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Ein Mann steht hinter Gittern, man sieht nur seine Füße

Mit Philosophie gegen die Todesstrafe

Die US-Philosophin Judith Butler ist eine der schillerndsten Figuren im akademischen Betrieb. Als Gender-Theoretikerin gefeiert und umstritten hat sie sich diese Woche mit der Todesstrafe auseinandergesetzt. Wie man trotz verständlichen Rachewunsches und Freud'schen Todestriebes dagegen argumentieren kann, hat sie an der Uni Wien gezeigt.

Judith Butler 09.05.2014

Butler wurde bei ihrem erst zweiten Vortrag überhaupt in Wien fast wie ein Popstar gefeiert. Ein übervolles Audimax an der Uni Wien, dazu gleich drei Hörsäle, in die die Veranstaltung live per Videostream übertragen wurden, und große Unruhe, als ihre Vorredner und Vorrednerinnen nicht zum Ende kommen wollten: Dieser Grad an gespannter Vorfreude ist in der akademischen Welt sehr selten geworden, zumal in Österreich.

Judith Butler ist Professorin am Department für vergleichende Literaturwissenschaft an der University of California, Berkeley, und ebendort Gründerin des Programms für Kritische Theorie.

Sigmund Freud Lecture:

Anlässlich des Geburtstags von Sigmund Freud am 6. Mai 1856 findet alljährlich die Sigmund Freud Lecture statt. Judith Butler widmete sich im Rahmen der 41. Ausgabe dem Thema "Politik des Todestriebs. Der Fall der Todesstrafe. Veranstalter sind die Sigmund Freud Foundation und die Universität Wien.

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Kritiker und Kritikerinnen ihrer Positionen wie anderswo - etwa wegen umstrittener Äußerungen zu Israel und Zionismus - waren in Wien nicht zu sehen oder hören. Ihrem - sehr jungen und sehr weiblichen - Publikum schenkte Butler dennoch nichts. Höchste Konzentration war gefordert, um ihrem Parforce-Ritt durch die Geschichte von Grausamkeit und Bestrafung zu folgen.

Befürworter und Gegner der Todesstrafe ähnlich

Ihren - wohl in Hommage an Sigmund Freud - auf Deutsch gehaltenen Vortrag begann sie mit Bezug auf Jacques Derrida. Vor kurzem ist ein Buch des vor zehn Jahren verstorbenen, französischen Philosophen auf Englisch erschienen, in dem er versucht, die Todesstrafe "philosophisch durchzudenken". Der Postmoderne kommt dabei auf die - nicht nur auf den ersten Blick - verschrobene Idee, dass Befürworter und Gegner der Todesstrafe irgendwie gleich grausam seien.

Zitat Derrida: "Die Figur der Abschaffung ist die eines Todes der Todesstrafe." Mit Verweis auf Friedrich Nietzsche, der von einer primären Grausamkeit des Menschen ausgegangen ist, erläuterte Butler dialektisch: "Das Verbot aggressiven Handelns ist ein aggressiver Akt auf die Aggression, der gerade im Versuch die Aggression auszulöschen, diese paradoxerweise bewahrt und sogar verdoppelt." Und nochmals Derrida: "Grausamkeit durch eine vermeintliche Nicht-Grausamkeit zu überwinden (z.B. Todesstrafe durch lebenslange Haft, Anm.), wäre lediglich eine Überwindung in der Grausamkeit."

Judith Butler in Wien

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

Judith Butler im Audimax der Universität Wien

Was das genau heißt? Butler hat wenig Mühe unternommen, das anschaulich zu machen. Am ehesten damit, dass laut Derrida die Gegner der Todesstrafe den "sadistischen Genuss" der Rache bei lebenslang Inhaftierten im Vergleich zu zum-Tode-Verurteilten verlängern wollten. Quasi: In beiden Fällen verfügt das Strafsystem über die Häftlinge bis zu ihrem Lebensende, bei letzteren würde dieses Lebensende aber "wenigstens" (das ist kein Zitat) früher und berechenbar eintreten.

Gut, dass Judith Butler zu dieser These - von ihrem Vortragstext zum Publikum aufblickend - erklärt hat: "Das ist nicht meine Meinung." Denn die ganzen Fragen von Justizirrtümern, vorzeitiger Entlassung bei Lebenslang-Urteilen und dem konkreten Kampf gegen die Todesstrafe in den USA werden von der Derrida-These - zumindest wie sie Butler vorgestellt hat - nicht einmal berührt.

Todestrieb: Die Todesstrafe im Inneren

Um die konkrete Todesstrafe ging es Butler in ihrem Vortrag aber auch gar nicht. Sondern sozusagen um das Prinzip der Grausamkeit, das hinter ihr und anderen Strafformen steht. Dem Anlass entsprechend wendete sie sich deshalb mit Derrida den Überlegungen Sigmund Freuds über Aggressionen zu. Entgegen seinen früheren Annahmen, wonach der Mensch in erster Linie vom Lustprinzip beherrscht sei - seine Erfüllung also in der Befriedigung von Wünschen findet - spekuliert Freud in seinem Spätwerk heftig mit einem Todestrieb.

Dieser Todestrieb äußere sich in verschiedenen Formen, etwa als grundlegende Destruktivität, erotischer Sadismus oder Zerstörung sozialer Bindungen. Agent dieses Todestriebs könnte das Über-Ich sein, legte Butler nahe - also jene der drei Instanzen, aus denen laut Freud der psychische Apparat besteht, die man mit dem Volksmund auch als Gewissen bezeichnen kann. "Der Todestrieb wirkt durch das Über-Ich, er ist eine Art Todesstrafe im Inneren der Psyche", sagte Butler.

Judith Butler

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

Wenn das so ist, dass es etwas grundlegend Grausames in uns gibt, dann gibt es natürlich kein Entkommen - weder für die Gegner noch die Befürworter der Todesstrafe. Diese Verstrickung der beiden "in den Todestrieb", wie sie Derrida "provokant" diagnostiziert, fand Butler zwar "intellektuell reizvoll". Sie teilte die Diagnose dennoch nicht, denn sie würde zu zwei Fehlern führen.

Erstens weil dabei vorausgesetzt werde, dass der einzige Weg zur Gewaltlosigkeit die gewaltsame Unterdrückung aggressiver Impulse sei. Aggression könne aber - im Sinne Freuds Lustprinzip - auch anders umgeleitet werden: im Rahmen bestehender sozialer Bindungen zu Agonismus (Butler nahm das Wort "Sport" nicht in den Mund, es ist aber zulässig) oder zu regelgeleiteten Spielen (etwa in der sadomasochistischen Szene).

Zweitens würde Derrida zu wenig dem Rechnung tragen, was Freud "Gefühlsambivalenz" genannt hat. Butler beschrieb das so: "Wir können in der Liebe die Ambivalenz nicht überwinden, da wir immer in der Gefahr stehen, das zu zerstören, an das wir am stärksten gebunden sind, und von denen verwundet und zerstört zu werden, von denen wir am stärksten abhängig sind."

Das gilt ganz besonders für die Entwicklung des Kindes, das von seiner Mutter abhängig ist, wie es die Kinderpsychologin Melanie Klein beschrieben hat, das gilt aber auch für die Liebe an sich. In dieser Ambivalenz der Liebe rangeln Lustprinzip und Todestrieb sozusagen miteinander, und aus dieser Rangelei kann sich ein ethischer Grundsatz ergeben, der auch für die Debatte um die Todesstrafe relevant ist. Er lautet in den von Butler zitierten Worten Melanie Kleins, "gerade das Leben zu bewahren, dessen Zerstörung in unserer Macht steht und manchmal auch in unserem Interesse liegt".

Judith Butler

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

Mit dem anderen werde auch ich zerstört

Um ein plakatives Beispiel zu nennen: Man kann den Täter, der das eigene Kind getötet hat, abgrundtief hassen und seinen Tod wünschen. Hass und Todeswunsch seien verständlich, sagte Butler. Ihn nicht zu töten, sei aber für unsere Menschlichkeit zentral.

Sie plädierte deshalb für eine Verschiebung der Aufmerksamkeit weg von der Triebtheorie, hin zu einer der Relationalität, der sozialen Bezogenheit. Oder wie Butler in der sehr beschwingten Fragerunde nach ihrem Vortrag erklärte: "Man darf den anderen hassen. Aber wenn ich den anderen zerstöre, zerstöre ich auch meine Bezogenheit zu ihm." Wir würden damit quasi unser eigenes soziales Wesen abtöten und uns selbst Schaden zufügen.

"Gerade weil wir zerstören können, sind wir dazu verpflichtet, es nicht zu tun", lautete folgerichtig die paradoxe Zusammenfassung ihrer ethischen Forderungen, die Butler unter donnerndem Applaus zu ihrem Schlusswort machte.

Job der Philosophin: "Reflexionsräume öffnen"

Was das konkret für das Gefängniswesen heißen kann, dabei blieb sie sehr ungefähr. Zwar bezog sie sich positiv auf die US-Bürgerrechtlerin und Philosophin Angela Davis, die den "Gefängnis-Industrie-Komplex" in den USA als rassistisch einstuft und ihn durch "heilende", nicht von Rache beseelten Sozialmaßnahmen ersetzen möchte.

Ob es aber wirklich so eine gute Idee ist, die Gefängnistore heute zu öffnen, veranlasste sie bloß zu der Frage: "Kann das die zerstörerischen Effekte kontrollieren, die sich aus der Enthaftung der Kriminellen ergeben würden?" Butler beantwortete sie zwar nicht, legte aber ein Nein nahe.

Dass sich die Philosophin - zumindest an diesem Abend - nicht unbedingt in die praktische Politik einmischen wollte, verriet auch ein anderes Nein. Jenes nämlich, das ein Fragesteller erhielt, der sich danach erkundigt hatte, ob sie ihre Ansichten schon mit Obama und Putin besprochen hätte.

"My job is to open up a space of reflection", fasste sie ihr Selbstverständnis demgegenüber zusammen. Erstaunlich, dass in diesem Raum nicht Platz genug war für einen einzigen Satz über die andere Seite der Grausamkeit - nicht jene, die die Täter erwartet, sondern jene, die sie ihren Opfern zugefügt haben.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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