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Silhouette von Männern mit Hut im Gegenlicht

Seit 200 Jahren: Der "heimliche Jude"

Im 19. und 20. Jahrhundert entwickelte sich unter der Bezeichnung "Mimikry" die Vorstellung, Juden und Jüdinnen würden sich zwar äußerlich an die Gesellschaft anpassen, in der sie lebten, ihr heimlich aber Schaden zufügen. Einer der Vorreiter dieser antisemitischen Idee war der Schriftsteller Achim von Arnim.

Germanistik 02.05.2014

In einer 1811 gehaltenen Rede führte der Spätromantiker die Ideen des "heimlichen Juden" und seiner Gefährlichkeit aus, wie die Germanistin Katharina Krčal in einem Gastbeitrag erinnert.

Der antisemitische Diskurs der "jüdischen Mimikry"

Von Katharina Krčal

Porträtbild der Germanistin Katharina Krčal

IFK

Katharina Krčal ist Doktorandin am Institut für Germanistik der Universität Wien und derzeit Junior Fellow am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften (IFK) in Wien.

Veranstaltungshinweis:

Am 5.5. hält Katharina Krčal einen Vortrag mit dem Titel "Das Unheimliche des 'Heimlichen Juden' - Achim von Arnims Rede 'Ueber die Kennzeichen des Judenthums'".

Ort: IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften, Reichsratsstraße 17,
1010 Wien; Zeit: 18 Uhr c.t.

Literatur:

Anti-Defamation-League (ADL) (Hg.): Attitudes Towards Jews in Seven European Countries, New York 2009, S. 16 [online unter: www.adl.org]

Arnim, Achim von: Ueber die Kennzeichen des Judenthums. In: Stefan Nienhaus (Hrsg.): Texte der deutschen Tischgesellschaft (Achim von Arnim. Werke und Briefwechsel. Historisch-kritische Ausgabe Bd 11). Tübingen 2008, S. 107 - 130.

Brodkorb, Mathias: Vom Verstehen zum Entlarven. Über "neu-rechte" und "jüdische Mimikry" unter den Bedingungen politisierter Wissenschaft. In: Jahrbuch Extremismus & Demokratie 22 (2009), S. 32 - 64.

Erdle, Birgit: "Über die Kennzeichen des Judenthums": Die Rhetorik der Unterscheidung in einem phantasmatischen Text von Achim von Arnim. In: German Life and Letters 49 (1996), S. 149 - 158.

Frühwald, Wolfgang: Antijudaismus in der Zeit der deutschen Romantik. In: Hans Otto Horch und Horst Denkler (Hrsg.) Conditio Judaica. Judentum, Antisemitismus und deutschsprachige Literatur vom 18. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg. Interdisziplinäres Symposion der Werner-Reimers-Stiftung Bd. 2. Tübingen 1989, S. 72 - 91.

Gottschlich, Maximilian: Die große Abneigung. Wie antisemitisch ist Österreich? Kritische Befunde zu einer sozialen Krankheit. Wien 2012.

Antisemitismus ist keine Sache der Vergangenheit. Gerade in Krisenzeiten scheint der Antisemitismus eine erneute Konjunktur zu erleben. Österreich rangiert in den Umfragen bei den Zustimmungsraten zu antisemitischen Aussagen regelmäßig im oberen Drittel. So meinen etwa laut einer Erhebung der Anti-Defamation-League 43 Prozent der Österreicher, dass Juden schuld an der weltweiten Finanzkrise wären. In diesem Wert wird Österreich nur noch von den Ungarn übertroffen (46 Prozent).

"Über Antisemitismus beabsichtige ich nicht viel zu sagen. Ich kann ihn mir nicht erklären, höchstens ihn beschreiben. Ich halte ihn für eine Pornographie des westlichen Geistes." So urteilt Leonard H. Ehrlich über den Antisemitismus, einer der vielen, die 1939 aufgrund ihrer jüdischen Herkunft emigrieren musste. Ob man sich den Antisemitismus erklären könne, war Gegenstand zahlreicher philosophischer Debatten, von Theodor Adorno und Max Horkheimer über Hannah Arendt bis zu Jean Paul Sartre.

Vergleichsweise Einigkeit herrscht darüber, dass man den Antisemitismus in seinen Strukturen, seinen Ausprägungen, Funktionen und Wirkungsweisen beschreiben kann. Das zu tun ist Aufgabe der Antisemitismusforschung, in die sich mein Forschungsprojekt einreiht.

Mimikry: Die Kunst der Anpassung

In meiner Arbeit steht ein zunächst scheinbar randständiges Phänomen im Zentrum der Analyse, das allerdings für den Antisemitismus des 19. und 20. Jahrhunderts von äußerster Relevanz sein sollte: das antisemitische Stereotyp der "jüdischen Mimikry". Der aus dem zoologischen Bereich übernommene Begriff der Mimikry, der auf angebliche jüdische Fähigkeiten zur Verstellung, Anpassung und Täuschung abzielt, stand erst im frühen 20. Jahrhundert zur Verfügung.

Die Basis für diese Begriffsübertragung aus der Insektenforschung auf die Juden bilden allerdings Phantasien von den jüdischen Nachahmungs- und Verstellungspraktiken, die schon in Texten des 19. Jahrhundert formuliert werden. Ein solcher Text soll im Folgenden vorgestellt werden.

Der "heimliche Jude" bei Achim von Arnim

Als Anfang des 19. Jahrhunderts, als die Akkulturation der Juden und Jüdinnen an die christliche Gesellschaft nach und nach zum Massenphänomen wurde, erzielten auch die Bemühungen um die rechtliche Gleichstellung der Juden und Jüdinnen die ersten zunächst noch stockenden Fortschritte. In dem Moment, als sich etwa 1811 in Preußen die rechtliche Gleichstellung der Juden am historischen Horizont abzuzeichnen begann - sie sollte schließlich 1812 durch die Hardenberg'schen Reformen verwirklicht werden -, hielt Achim von Arnim im französisch besetzten Berlin eine judenfeindliche Rede vor der christlich-deutschen Tischgesellschaft.

Die Gesellschaft schloss selbst getaufte Juden kategorisch aus. Zentrales Motiv der Rede Arnims mit dem Titel "Ueber die Kennzeichen des Judenthums" ist die Befürchtung, im Zuge der Assimilation könnten eben diese "Kennzeichen" verschwinden. Arnims Rede bezieht sich auf Texte des frühen 18. Jahrhunderts und beschwört zahlreiche, lang tradierte antijudaistische Motive und Stereotype theologischer Prägung herauf. Das spezifisch Moderne der satirischen Rede Arnims liegt allerdings in der Figur des "heimlichen Juden", dessen "Gefährlichkeit" laut Arnim darin besteht, sein Judentum zu verbergen.

Juden und Jüdinnen sahen sich seit der Aufklärung mit einem Double-Bind konfrontiert: Die aufklärerische Haltung gegenüber Juden sah eine kompromisslose Assimilation im Austausch gegen rechtliche Besserstellung vor. Der Erfolg der jüdischen Bevölkerung in ihren Assimilationsbemühungen wurde ihr jedoch bald zum Vorwurf gemacht: Ihr wurde vorgehalten, sie versuchte sich einzuschleichen.

Imaginierte Gewalt, sprachliche Brutalität

Bei den im weiteren Verlauf von Arnims Rede vorgestellten Versuchen zur Feststellung der "Kennzeichen" der Juden geht es darum, angesichts der Wahrnehmung wachsender Ähnlichkeiten, die sich im Laufe des Assimilationsprozesses einstellen, die "wesensmäßige" Differenz der Juden von den Deutschen zu wiederherzustellen. Das soll mittels im parodistischen Gestus beschriebenen "wissenschaftlichen Experimenten" geschehen.

In einem gedanklichen "Experiment", das an imaginierter Gewaltsamkeit und sprachlicher Brutalität kaum zu überbieten ist, soll etwa ein von Arnim so genannter "reiner Jude" durch den Prozess chemischer Analyse gewonnen werden.

Die als Bestandteil des chemisch zersetzten Juden aufgelisteten "4 Theile Christenblut heimlich durch sündliche Vermischung gewonnen", werden durch ebenso viele Teile Geld ersetzt. Mit der Ersetzung des christlichen Blutes im Körper des "reinen Juden" durch das abstrakte Notationssystem Geld verweist Achim von Arnim weniger auf alte Stereotype des Wucherjuden, sondern folgt vielmehr der "Tendenz zur Allegorisierung des modernen Geldwesens" (Frühwald) in der Gestalt des "heimlichen" oder auch "imaginären Juden" (Erdle).

Vorbote des modernen Antisemitismus

Hinter der scherzhaften Präsentation dieses "Experiments" zeichnet sich jedoch die im negativen Sinne durchaus zukunftweisende Utopie der Herstellung naturwissenschaftlich exakter Trennung des Jüdischen vom Christlichen/Deutschen und damit der Traum von der Produktion ethnischer Homogenität ab. Damit weist der Text schon in Richtung des rassistischen Antisemitismus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Erscheint dieser Vorwurf des "Einschleichens" bei Achim von Arnim noch in satirischer Form, so produzierte die Angst vor dem "heimlichen", nicht mehr identifizierbaren Juden mit Fortschreiten des 19. Jahrhunderts zunehmend düstere und dämonische Bilder eines gefährlichen, die Grundfesten der christlichen Gesellschaft unbemerkt unterwandernden Fremden. Im NS-Staat schließlich spielte der Diskurs der "jüdischen Mimikry" eine wesentliche Rolle in der antisemitischen Propaganda.

Gegenwärtige Verschwörungstheorien

Die Untersuchung der historischen Ausformungen des Antisemitismus kann helfen, auch aktuelle Phänomene verstehen. So dienen Vorstellungen von einer "jüdischen Weltverschwörung", von der Macht der Hintermänner an der US-Ostküste - häufig ein Code für angeblich jüdische Drahtzieher - gerade heutzutage als verkürzte, personalisierte Interpretationsmuster für die komplexen und vielschichtige Vorgänge, die unter dem Stichwort Globalisierung zusammengefasst werden.

Die Idee einer unsichtbaren Verschwörung, von einer unerkannten kleinen Gruppe, die im Hintergrund die Fäden zieht, spielen in jenen Phantasien eine zentrale Rolle, die auch den Vorstellungen vom "unsichtbaren Juden" zu Grunde liegen.

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