nicht gehaut werden will, soll ich auch andere nicht hauen: Das kann man auch Kindern beibringen. Kant selbst sagt, dass sein Kategorischer Imperativ viel allgemeiner ist. Er betrifft z.B. auch die Art und Weise, wie ich mit mir selbst umgehen soll - also so, dass die Form, wie ich das tue, auch allen anderen zu empfehlen ist. Dennoch würde ich die Goldene Regel verteidigen und als Grundform des Kategorischen Imperatives bezeichnen - die kannten alle, sie steht in der Bibel, bei Platon usw.

Worin liegt der Hauptunterschied dieses Gedankens zu Hegels Ethik?

Die beiden sind nicht weit auseinander in der Kritik an einer Moral, die von Gott erlassen sei. Schon Kant will die Moral vom Himmel auf die Erde zurückholen. Er macht darauf aufmerksam, dass wir alle wissen, dass Kooperation besser ist, als wenn jeder alleine vor sich hin wurschtelt. Die Auszahlungsmatrix, wie es unsere Spieltheoretiker nennen, ist schlechter, wenn wir gegeneinander handeln. Kant meint ein bisschen pathetisch: Es gibt ein moralisches Gesetz in uns, das uns sagt, was wir eigentlich tun müssen, um gut zu sein. Und genau das mache den Menschen aus. Hegel hingegen war ein schwäbischer Realist. Er sagt: Das stimmt schon, reicht aber nicht aus. Insbesondere dann nicht, wenn man - wie Kant - am Schluss seiner Religionsphilosophie den Leuten wieder empfiehlt, an Gott zu glauben, weil in der Welt der Tugendhafte dann leider doch oft der Dumme ist. Also müssten wir an Gott glauben, der die ausgleichende Gerechtigkeit bringt. Hegel wird ziemlich böse, wenn er das beschreibt. Er nennt es "moralische Weltanschauung", wenn Leute sich beklagen, wie Kant oder Voltaire, dass Lissabon in einem Erdbeben untergeht, obwohl die Leute dort so fromm waren.

Aber selbst ohne Gott und nur mit dem Kategorischen Imperativ: Weil wir einsehen, dass kooperieren besser ist für alle, müssten das doch alle zur Grundregel ihres Verhaltens machen - also alle kooperieren?

Sicher, deshalb würde Hegel auch sagen: Kant hat schon gesehen, dass das Moralprinzip dafür sorgt, dass wir besser leben würden, wenn wir uns daran halten würden. Wenn wir uns nicht daran halten, liegt es daran, dass wir moralisch schwätzen, aber das Gegenteil tun. Und die Analyse ist völlig richtig, und Hegel stimmt Kant zu. Wo er nicht zustimmt, ist, dass das ausreicht für ethisches Handeln.

Es geht um den Unterschied zwischen Reden und Tun?

Das ist bei Kant so. Die Leute sind inkohärent - beim Reden sind sie ganz fromm, aber sie handeln ganz anders. Kant übertreibt es, indem er sagt: Die Neigung des animalischen Lebens verführt uns dazu. Während Hegel meint: Nein, es liegt nicht am Tierwesen in uns, das uns schlecht macht, sondern im Gegenteil - es ist unsere instrumentelle Vernunft, es ist der Homo rationalis, der unsere Lage auf Kosten der anderen verbessern will. Hegel sieht aber noch etwas anderes über Kant hinaus: Nämlich, dass es selbstgerechte Leute gibt, die tatsächlich das tun, was sie reden, aber gar nicht fragen, ob das die anderen überhaupt wollen. Hegel sagt zu Kant: Dein Prinzip ist ganz nett, aber es schließt den selbstgerechten Menschen nicht aus.

Wie zum Beispiel?

Hegel denkt v.a. an Robespierre, der aller Welt zeigt, wie tugendhaft oder sparsam er ist, aber in Wirklichkeit nur verlangt, dass alle nach seiner Façon selig werden.

Man kann also sehr konsequent sein beim Reden und Tun und dennoch Schlechtes tun?

Ja, und auch dabei unterscheidet sich Hegel von Kant. Für Kant war es radikal böse, dass wir bloß unserem Egoismus folgen. Hegel hielt das zwar auch für schlecht, meinte aber, dass diese Leute wenigstens wissen, dass sie Trittbrettfahrer sind. Sie anerkennen eigentlich, dass sie bezahlen sollten. Richtig schlecht seien die Leute, die glauben, den anderen Gesetze geben zu können - das sind zumeist ganz fromme Leute, die glauben, dass alle selig werden sollen wie sie selbst - die sind bei Hegel die eigentlich Bösen.

Kant und Hegel: Welchen der beiden würden sie für die ethischen Probleme der Gegenwart eher empfehlen?

Das ist eine schwierige Frage. Wenn es um Ehrlichkeit und Redlichkeit der Einzelperson geht, ist Kant die Adresse, weil er darauf aufmerksam macht, dass wir schon ein ganzes Stück weiter sind, wenn wir so handeln, wie wir reden. Wenn es aber um die Frage der Umsetzung der schwierigen Aufgaben in der Welt geht, reichen die frommen Appelle "Seid doch konsequent" nicht aus. Insofern tendiere ich zu Hegel. Er meint, dass wir ohne kollektive und auch mit Sanktionen begleitete Handlungen die Probleme in der Welt nicht lösen werden. Das geht nur mit dem, was er Staat nennt. Er meint damit nicht die Regierung, sondern den gesamten institutionellen Rahmen, in dem wir alle möglichen Mächte, Gewalten usw. anerkennen, auch die ökonomischen. Im Unterschied zu Kant traut Hegel einer bloß moralinsauren Tugend ganz wenig zu, da ist er viel moderner als Kant.

Es reicht also nicht aus, beim Umweltschutz etwa an die gute Tat der Einzelnen zu appellieren?

Nein. In der Vergangenheit wurde viel über die Emissionsrechte diskutiert: Das war die Umsetzung der Einsicht, dass man dafür zahlen muss, wenn man Kohlendioxid in die Luft jagt. Dass das im Moment nicht funktioniert, heißt nur, dass manche der positiven ökonomischen Anreize nicht funktionieren. Der Ansatz aber ist unumstritten: Nur so geht es. Das gleiche gilt für den Schutz von Urwäldern. Nur wenn die reichen Länder willens sind, den Leuten etwa in Borneo eine Kompensation zu zahlen, damit sie ihre Wälder nicht abbrennen, wird das funktionieren. Ohne Organisationen, die Umweltschutz dann auch machen, schaffen wir gar nichts. Diese Lektion liefert Hegel, nicht Kant.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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