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Forscher blickt auf Käfig mit Mäusen

Mäuse mögen keine Männer

Kuriose Erkenntnis mit möglicherweise weitreichenden Konsequenzen: Laut einer Studie löst die Anwesenheit männlicher Wissenschaftler bei Mäusen und Ratten Stress aus. Das könnte die Ergebnisse von Tierversuchen verzerren.

Störender Beobachter 28.04.2014

Maus und Ratte sind im Bereich der Biomedizin die mit Abstand wichtigsten Versuchstiere. Die Frage ist allerdings, ob derlei Versuche auch auf den Menschen übertragbar sind. Nagetiere sind uns zwar ähnlich, genetisch betrachtet sogar sehr ähnlich, aber manchmal fallen eben auch feine Unterschiede ins Gewicht. Weswegen Forscher etwa in der Krebsforschung dazu übergegangen sind, Mäuse künstlich zu "humanisieren". Sie bauen ihnen menschliche Immungene ins Erbgut ein, auf dass die Maus dem Menschen noch ähnlicher werde.

Die Studie

"Olfactory exposure to males, including men, causes stress and related analgesia in rodents", Nature Methods (doi: 10.1038/nmeth.2935; 28.4.2014).

Ö1 Sendungshinweis:

Über die Studie berichtete auch "Wissen Aktuell" am 29. April 2014 um 13.55 Uhr.

Einen feinen Unterschied anderer Art haben nun Wissenschaftler um Jeffrey S. Mogil von der McGill University in Montreal entdeckt. "Forscher flüstern einander auf Konferenzen schon seit geraumer Zeit zu, dass Labormäuse ihre Anwesenheit bemerken würden - was wiederum die Versuchsergebnisse verändern könnte", erzählt Mogil. "Aber dieser Effekt wurde bisher nie direkt nachgewiesen."

Verantwortlich: Pheromone im Schweiß

Genau das ist Mogil nun geglückt. Er fand heraus, dass die Anwesenheit männlicher Forscher bei Mäusen und Ratten für Stress sorgt. Und zwar nicht zu knapp: Wie Mogil in seiner Studie schreibt, waren die Versuchstiere ähnlich gestresst, wie wenn sie 15 Minuten in eine Röhre gesperrt oder gezwungen wurden, drei Minuten zu schwimmen. Das könnte in vielerlei Hinsicht die körperlichen Reaktionen verändern. Bewiesen ist: Die Aufregung setzte das Schmerzempfinden der Versuchstiere messbar herab.

Warum sind gerade männliche Forscher für Maus und Ratte ein Problem und Frauen nicht? Laut Mogils Versuchen liegt es an der Ausdünstung. Die im männlichen Schweiß enthaltenen Pheromone sorgen bei Labortieren offenbar für Unruhe, wie der T-Shirt-Test beweist. Zogen Wissenschaftlerinnen gebrauchte Leibchen von Männern an, reagierten die Versuchstiere ebenfalls mit Stress.

Was bedeutet, dass sich in diesem Fall die - an sich erwünschte - Ähnlichkeit zwischen Mensch und Maus nachteilig auswirkt. Besäßen die Nager andere chemische Botenstoffe als wir es tun, hätte der Forscherschweiß auch keinen Einfluss.

"Faktor bisher nicht berücksichtigt"

"Unsere Versuche legen nahe, dass es am Geschlecht von Wissenschaftlern liegen könnte, wenn sich Tierversuche nicht reproduzieren lassen", sagt Robert Sorge, der Erstautor der Studie. "Dieser Faktor wurde bisher im Methodenteil von wissenschaftlichen Untersuchungen nicht berücksichtigt."

Ob derlei Verzerrungen an der Praxis nur wenig ändern oder dadurch gar die halbe Biomedizin ins Wanken geraten wird, vermag Jeffrey Mogil noch nicht zu sagen. "Die Konsequenzen werden erst in Zukunft klar werden. Weder ich noch jemand anderes kann das zum gegenwärtigen Zeitpunkt abschätzen", sagt der Genetiker gegenüber science.ORF.at. Seine Empfehlung: "In Zukunft sollte man in Studien besser das Geschlecht der Experimentatoren angeben."

Robert Czepel, science.ORF.at

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