Standort: science.ORF.at / Meldung: "Opfer leiden, Täter profitieren teilweise"

Ein Kind hält schützend die Arme vor sein Gesicht.

Opfer leiden, Täter profitieren teilweise

Mehr als ein Viertel der Kinder und Jugendlichen in Österreich sind schon einmal Opfer von Mobbing geworden. Das kann negative Auswirkungen haben, die ein Leben lang andauern, zeigt nun eine US-Studie.

Mobbing 13.05.2014

Kinder und Jugendliche, die im Schulalter von anderen gedemütigt oder schikaniert wurden, zeigen demnach noch im Erwachsenenalter Anzeichen einer chronischen Entzündung im Körper. Auch der Umkehrschluss scheint zu stimmen: Denn laut Studie ist es der Gesundheit zuträglich, selbst zu mobben.

Blutwerte wie bei chronischer Entzündung

Die Studie:

"Childhood bullying involvement predicts low-grade systemic inflammation into adulthood" erscheint am 12. Mai 2014 in den "Proceedings of the National Academy of Sciences" (DOI:10.1073/pnas.1323641111).

Ö1 Sendungshinweis:

Einen Bericht über die Studie hören Sie auch in "Wissen Aktuell" am 13. Mai 2014 um 13.55 Uhr.

Forscher aus Großbritannien und den USA haben über Jahre hinweg knapp 1.500 Kinder und Jugendliche untersucht. Dabei hat sich gezeigt, dass Mobbingopfer bis ins junge Erwachsenenalter mehr C-reaktives Protein, kurz CRP, im Blut haben als ihre Altersgenossen. Der CRP-Wert ist ein Anzeichen für Entzündungen, Mobbing zeichnet sich also als leichte chronische Entzündung im Blut ab.

Dass Mobbing eine starke Belastung für Körper und Psyche darstellt, bestätigt auch der Wiener Kinder- und Jugendpsychiater Christian Popow: "Es kann sein, dass diese Kinder den Appetit verlieren, dass sie die Leistungsbereitschaft verlieren, dass sie unter sogenannten psychosomatischen Beschwerden wie Kopfweh, Bauchweh oder Gelenksbeschwerden zu leiden beginnen." Mobbing stelle ein Trauma dar, so der Mediziner weiter. Längerfristig führe das zu Depressionen, posttraumatischen Belastungsstörungen und in besonders schlimmen Fällen sogar zum Suizid.

Täter gesünder?

So offensichtlich wie für die Opfer sind die Konsequenzen für Täter nicht. Auf den ersten Blick scheinen sie sogar vom Mobbing zu profitieren, denn laut Studie haben sie niedrigere Entzündungswerte als jene Kinder und Jugendlichen, die nie mit Mobbing zu tun hatten. "Unsere Studie zeigt, dass die Rolle eines Kindes beim Mobben sowohl ein Schutz- als auch ein Risikofaktor für eine niedriggradige Entzündung sein kann", sagt der Erstautor der Studie, William Copeland von der Duke University.

Aber auch sie leiden unter ihrem aggressiven Verhalten, sagt der Psychiater Christian Popow: "Auch die Täter kommen nicht so ungeschoren davon, wie man vielleicht denken möchte. Sie sind oft in den schulischen Leistungen gar nicht so gut und sie haben ein großes Risiko, dass sie im Erwachsenenalter auch in ihrer Familie gewalttätig sind, dass sie auch am Arbeitsplatz nicht so beliebt sind." Damit, so Popow steige auch die Gefahr, später weiter zu mobben. "Aber am Arbeitsplatz kommt das vielleicht nicht mehr so gut an wie in der Schule."

Täter wollen Selbstwert aufbauen

"Opfer haben oft, aber nicht immer eine Eigenschaft, die sie vom Rest der Altersgruppe unterscheidet", sagt der Psychiater Christian Popow. Physische Merkmale wie Größe, Gewicht oder Haarfarbe würden so oft Anlass zum Mobbing bieten. "Aber oft sind es auch nur zugeschriebene Eigenschaften", sagt der Psychiater. Durch die Beschimpfungen, denen das Opfer beim Mobbing ausgesetzt ist, solle es gedemütigt oder gefügiger gemacht werden. Aber auch der Spaß daran, andere zu ärgern, sei ein Motiv: "Wenn man einen Knopf gefunden hat, den man drücken muss, und es entsteht eine unangenehme Reaktion, dann sind die Täter versucht, diesen Knopf möglichst oft zu drücken."

Dem Täter liefert das ein gesteigertes Selbstwertgefühl, gerade im Umfeld Schule werde dadurch oft die eigene Position in der Gemeinschaft gestärkt, sagt Popow: "Hier haben wir ein ganz großes Problem: dass sich die Klassengemeinschaft selten mit den Opfern, sondern eher mit den Tätern solidarisiert".

Der gesteigerte soziale Status des Täters dürfte eben auch einen "biologischen Vorteil" haben, folgern die Studienautoren im Hinblick auf die niedrigeren CRP-Werte von Mobbing-Tätern. Aber: "Es gibt auch andere Wege als Mobbing, um sozialen Erfolg zu erfahren."

Clemens Wolf, Ö1

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